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The Open

One-hit-wonder

Todd Hamilton feierte 2004 bei den Open in Royal Troon 
den Sieg seines Lebens. 2016 kehrt die Open Championship
an die schottische Westküste zurück

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Autor

Stefan Maiwald

ist Buchautor, Kolumnist, Single-Handicapper und langjähriger GJ-Autor 

Der Schock saß schon damals tief, aber in der Rückschau sitzt er sogar noch ein wenig tiefer. Denn als die Open Championship zuletzt in Royal Troon an der schottischen Westküste gastierte, gab es ein sensationelles Finish: Um den Sieg kämpften am 18. Juli 2004 Ernie Els, Retief Goosen, Phil Mickelson und Lee Westwood, damals alle Super-Stars. Ebenfalls tapfer vorn mit dabei: ein gewisser Todd Hamilton. Der US-Golfer hatte zuvor jahrelang auf der Japan Golf Tour gespielt und war nur deshalb ins Open-Feld gerutscht, weil er ein paar Monate vorher mit dem Honda Classic sein erstes Turnier auf der US PGA Tour gewinnen konnte. 

Nach Runde drei der Open war Hamilton dank einer 67 gar in Führung gegangen. Sicher nur eine Laune des Golfgottes, oder? Nein, nach einer 69er Schlussrunde am Sonntag konnte niemand mehr Hamilton überholen. Els hatte einen Vier-Meter-Putt zum Sieg, der nicht fiel. Also musste er ins Stechen gegen den No-Name-Mann aus Illinois, der sich erst ein halbes Jahr zuvor – mit 38 Jahren und im achten Versuch – über die Q-School für die PGA Tour qualifiziert hatte. 

Das Stechen über vier Löcher, wie es bei der Open Championship Tradition hat, gewann Todd Hamilton mit einem Schlag Vorsprung. Auch wegen der damals (und bis heute) ungewöhnlichen Taktik, fast alle Chips mit dem Rescue-Schläger zu spielen; er benutzte diesen nach eigener Aussage sechs Mal pro Runde. Für Equipment-Freaks: Es handelte sich um ein Sonartec "MD Transition" mit 17 Grad Loft, und der Hybrid-Boom, so manche Branchenexperten, sei ganz wesentlich durch Hamiltons Sieg ausgelöst worden. 

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Ich hatte nichts zu verlieren. Bereits das Playoff fühlte sich für mich wie ein Sieg an.

Todd Hamilton

Die Niederlage von Els war jedenfalls kaum glaublich, und Respekt gebührt daher auch Carlo Knauss, der im TV-Live-Kommentar schon am ersten Loch des Stechens ein komisches Gefühl kundtat. Er meinte, bei Els sehe das alles in der Schwungvorbereitung wenig überzeugend aus. 

Was Hamiltons Sieg aber auch im Rückblick umso erstaunlicher macht: Andere "Nobodys" wie beispielsweise Ben Curtis, der die Open 2003 ebenso sensationell gewann, konnten im Anschluss zumindest noch einige gute Resultate einfahren – Curtis ließ immerhin drei weitere Siege auf der US PGA Tour sowie drei Top-10-Platzierungen bei Majors folgen. Doch Hamiltons Karriere war danach so gut wie vorbei. Er schaffte keine vordere Platzierung mehr und erst recht keinen Sieg. Um einen berühmten Kinofilm zu zitieren: "Er tanzte nur einen Sommer." 

Alle können oben mitspielen

Doch auch das gibt es nur bei der British Open: Jeder der 150 Teilnehmer hat eine echte Siegchance, und wer weiß, ob uns auch dieses Jahr wieder ein Todd Hamilton erwartet. Die Wetterlotterie, die "bad and good bounces", also das Glück, den Topfbunker knapp zu verfehlen, oder das Pech, trotz eines guten Schlags den Ball in ein solch furchtbares Hindernis rollen zu sehen – all das lässt das Spielerfeld schon vor dem Start enger zusammenrücken.

Gibt‘s weitere Beweise aus den letzten Jahren neben Ben Curtis und Todd Hamilton? Stewart Cink, Louis Oosthuizen und Darren Clarke, die Sieger von 2009 bis 2011, hatte kein Buchmacher ganz oben auf dem Zettel. Die Open 2015 in St. Andrews hätte um ein Haar der australische Nobody Mark Leishman gewonnen. Und 2005 führte der Deutsche Tino Schuster nach 27 Löchern das Feld an und ging als alleiniger Zweiter hinter Tiger Woods in den dritten Tag.

The Open Championship
Die Gewinner in Royal Troon

2004 | Todd Hamilton
1994 | Justin Leonard
1989 | Marc Calcavecchia
1982 | Marc Calcavecchia
1973 | Tom Weiskopf
1962 | Arnold Palmer
1950 | Bobby Locke
1923 | Arthur Havers

Es stimmt nicht, dass ich aus dem Nichts kam. Ich war bei den Open Nr. 60 der Welt. Das wird man nicht einfach so

Todd Hamilton

Diese Unvorhersehbarkeit mag jenen Gelegenheitsinteressierten nicht gefallen, die Golf nur sporadisch verfolgen und außer Tiger Woods, Rory McIlroy und Martin Kaymer kaum einen Namen kennen. Doch für Golf-Gourmets ist es das Höchste, auch einmal Spieler im Bild zu sehen, deren Schwünge und Lebensgeschichten man noch nicht auswendig kennt. 

Der Bonus der Open: Manche Dramen kann es einfach nur im Links-Golf geben. Jean Van de Veldes Triple-Bogey 1999 am letzten Loch von Carnoustie ist schon sprichwörtlich geworden, aber auch Thomas Björns Bunker-Desaster 2003 hat einen festen Platz in der Golfhistorie. Der Däne lag in Royal St George’s zwei Schläge in Führung und hatte noch drei Löcher vor sich. An der 16, einem Par 3, traf er den Bunker am rechten Grünrand. Die Lage war nicht schlecht, der Bunker nicht übermäßig tief. Und doch ließ Björn den Ball zwei Mal zu kurz, er rollte vom Grün zurück in den Sand. Erst den dritten Versuch, ironischerweise aus schlechtester Lage, schlug er zwei Meter an die Fahne und versenkte den Putt zum Doppel-Bogey. 

Ein reiner Männerclub?

Bei der Rückkehr der Open nach Royal Troon geht es diesmal aber nicht nur um den fantastischen Links-Course in Ayrshire in Schottlands Südwesten. Die Journalisten werden auch nicht nur über das Loch 8 namens "Postage Stamp" auf dem 1878 eröffneten Old Course reden. Die "Briefmarke" ist mit 112 Metern zwar das kürzeste Loch aller Open-Plätze, aber sein Grün ist nicht größer als ein Gästezimmer. (Übrigens bietet Troon auch die längste aller Open-Bahnen: Die 6 ist ein 550 Meter langes Par 5.)

Nein, die Geschichten im Vorfeld drehen sich auch darum, dass Royal Troon neben Muirfield der einzige Club in der Open-Rota ist, der keine weiblichen Mitglieder hat. Im Gegensatz zu Muirfield aber ist das Zusammenspiel der Geschlechter klüger geregelt: Denn die Ladies unterhalten auf dem Gelände ebenfalls einen eigenen Club, haben ihr eigenes Clubhaus und teilen sich die beiden Golfplätze sieben Tage die Woche ohne Einschränkungen, also auch den berühmten Old Course. Und die British Open wird vom örtlichen Männer- und vom Frauenclub mit Hilfe eines gemeinsamen Komitees organisiert. 

Doch obwohl dieses Miteinander seit 138 Jahren funktioniert (The Ladies Golf Club wurde bereits 1882, nur vier Jahre nach den Männern gegründet), wird Royal Troon gegen Jahresende seine männlichen Mitglieder darüber abstimmen lassen, Frauen als Mitglieder aufzunehmen. Die Vorbereitung dieser Abstimmung erfolge im einvernehmlichen Dialog mit den Damen, wie Troons Captain Martin Cheyne jüngst erklärte.

In Muirfield haben die Herren darüber gerade schon abgestimmt. Das Ergebnis: Man(n) bleibt unter sich. Der R&A verkündete daraufhin, dass die Open 2013, immerhin die bereits 16. in Muirfield, bis auf Weiteres die letzte gewesen sei

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