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Ryder Cup USA-Europa

Die größte Show im Golf

Nach zuletzt drei Niederlagen in Folge gehen
die USA erstmals wieder als leichter Favorit
in ein Ryder Cup-Match

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Autor

Stefan Maiwald

ist Buchautor, Kolumnist, Single-Handicapper und langjähriger GJ-Autor 

Englische Wissenschaftler machten sich einmal folgenden Spaß: Wie viele Spieltage müsste eine Fußballliga haben, um am Ende eine wirklich gerechte Tabelle abzubilden, die Glück und Unglück (Abseitstore, Lattentreffer, Schiri-Fehlentscheidungen) ausgleicht und jedem Club genau den verdienten Tabellenplatz zuweist? Die Antwort der Statistiker: mehr als 1.000 Spieltage – und nicht 34 oder 36. 

Was das mit dem Ryder Cup zu tun hat? Ganz einfach: Es ist unmöglich, aus einer Mini-Serie eine Gesetzmäßigkeit abzuleiten, so verlockend es auch sein mag, gerade für uns Journalisten, die wir ja immer versuchen, alles in ein größeres Bild einzuordnen und auch das Unerklärliche zu erklären. Ja, Europa hat in den letzten Jahren sehr, sehr gut gespielt.

Seit 1995 wurden acht von zehn Cups gewonnen, zuletzt drei Mal in Folge.

Doch daraus ergibt sich noch keine gesetzmäßige Überlegenheit der Europäer oder gar eine Favoritenrolle für den bevorstehenden Wettstreit im Hazeltine National Golf Club in Minnesota. Und wegen der zu geringen statistischen Grundmenge sind auch alle Deutungsversuche für die – natürlich unbestrittenen – europäischen Erfolge recht dünn. Schauen wir sie uns einfach mal genauer an.

Was macht das Team Europa 
so stark?

Erster Versuch: Die Europäer hätten mehr Team-Geist. Obwohl sie nicht einmal die gleiche Sprache sprechen und sich unter einer Fahne scharen, die für ein politisches Europa steht, das seit Jahren an Beliebtheit verliert? (Dieses Jahr war sogar unsicher, ob man wegen des Brexits wieder unter dem blau-goldenen Sternenbanner der Europäischen Union antreten würde. Schließlich nickte man die Fahne ab.) Außerdem hegen langjährige Ryder-Cup-Helden wie Padraig Harrington und Sergio Garcia eine innige Abneigung füreinander, mit Colin Montgomerie wollte kaum einer ein Bier trinken gehen, und auch Nick Faldo und Severiano Ballesteros waren 1995 und 1997, als die europäische Siegesserie in Oak Hill und Valderrama begann, alles andere als beste Freunde. 

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Zweiter Versuch: Für die Europäer sei der 
Ryder Cup »wichtiger«. Aber müssten sie dann den Druck nicht umso mehr spüren? Man könnte ja auch umgekehrt sagen, dass man, mit unbedingtem Willen und viel Adrenalin vollgepumpt, im Golf selten etwas reißt.

Dritter Versuch: Die Europäer bereiten sich besser vor, heißt es – sie hätten die umsichtigeren Kapitäne. Doch wie genau kann eine  Vorbereitung aussehen? Was hilft alle detaillierte Planung, wenn ein Weltklassespieler wie Phil Mickelson plötzlich gegen ein Mauerblümchen wie Philip Price eingeht oder ein anderer Weltklassespieler wie Jim Furyk, der sonst mit konstantem und präzisem Spiel glänzt, beim Ryder Cup fast zwei Drittel seiner Matches verliert?

Viertens schließlich wird behauptet, Europäer seien an Matchplay und Team-Wettkämpfe gewöhnt. Aber man muss auch hier nicht lange recherchieren, um zu sehen, dass im Spitzenamateurgolf dies- und jenseits des Atlantiks gleich viel (bzw. wenig) Matchplay und Vierer gespielt werden. Es ist vielmehr so, dass US-Amerikaner aufgrund ihrer College-Golf-Karrieren Team-Auftritte eigentlich besser meistern müssten.

Daher ist die einzig legitime, statistisch belastbare Erklärung jene:
Bei den europäischen Siegen war – neben zweifelsfreiem golferischen Können – auch sehr, sehr viel Glück dabei.

Bei vier der letzten acht europäischen Siege machte ein einziger Punkt den Unterschied. (Umgekehrt gewannen auch die USA 1999 nur mit einem Punkt Vorsprung.) Zwar setzte es auch zwei deutliche US-Niederlagen, aber man sollte sich vor der Behauptung hüten, man hätte die USA im Ryder Cup nach Belieben dominiert. Oft genug machten über die drei Tage ein oder zwei Putts den Unterschied, und manchmal, etwa 2010 in Wales, musste das letzte Match entscheiden.

Wer erinnert sich nicht an Hunter Mahans bitteren, fetten Chip im Match gegen Graeme McDowell? 2012 in Medinah war es ein unwahrscheinlicher 18-Meter-Birdie-Putt von Justin Rose, der am vorletzten Loch fiel, nachdem Phil Mickelsons brillanter Birdie-Chip am Loch vorbeigeschrammt war. Das Match war plötzlich auf den Kopf gestellt. Natürlich – der Putt war gut gespielt, Rose hatte die Breaks auf dem ondulierten Grün richtig gelesen und dem Ball die richtige Geschwindigkeit mitgegeben. Dennoch fällt aus dieser Entfernung auch bei Weltklassegolfern nur einer von 50 Versuchen.

Tendenz Europa, Vorteil USA

Die Tendenz spricht zweifellos für Europa, und die USA stehen unter Zugzwang. Ob der Ryder Cup an Qualität verlieren würde, sollten die USA jetzt erneut verlieren, wie einige Journalisten behaupten, sei allerdings mal dahingestellt. In jedem Fall gelten sie diesmal im Hazeltine National als recht deutliche Favoriten, bei den Experten wie bei den Buchmachern.

Ein Grund dafür ist die Weltrangliste. Die USA haben hier mit Dustin Johnson, Jordan Spieth und Patrick Reed die Nummern zwei, drei und neun auf ihrer Seite – und per Wildcard stoßen dazu wahrscheinlich noch Bubba Watson (7.) und Rickie Fowler (8.). Außerdem, auch wenn das in den letzten Jahren wenig ausgemacht hat: Die Amis spielen daheim. Andererseits sind die besten drei Europäer auch nicht so schlecht platziert: Henrik Stenson liegt weltweit auf Rang vier, Rory McIlroy auf fünf, Justin Rose auf zehn. Und speziell Rose und Stenson zeigten sich gerade erst bei Olympia in bestechender Form. Das etwas lustlose Spiel McIlroys während der letzten Monate könnte einige Sorgen bereiten, aber beim Ryder Cup sollte er wieder voll da sein.

Viele Beobachter weisen jedoch darauf hin, dass gleich sechs Debütanten im Euro-Team stehen. Klar, Danny Willett ist nominell zwar ein Rookie, aber als Masters-Sieger eben auch ein ganz ausgekochter Typ. Wer am Tee der 16 in Augusta erfährt, dass er nun in Führung liegt und dann den Ball unbeeindruckt an die gefährlich nah am Wasser gebaute Fahne haut, dem werden wohl auch im Ryder Cup kaum die Knie weich. Doch Spieler wie Rafa Cabrera Bello, Matthew Fitzpatrick, Andy Sullivan oder Chris Wood sind tatsächlich große Unbekannte in der europäischen Rechnung – auch wie sich der zuletzt so bärenstarke Wildcard-Rookie Thomas Pieters in Hazeltine schlagen wird, ist schwer einzuschätzen.

Die Task-Force soll’s richten

Umgekehrt haben die Amerikaner definitiv die Nase voll vom Verlieren und wollen sich mit aller Macht gegen die vierte Niederlage in Folge stemmen. Dazu haben sie bereits kurz nach dem Ryder Cup 2014 eine Task-Force gegründet, deren Sinn und Zweck aber auch Insidern nicht ganz klar ist. Mit an Bord waren ursprünglich unter anderem Phil Mickelson und Jim Furyk, zwei Spieler, die bislang, wie bereits ausgeführt, in kaum einem Ryder Cup die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen konnten.

Diese Task-Force setzte sich, etwas überraschend, für Davis Love III als Kapitän in 2016 ein, obwohl er schon beim Ryder Cup 2012 diese Rolle inne hatte und mit etwas unglücklichen Entscheidungen auffiel (und obendrein einen Vier-Punkte-Vorsprung verspielte). Allerdings ist Love bei den Spielern beliebt, und vielleicht will man nach dem grantigen Tom Watson auf den Wohlfühlfaktor setzen, eine Taktik, die auch im Euro-Team immer gut aufging. Insider hatten eigentlich mit der Wahl Paul Azingers gerechnet, immerhin jener Kapitän, mit dem zuletzt ein US-Sieg eingefahren wurde. 

Mittlerweile soll die Task-Force auf sechs Personen reduziert worden sein (Furyk raus, Mickelson nach wie vor drin), aber Genaues erfährt man von der US-Seite nicht. Was sich geändert hat, ist die zeitliche Versetzung der »Captain’s Picks«: Drei der vier Spieler wurden nach der BMW Championship benannt (und damit auch nach GJ-Redaktionsschluss), die vierte Wildcard gibt‘s erst am 25. September, gerade mal fünf Tage vor RC-Beginn. Damit hofft Love, einen möglichst »heißen« Spieler mitzunehmen. 

Es bleibt aber die Frage, wie viel ein Captain überhaupt ausrichten kann. Und auch hier gibt es eine Analogie zum Fußball: Weil man die Stammspieler schlecht austauschen kann, ist der Coach derjenige, der das meiste Feuer abbekommt. Ja, Team USA hat im Hazeltine National einiges zu verlieren. Doch Davis Love III hat durch den überraschenden Captain’s Mulligan definitiv den größten Druck.

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