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Olympia 2016

Dabei sein ist nicht alles

Ehe der erste Drive bei Olympia geschlagen ist, sorgt das Turnier durch die Absagen der (männlichen) Weltelite für negative Schlagzeilen. Golf und Olympia droht eine kurze Liaison zu werden

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Autor

Redaktion

Erst Adam Scott. Dann Jason Day, Rory McIlroy, Shane Lowry, Graeme McDowell, Branden Grace, Charl Schwarzel, Louis Oosthuizen, Hideki Matsuyama, Vijay Singh – und am Ende, 24 Stunden vor Meldeschluss, auch noch Dustin Johnson und Jordan Spieth: Was sich liest, wie das Starterfeld eines absoluten Spitzenturniers, ist die Liste der Profi-Golfer, die nicht beim olympischem Golfturnier, dem ersten nach 112 Jahren, antreten werden. Bis auf den australischen Masters-Gewinner Scott, der von Anfang an erklärte, nicht zu den Spielen zu reisen, begründeten die Pros, die ihren Verzicht im Wochen- und dann Tagerhythmus bekanntgaben, vorwiegend mit dem Hinweis auf das Zika-Virus, das seit Monaten in Brasilien und Rio grassiert. 

Ohne Frage: Die meisten dieser Spieler hätte die Sportwelt gerne beim Turnier gesehen. Mit ihrer Absage haben sie ihrem Sport keinen Gefallen getan. Denn nicht nur die Top 4 der Weltrangliste wollen nicht, sondern gleich zwölf der besten 20. Eine Farce! Bereits Anfang Juli musste IOC-Präsident Dr. Thomas Bach einräumen, dass die Absagen der Attraktivität des Turniers abträglich seien, beim Blick auf die endgültige Teilnehmerliste des Herrenfeldes wird sich dieser Eindruck sicher massiv verstärkt haben. Zwar sieht der Deutsche darin keine generelle Ablehnung von Olympia, doch wenn im kommenden Jahr über einen Verbleib von Golf im olympischen Programm über die Spiele von Tokio 2020 hinaus entschieden wird, dürfte sich die Absageflut alles andere als hilfreich erweisen.

Mehr noch: Die Weltelite hat dem Golfsport hier einen Bärendienst erwiesen. 

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Drin und bald wieder draußen?

Neuseelands IOC-Mitglied Barry Maister hat schon vor dem ersten Abschlag für den Rauswurf plädiert: "Die Olympischen Spiele sind für die Besten, und sie haben die Besten versprochen. Sie sind dabei, dann sollen sie auch liefern! Mir gefällt die Entwicklung nicht, und ich glaube nicht, dass man dem Sport vor diesem Hintergrund erlauben sollte, weiterhin bei den Spielen dabei zu sein." Damit rennt der Funktionär durchaus offene Türen ein. Schließlich war der Prozess, bis es zur offiziellen Rückkehr kam, langatmig und bei der Entscheidung 2009 durchaus umstritten. Beim IOC-Kongress in Kopenhagen gab es seinerzeit 63 Ja-Stimmen und satte 27 Gegenstimmen. Zum Vergleich: Die Aufnahme von Rugby erfolgte mit 81:1 Stimmen...

Frauen sagen ja, Männer nein

Gleichwohl gilt: Man darf den Athleten nicht absprechen, Bedenken zu äußern und sich deshalb gegen einen Start zu entscheiden. Gründe dafür gibt es, viele Experten warnen in aller Dringlichkeit vor dem Virus. Das gilt ganz besonders für diejenigen, die die Familienplanung nicht abgeschlossen haben. Interessant nur, dass bei den Damen keine einzige Top-Spielerin absagt. Außer Lee-Anne Pace aus Südafrika (Nummer 37 der Welt) kommen sie alle. Beachtenswert ist ferner, dass auch nahezu alle Spitzenathleten aus den anderen Sportarten nach Rio de Janeiro fahren. Sind die Golf-Männer Memmen und verwöhnte Multi-Millionäre? Oder gibt es noch einige andere wichtige Gründe, in Rio nicht dabei zu sein?

Wenig Akzeptanz  

Die lassen sich finden. Da ist zum einen die amerikanische PGA Tour. Offiziell gibt man zwar an, das Event in Rio zu unterstützen, doch wer sich den Turnierplan ansieht, kann Zweifel bekommen. Beginnend mit dem 30. Juni warteten auf die Pros bis Rio ein WGC-Event und zwei Majors (Open Championship und PGA Championship). Hinzu kommt, dass während der Spiele zeitgleich ein Turnier (John Deere Classic) angesetzt wurde. Brandon de Jonge aus Zimbabwe hat seine Entscheidung getroffen – er spielt lieber in Illinois als am Zuckerhut, weil er seine Tour-Karte verteidigen möchte. Doch weshalb eigentlich genau an diesem Wochenende überhaupt auf der US-Tour gespielt werden muss, das verstehe, wer mag.

Ein weiterer Grund heißt Doping. Nein, es werden hier keine weiteren Mutmaßungen über die Einnahme unerlaubter Substanzen im Golf geäußert. Fakt ist jedoch, dass im Golfsport das ganze Thema bisher etwas lax behandelt wird. Und, dass dem einen oder anderen Spieler Böses schwante, als er die scharfen Regeln und deren Einhaltung in Augenschein nahm, könnte durchaus möglich sein. 

Dann ist da noch der finanzielle Aspekt: Natürlich sind die Golf-Pros, insbesondere jene, die für Rio qualifiziert wären, alles andere als arme Schlucker. Im Gegenteil. Gemeinsam mit den Stars aus der NBA und denen des Tenniszirkus dürften sie zu den bestbezahlten Sportlern der Spiele gehören. Aber: "Kein Wettkampfteilnehmer, Trainer, Betreuer oder Funktionär darf seine Person, seinen Namen, sein Bild oder seine sportliche Leistung für Werbezwecke während der Olympischen Spiele einsetzen, außer dies wurde vom IOC genehmigt", lautet die Regel 40 der Olympischen Charta – und "während der Olympischen Spiele" meint übrigens das Zeitfenster vom 27. Juli 2016 (hier wird die PGA Championship ausgetragen) bis 24. August 2016. Wer weiß, ob dieses Regularium nicht auch für den einen oder anderen abschreckende Wirkung hatte. 

Bleibt natürlich noch der "Wert" einer Olympia-Medaille. Der scheint ganz offensichtlich bei den Golfern eher gering zu sein. Lediglich der deutsche Starter Martin Kaymer ist seit langem von dem Gedanken beseelt, eine solche Plakette eines Tages um den Hals zu tragen. Doch derart euphorische Statements wie die des zweifachen Major-Siegers waren sonst von keinem anderen Top-Pro zu vernehmen.

Durchschnittliches Feld

Mit Bubba Watson, Rickie Fowler, Henrik Stenson oder Sergio Garcia ist wenigstens ein Teil der Crème de la Crème dabei. Ein Feld, das jedoch bei jedem durchschnittlichen Turnier der US PGA Tour zu finden ist. Obwohl: Seamus Power als zweiter Vertreter der Golfnation Irland (Nummer 290 der Welt) oder der Italiener Nino Bertasio – die Nummer 299 im Official World Golf Ranking (OWGR) – erhalten dort sicherlich keinen Startplatz...

Ein wenig Mut macht nur der Vergleich mit Tennis, das im Jahr 1988 ebenfalls verbunden mit vielen Diskussionen ins Olympia-Programm aufgenommen wurde. Es lassen sich Ähnlichkeiten erkennen. Damals fehlten ebenfalls wichtige Protagonisten des Sports im Herrenturnier (Mats Wilander, Boris Becker). Klangvolle Namen, wie beispielsweise Stefan Edberg (Bronzemedaille), waren aber dennoch dabei. Schon vier Jahre später in Barcelona war das Feld einem Grand-Slam-Turnier ebenbürtig, und mittlerweile ist es für die Tennis-Asse selbstverständlich bei den Spielen dabei zu sein. Eine Entwicklung, die auch im Golf durchaus denkbar ist.

Hilfreich wäre es, wenn sich das Turnier an der Copacabana zu einem echten Krimi entwickeln würde.

Leider wurde jedoch von den Golfverbänden die Chance verpasst, dafür ein entsprechendes Format anzubieten. Statt im spannenden Matchplay geht es nun im üblichen Zählspiel über die Bühne, ein Mixed-Wettwerb ist ebenfalls nicht vorgesehen. Eine vertane Gelegenheit, aber vielleicht kommt ja doch alles anders, und der Kampf um Gold wird wirklich einer.

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