The Open 2017 – VorschauPorsche European Open 2018
The 147th Open

Das Biest ist bereit

Das traditionsreichste Major im Golf wird zum achten Mal in Carnoustie ausgetragen. Viele Pros zittern jetzt schon vor dem brutalen Platz in Schottland.

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Links-Golf ist immer etwas Besonderes. Links-Golf ist eine knifflige Sache. Aber das, was der Championship Course von Carnoustie den Spielern an Aufgaben vor die Füße wirft, ist an Brutalität kaum zu überbieten. Denn der Parcours der 147. British Open ist noch ein wenig unberechenbarer als so viele andere Links-Plätze.

Doch was macht den Platz (Startzeiten, 1. Runde) so schwierig? Es ist nicht die Länge, sondern eine Kombination aus vielen Faktoren. Zunächst einmal ist Carnoustie der nördlichste Open-Austragungsort, 700 Kilometer weiter im Norden als beispielsweise Royal St. George’s, der Open-Schauplatz 2020. Der Wind weht hier eigentlich immer, und ein paar empfindliche Grad kühler ist es sowieso. Das Rough ist besonders dick, und es heißt, die Greenkeeper würden es sogar regelmäßig düngen, um es undurchdringlich zu halten. Besonders tückisch ist der Barry Burn, ein winziger Graben, der auf der 18, dem schwersten Schlussloch der Golfwelt, jeden missratenen Ball abgreift. Sie erinnern sich an Jean Van de Velde? Und die Aus-Grenze ragt praktisch bis ans Fairway und ans Grün heran.
Zudem sorgt Carnoustie auch mit fiesen Psychotricks für Schwierigkeiten. Trotz Links-Land kommt das Meer nirgendwo in Sicht, man spielt in grauer, mörderischer Umgebung, ohne je einmal einen Blick auf die See genießen zu können. Und: Bei vielen Links-Plätzen gehen die »Outward Nine« in eine Richtung, die »Inward Nine« kommen zum Clubhaus zurück – die Spieler müssen sich letztlich nur auf zwei Windrichtungen einstellen. Carnousties Tücke besteht in einem G-förmigen Layout, das die Pros jedes Mal erneut vor ein Rätsel stellt und alle Aufmerksamkeit abverlangt. Jeder Wind, der vorkommen kann, kommt auch vor. Und das schlaucht.

US-Stars als Retter

Der Course trägt den bezeichnenden Spitznamen »The Beast« oder »Car-nasty«. Dabei müssen wir Golf-Fans Carnoustie eigentlich dankbar sein. Denn die British Open war nach dem Zweiten Weltkrieg so gut wie erledigt. Schlecht gepflegte Plätze, niedriges Preisgeld, lausige Unterkünfte, teilweise sogar noch Lebensmittelkarten: Kein Spitzen-Pro aus Übersee interessierte sich für das Turnier, und das große Turniergolf spielte sich ohnehin längst in Amerika ab. Damals musste zudem noch mit dem Schiff tagelang über den Atlantik gereist werden; die US-Golfer winkten dankend ab.

The Open war weit davon entfernt, als Major-Turnier ernst genommen zu werden, und möglicherweise wäre sie bald ein zwar traditionsreiches, aber letztlich ganz gewöhnliches nationales Open-Event wie die French Open oder Irish Open geworden. Doch das änderte sich 1953, als Ben Hogan nach Carnoustie kam und gewann – obwohl die Europäer damals noch mit einem kleineren Ball spielten und Hogan sich umgewöhnen musste (er trainierte im nahen Panmure Golf Club). Zwar würde Hogan nie mehr in die wurmstichigen Betten zurückkehren, aber er brachte mit seinem Sieg in Carnoustie die British Open wieder ins Bewusstsein der Golf-Fans.

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Carnoustie Golf Links

Open-Sieger

1931: Tommy Armour
1937: Henry Cotton 
1953: Ben Hogan
1968: Gary Player 
1975: Tom Watson
1999: Paul Lawrie
2007: Padraig Harrington
2018: ???

1960 nahm sich Arnold Palmer ein Beispiel an seinem Landsmann, trat bei der Open in St. Andrews an und verlor um einen Schlag. »Ich komme zurück, bis ich dieses Turnier gewinne«, sagte er anschließend vor der jubelnden Menge. Im darauffolgenden Jahr in Royal Birkdale klappte es. Ein Jahr später waren neben Palmer auch Stars wie Sam Snead nach Großbritannien gereist, und die US-Presse erkannte The Open nun ebenfalls als ein Major-Turnier an. 

Die Deutschen: (k)eine große Liebe

Aus deutscher Sicht allerdings ist die Geschichte der Open eine Leidensgeschichte. Deutschland stellte keinen einzigen Gewinner in mehr als 150 Jahren, obwohl Bernhard Langer, Alex Cejka und einmal sogar Tino Schuster zwischenzeitlich ganz vorn lagen. Langer gestand mal, dass die Open sein Lieblingsturnier seien. Zwei Mal wurde er Zweiter und vier Mal Dritter. Selbst kurz vor seinem 48. Geburtstag schaffte er noch einmal den fünften Platz. 

»Wir hatten immer unglaubliches Pech«, erinnert sich Caddie Peter Coleman und meint damit vor allem die Wetterkapriolen in Royal St. George’s im Jahr 1985, die Langers Open-Sieg wortwörtlich verwehten. »Wir mussten lange Eisen in die Grüns schlagen, doch bei Sandy Lyle waren Wind und Wetter immer perfekt: Er hatte höchstens noch ein Eisen 8 in der Hand.«

Ausgerechnet in jenem Jahr ereignete sich übrigens auch ein Vorfall, den es wohl nur bei einem traditionsreichen, britischen Turnier geben kann: Langer trug erstmals einen Pullover seines neuen Ausrüsters. Auf dem Rücken stand in Großbuchstaben der nicht sehr dezente Schriftzug »BOSS«. Der R&A und auch die BBC waren »not amused« und drohten damit, Langer im Wiederholungsfall von den Bildschirmen zu verbannen. 

Doch die Geschichte fand ein märchenhaftes Happy-End. Im Juli 2010 gewann der Anhausener zum ersten Mal ein Major auf der Champions Tour – und genau das, welches ihm am meisten bedeutete: die Senior Open Championship. Und er gewann ausgerechnet in Carnoustie. »Dieser Sieg steht in meiner persönlichen Liste ganz weit oben. Es ist ein Erlebnis, diesen Pokal in den Händen zu halten«, sagte der damals 52-Jährige im Anschluss.

Was uns zu einer ganz wilden Spekulation bringt: Hätte der mittlerweile 60-Jährige in diesem Jahr eine Siegchance in Carnoustie? Als Sieger der Senior British Open 2017 ist Langer in diesem Jahr startberechtigt und muss nicht durch die Qualifikation. Und bei genauerer Betrachtung ist der Gedanke gar nicht mehr ganz so abwegig: Im Jahr 2009 hätte der 59-jährige Tom Watson um ein Haar die Open gewonnen, denn auf Links-Plätzen zählt Erfahrung viel mehr als Länge vom Tee. 

Natürlich wäre ein Sieg Bernhard Langers eine Sensation. Wer weiß, was er noch zu leisten imstande ist? Nur eines müsste dieses Mal bitteschön passen: das Wetter.

mehr: The Open

Claret Jug
Die berühmteste Trophäe der Golfwelt

Die ersten Open-Sieger schmückten sich wie Boxer mit einem Championship-Gürtel aus rotem Leder mit silberner Schnalle. Als Young Tom Morris die Open zum dritten Mal hintereinander gewann, durfte er den Gürtel behalten; eine neue Trophäe musste her. Die Silberschmiede Mackay Cunningham & Company aus Edinburgh fertigte eine Kanne an. Kosten: 30 Pfund. Weil aber The Open 1872 erst in letzter Minute zustande kam, wurde die Kanne nicht rechtzeitig zu Young Tom Morris’ vierten Sieg fertig – dennoch ist sein Name als erster eingraviert.
Kein Champion darf die »Claret Jug« länger als ein Jahr behalten, und die eigentliche Kanne geht auch nicht mit auf Reisen; der Spieler bekommt ein baugleiches Replikat, das er vor dem nächsten Open-Turnier zurückgeben muss. Er darf sich aber auf eigene Kosten bis zu fünf Kannen in einem kleineren Maßstab anfertigen lassen. 
Der Graveur muss übrigens fix arbeiten, denn der Open-Champion erhält die Silberkanne bereits bei der Siegerehrung mit seinem verewigten Namen. Eine beliebte Spekulation ist, wann die Gravurarbeiten in der Schlussrunde anfangen. So soll der Graveur 1999 angeblich bereits mit »Jean Van de Velde« begonnen haben, als der Franzose noch auf der Schlussbahn war. Und als Mark Calcavecchia 1989 die Open gewann, hat er als Erstes gesagt: »Wie um alles in der Welt wollen die meinen Namen auf das Ding bekommen?«

Denkwürdige Open-Momente

1869: Young Tom Morris gewinnt die Open in Prestwick vor seinem Vater, der Zweiter wird.

1930: Bobby Jones gewinnt nach der British Amateur Championship auch die Open in St. Andrews und wird später im Jahr den Grand Slam holen.

1953: Ben Hogan zähmt bei seinem ersten und einzigen Auftritt in Schottland die Bestie von Carnoustie.

1977: Beim »Duell unter der Sonne« setzt sich Tom Watson in Turnberry gegen Jack Nicklaus durch.

1999: Jean Van de Velde bricht trotz drei Schlägen Vorsprung auf der Schlussbahn von Carnoustie ein; die Open wird bei verheerendem Wetter zum Überlebenstraining.

2007: Im Stechen setzt sich Padraig Harrington in Carnoustie gegen Sergio Garcia durch und sorgt für den ersten Major-Triumph eines Europäers nach zehnjähriger Durststrecke.

2009: Tom Watson ist mit fast 60 Jahren in Turnberry nur einen Zwei-Meter-Putt von seinem sechsten Open-Sieg entfernt.

2016: Im hochklassigsten Schlussduell der Open-Geschichte setzt sich Henrik Stenson (63 Schläge) in Royal Troon gegen Phil Mickelson (65 Schläge) durch.

2017: Jordan Spieth gewinnt die Open in Royal Birkdale mit einem Fabelschlag von der Driving-Range aus.

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