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Bernd Gerland über Yips und Gegenmaßnahmen

»Da kommt die pure Verzweiflung raus«

Der PGA-Master-Professional hat sich im Rahmen einer Forschungsarbeit intensiv mit dem Thema Yips auseinandergesetzt. Im GJ-Interview erklärt er das Phänomen, beschreibt dessen Ursachen und zeigt Lösungswege auf.

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GJ: Herr Gerland, was sind bis jetzt die überraschendsten Erkenntnisse aus der von Ihnen betriebenen Forschung?
Gerland: Dass das Yips-Phänomen weiter verbreitet ist als man glaubt. Ich habe es zwar geahnt, aber jetzt habe ich mehr Belege dafür, dass es wirklich so ist, und ich denke, dass circa 30 bis 40 Prozent der deutschen Golfer in irgendeiner Form an Yips leiden. Erstaunlich ist auch, dass Yipper mit bestimmten Techniken durchaus in der Lage sind, einigermaßen respektabel zu spielen, und dass es gelingt, die Yips wegzubekommen – zumindest unter Laborbedingungen.

GJ: Wie beschreiben denn Betroffene diesen Zustand?
BG: Ziemlich ähnlich. Da wackelt was, das ist dramatisch, ich habe überhaupt keine Kontrolle mehr, es fühlt sich grässlich an, ich bin nicht mehr ich selbst, ich habe eine Alien-Hand. Da kommt schon die pure Verzweiflung raus. Ich denke, als Außenstehender kann man gar nicht ermessen, wie furchtbar das für den Betroffenen ist. Man sieht nur das Ergebnis und denkt sich, hoffentlich bekomme ich das nicht.

GJ: Weiß man mittlerweile mehr über die Ursachen Bescheid, oder fischt man hier immer noch ein wenig im Trüben?
BG: Nun gut, wir stehen ja hinsichtlich der Forschung gerade mal am Anfang. Nach meinen Ergebnissen ist es ein Konditionierungsprozess, der stattgefunden hat zwischen Ball und Schläger, und dieser Kontakt wird zu früh antizipiert. Ich nenne es Impact-Panik. Damit sind wir dann auf der Lernschiene, bei ungewollten, unbewussten, negativen Lernprozessen, schlechten Angewohnheiten, die sich verselbstständigt haben. Nach allem, was ich erlebt und untersucht habe, hat Yips psychologische Ursachen, denn anders kann ich es auch nicht erklären, dass es relativ schnell gelingt, Bedingungen zu schaffen, bei denen Yips ganz oder teilweise weg ist. Das zeigt mir ganz klar, dass es sich nicht um eine Systemdegeneration in gewissen Strukturen wie beispielsweise dem Kleinhirn handelt.

GJ: Was war eigentlich der Grund für Sie, sich derart intensiv mit dem Thema Yips zu befassen?
Bernd Gerland: Ich hatte selbst Yips-Probleme beim Tennisspielen. Meine Vorhand brach total zusammen, und im Prinzip konnte mir keiner so richtig helfen. Ich habe dann mit Tennis aufgehört, aber das Thema Yips hat mich weiterhin berührt und belastet. Während meiner Arbeit als Golftrainer habe ich dann gesehen, dass es auch im Golf dieses Phänomen gibt. Daraufhin habe ich beschlossen, dass man mehr über dieses Phänomen erfahren muss, für meine Schüler und natürlich auch für mich selbst.

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GJ: Wie kam es dann zu der Zusammenarbeit mit dem Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule?
BG: Ich bin einfach mit einem betroffenen Schüler von mir hingegangen und habe den Verantwortlichen erklärt, dass es hier etwas gibt, das noch weitestgehend unerforscht ist, und dass es Zeit ist, mehr darüber zu erfahren. Der Professor fand das Thema interessant, und das war sozusagen der Startschuss. Aus dieser Zusammenarbeit haben sich dann auch noch weitere Projekte entwickelt.

GJ: Yips gibt es ja auch in anderen Sportarten wie Darts oder Tischtennis und auch in der Musik. Was ist das verbindende Element dabei?
BG: Ob man den Musikerkrampf wirklich mit Yips beim Golf vergleichen kann, lass ich mal dahingestellt, aber das verbindende Element ist in jedem Fall die motorische Störung. Will heißen: Ich kann eine Bewegung eigentlich ganz gut, und plötzlich kann ich sie nicht mehr. Das Ganze ist dann mit einer Auffälligkeit der Handmotorik gekoppelt, die stark einem Tremor ähnelt, also einem Zucken oder Wackeln. Die Leistung leidet dementsprechend deutlich unter dieser Störung – auch das verbindet die unterschiedlichen Sparten, und man kann das Sportgerät oder Instrument einfach nicht mehr bedienen. Ob es jedoch eine gemeinsame Ursache dafür gibt, ist allerdings noch nicht erforscht.

GJ: Wie war der grobe Aufbau der Studie?
BG: Zunächst musste man das Phänomen analysieren, die Ausprägungen kategorisieren, die Diagnostik ausdifferenzieren und sich ein Bild über die Forschungslücken machen. Danach habe ich dann eine Einzelfallstudie mit drei Betroffenen über mehrere Wochen gemacht und dokumentiert, was sich aufgrund meiner Behandlung getan bzw. verändert hat.

GJ: Es heißt ja, dass eine der Ursachen schlechte Erfahrungen und Druck sind. Gibt es Yips eigentlich auch bei Anfängern, die ja gar keine Erwartungshaltung haben, und wenn ja, warum?
BG: Dass nur Experten die Yips bekommen, ist ein Mythos. Erstaunlicherweise ist die Häufigkeit bei Anfängern sogar deutlich höher. Viele davon haben auch schon andere Ballsportarten gemacht, und möglicherweise spielen die dort gemachten Erfahrungen eine unterbewusste Rolle. Offensichtlich hat es eher etwas mit der Tatsache zu tun, dass der Schläger auf den Ball trifft und man damit etwas antizipiert, also vorwegnimmt. Das bringt einen dann auch von der neurologischen Schiene weg, denn warum sollen ausgerechnet Anfänger ein neurologisches Problem haben.

GJ: Aber wie kann es sein, dass jemand, der Tennis spielt und dann zu golfen beginnt, Yips bekommt, wenn vorher keine Anzeichen dafür sprachen?
BG: Ich denke, es hängt mit der Geschwindigkeit zusammen. Beim Tennis oder Squash geht ja alles viel schneller, beim Golf dagegen ist alles viel langsamer. Möglicherweise hat sich derjenige schon motorisch etwas angeeignet, was aber aufgrund der Schnelligkeit der Sportart nicht »herausgekommen« ist. Und beim langsameren Golf bricht es dann durch.

GJ: Wie ist das denn mit dem Henne-Ei-Prinzip, sprich: Was ist zuerst da, Yips oder die Angst davor, dass es kommt?
BG: Schwierige Frage. Ich bin mir mittlerweile ziemlich sicher, dass die Angst davor erst später kommt. Deswegen bin ich auch kein großer Freund davon, sofort den Psychologen ins Boot zu holen, der eine Angstbehandlung durchführt. Das behebt das eigentliche Problem nicht. Ich lerne vielleicht, besser damit umzugehen, aber die Yips gehen deswegen ja nicht weg. Wenn man motorisch ansetzt, wird die Angst auch weniger. Das scheint mir der bessere Weg bei der Bewältigung dieses Phänomens zu sein.

GJ: Apropos Bewältigung, Sie haben ja bereits Übungen entwickelt, mit denen man dem Yips-Phänomen beikommen kann. Wie sehen die aus?
BG: Das Stichwort ist Verfremden der Aufgabensituation, in der ein Yipper zwar mit Ball und Schläger unterwegs ist, er aber mit einer anderen Aufmerksamkeitsstruktur konfrontiert wird. Geschwindigkeit und Präzision werden dabei herausgenommen. Den Ball am Boden festzukleben oder ihn an eine Schnur zu hängen, ist eine Möglichkeit. Ebenfalls ohne Ziel, also Loch, zu putten. Andere Bälle verwenden ist auch ein probates Mittel. Dann muss ich eine Hierarchie aufbauen, in der man den Yipper zunächst aus der ganz normalen Yips-Situation herauszieht und dann nach und nach wieder dorthin führt, indem man die Verfremdung reduziert, bis man am Ende wieder bei der normalen Putt-Situation ist. Wichtig dabei ist immer das Coaching, also das Nachfragen, was war anders, was hast du gedacht, da das Phänomen sehr stark an kognitive und emotionale Prozesse gekoppelt ist. Nur wenn man in sich hineinhört, spürt man auch die positiven Veränderungen und kann darauf aufbauen.

GJ: Gibt es, salopp gesagt, ein Allheilmittel, oder ist jeder Yips-Betroffene individuell zu therapieren?
BG: Momentan ist es noch zu früh, als dass man ein Rezept ausstellen kann, wie man dem Yips beikommt. Klar, es gibt ein paar Kernübungen, aber im Prinzip läuft das nach dem Prinzip »Trial and Error«, bei dem man verschiedene Übungen ausprobiert, um zu erkennen, was besser funktioniert. Alles andere wäre unseriös, da Yips zu speziell und zu komplex ist.

GJ: Wie lange braucht es, um erste Erfolge in der Therapie zu sehen?
BG: Ich habe ja keinen Expresskurs durchgeführt, sondern ein Mal in der Woche mit den Leuten gearbeitet. Bei einem waren erste Erfolge nach vier Wochen zu sehen, bei anderen dauerte es sechs bis sieben Wochen, bis die alten Strukturen sichtbar aufgebrochen waren. Für chronische Yipper ist mit intensivem Coaching und dem Eigentraining sicherlich ein Zeitraum von mindestens acht Wochen anzusetzen. Wie gesagt, kurzfristige Erfolge sind schneller zu sehen, aber damit sich auch langfristig Erfolge einstellen, die dann dem Turnierdruck standhalten, muss man wirklich Geduld haben. Da hat sich über Jahre etwas negativ entwickelt und eingeschliffen. Deshalb kann es auch gar nicht sein, dass man in kürzester Zeit nachhaltig therapieren kann.

Steckbrief

Bernd Gerland

Der PGA-Master-Professional, Diplom-Sportlehrer und Doktor der Sportwissenschaft arbeitet seit 1999 als Trainer auf der Golfanlage Sankt Urbanus zwischen Köln und Bonn und war dort maßgeblich am Aufbau der Dr. Velte Golfakademie beteiligt. Gerland hat sich im Rahmen einer Forschungsarbeit an der Deutschen Sporthochschule intensiv mit dem Thema Yips auseinandergesetzt.

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