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Hilfe von oben – Folge 33: Besessen wie John D. Rockefeller

Tipps von der Tour, ausprobiert vom Amateur – die wöchentliche Kolumne von Stefan Maiwald 


Er war überzeugt davon, ohne Golf zu sterben. Wurde John D. Rockefeller deswegen so alt? Der seinerzeit reichste Mann der Welt und erste Dollarmilliardär der Geschichte war vom Golf völlig besessen.

Auf jedem seiner Anwesen ließ er Plätze anlegen, und er ließ seinen Schwung als erster Golfer überhaupt mit Hilfe von Kameras aufnehmen – obwohl das Kino mal so gerade eben erfunden worden war.

Ich weiß: Wir entfernen uns gerade ein wenig vom generellen Thema dieser Kolumne, denn John D. Rockefeller hat ja auf keiner Tour gespielt. Dennoch können wir von ihm lernen. 

Der Besitzer von Standard Oil kam erst mit Mitte 50 zum Golf. Er hielt viel von einem geregelten Tagesablauf. Pünktlich um 10.15 Uhr teete er auf. Er hatte mehrere Caddies dabei, von denen einer nur die Aufgabe hatte, seinen Herrn vor jedem Schwung zu erinnern: »Mr. Rockefeller, lassen Sie den Kopf unten.« Ein anderer Caddie musste mit einem Crocket-Schläger den rechten Fuß des Exzentrikers auf den Boden drücken, der sich beim Drive viel zu schnell hob.

Hier sieht man ihn als Neunzigjährigen beim Golfen: 

www.youtube.com/watch

Im hohen Alter setzte sich Rockefeller aufs Fahrrad (Golf-Carts gab es noch nicht), aber trat nicht in die Pedale, um keine wertvolle Energie zu verschwenden. Die Caddies schoben ihn an, was doch ein ziemlich groteskes Bild abgegeben haben muss.

Seine Kontobelege beweisen, dass er in einem Jahr 500.000 Dollar für Golf ausgegeben hat – nach heutigem Wert gut und gern 10 Millionen Dollar. Das ist umso erstaunlicher, da er in allen anderen Angelegenheiten ein unfassbarer Geizhals war, der nicht einmal im Winter sein Schlafzimmer heizen ließ und für Gäste einen Münzfernsprecher installierte, damit niemand auf seine Kosten telefonierte.

Weil er sich völlig sicher war, dass Golf sein Leben verlängern würde (er hatte das unerbittliche Ziel, 100 Jahre alt zu werden), ließ er meteorologische Daten von allen seinen Anwesen führen, um zu wissen, wann er wo sein musste, um ja keinen Golftag dem schlechten Wetter opfern zu müssen.

In Westchester erwischte ihn dann doch einmal ein Schneetag. Trotzdem ließ er den Pro rufen. »Spielen wir eine Runde?« fragte Rockefeller. »Sir, der ganze Platz ist eingeschneit«, antwortete der Pro. »Jetzt nicht mehr«, antwortete der Milliardär. Und tatsächlich: Als die beiden zum Club kamen, leuchtete er in sattem Grün. Rockefeller hatte den gesamten Platz – Fairways, Bunker, Rough, Grüns – von seinen Angestellten freischaufeln lassen…

Schaffte John D. Rockefeller die 100? Nicht ganz: Er starb 1937 mit 98 Jahren. Bis zu seinem 91. Lebensjahr spielte er Golf.

Was können wir von ihm lernen, außer, dass es gut ist, reich zu sein? Unsereins spielt Golf nicht, um uralt zu werden. Aber die Besessenheit, ein Ziel zu verfolgen – die sollten wir uns aneignen.

Obwohl: Jeder, der schon einmal mit den Füßen im Schnee auf dem Golfplatz stand oder der eigenhändig die Bälle aufsammelte, weil der Automat eingefroren war, und jeder, der schon einmal seinen Teppich, das Parkett oder gar die Decke mit einem Wohnzimmerschwung beschädigt hat, weiß, wie sich Besessenheit anfühlt. In uns allen steckt ein kleiner Rockefeller. 

Stefan Maiwald
The fine art of hanging out

ist als Autor seit Jahren begeisterter Golfer und findet sein Glück auf Golfplätzen, um dort seine wertvolle Lebenszeit zu verschwenden. 
www.postausitalien.com

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