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Interview

»Kaymer ist im Kopf eine Bank«

Der gebürtige Amerikaner Ted Long ist einer der erfolgreichsten Trainer hierzulande. Im GJ-Interview spricht er Klartext, warum es so wenige Deutsche auf die Tour schaffen 

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hat für große Tageszeitungen gearbeitet, bevor er als stv. GJ-Chefredakteur Hobby und Beruf verbinden konnte. 

Wenn einer in Deutschland den Durchblick beim Übergang vom Spitzenamateur zum Profi hat, dann Sie. Ist es nicht erschreckend, wie schlecht sich die Deutschen 2015 auf der Tour-School der European Tour verkauft haben?

Ja, so ist es. Ich habe mehrmals mit Familie Kaymer und Max Kieffer während des BMW Masters im Herbst 2015 gegessen. Martin verfolgt das auch sehr. Viele Leute wissen überhaupt nicht, wie viel Gedanken er sich über den Nachwuchs macht. Natürlich sind wir alle etwas enttäuscht, obwohl ich nicht überrascht bin.

Können Sie das erklären?

Die Antwort ist komplex. Talente haben wir genug. Wir hatten immer Top-Amateure, viele davon, wie Stephan Gross Jr., Sean Einhaus, Florian Fritsch und Moritz Lampert habe ich ja trainiert. Ich bin mit vielen Nationalkadern unterwegs gewesen. Sie leben ein Fünf-Sterne-Leben.  Sie werden von vielen unterschiedlichen Trainern begleitet. Alles, was sie machen müssen, ist vorbereitet, sie müssen bloß dabei sein. Ihre Leistung wird immer beurteilt und die Trainingsmaßnahmen für sie vorbereitet. Das fängt auch relativ früh während ihrer Entwicklung an. Kleine Kids bekommen nach einem Schlag sofort gesagt, was falsch war. Ihr Hirn lernt, zu reagieren statt zu agieren. Oft höre ich Beschwerden von Eltern, dass es zu wenig Förderung gibt. Ich finde, das Gegenteil ist der Fall.

Kinder werden zu viel gefördert?

Ja, es ist krank, wie viel Förderung sie bekommen. Kinder mit zehn Jahren haben einen Mental-Trainer – haben wir noch alle Tassen im Schrank? Was ist damit, die Welt selbst zu erleben, Fehler und Erfahrungen selbst zu sammeln? Wenn Kinder schlecht spielen, wird ihnen von außen erklärt, wo das Problem lag, bevor sie sich überhaupt Gedanken machen können.  Der Mensch muss sich selbst überlegen, was er hätte besser machen können. Wir müssen Kinder lehren, Lösungen zu finden, und aufhören, Lösungen anzubieten! 

"Kinder mit zehn Jahren haben einen Mental-Trainer – haben wir noch alle Tassen im Schrank?"

Für mich gibt es keinen Fehler. Wer von „Fehlern“ lernt, nur davon kann er stärker werden. Solche Spieler handeln ganz anders in Drucksituationen. Sie sind nicht auf Vermeiden fokussiert , sondern auf Ausführen. Die Qualifying-School ist ein großer Druck, beim ersten Doppel-Bogey auf den ersten Neun werden Nerven und Entschlossenheit getestet. Aber wenn ein Spieler rausgeht und weiß, dass er hier blind 15 unter Par spielen kann, denkt er nicht drüber nach und spielt weiter.

Die negativen Gedanken stehen folglich im Vordergrund?

Formulieren wir es so: Die Leidenschaft des Nichtschaffens ist in manchen Situationen zu groß. Wer für sich spielt und selbständig ist, den interessieren die Gedanken anderer Leute überhaupt nicht. Das gefällt mir mit am meisten an Max Kieffer – und Martin Kaymer ist noch eine Stufe höher. Er sagt: Ich habe mir alles selbst erarbeitet, ich mache das für mich und nicht für jemand anderen. Und nur so kann man langfristig im Sport überleben.

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Steckbrief

Ted Long

• seit 2012 Head Coach im GC Mannheim-Viernheim,
• von 2002 bis 2011 Head Coach im GC St. Leon-Rot
• Berufsmitglied PGA of America und PGA of Germany, 2014 PGA Trainer des Jahres 
• spielte von 1989 bis 1993 selbst als Profi auf der European Challenge Tour
• betreut Tour-Profi Max Kiefer
• einige seiner Schüler haben auf der PGA European Tour gespielt: Stephan Gross, Florian Fritsch, David James und Richard Foreman

Weitere Einflussfaktoren sind Clubs und Verbände. Muss an deren Zusammenspiel nicht noch gearbeitet werden?

Ja, das ist eine „never ending story“.  Ich finde, dass die Förderung in Deutschland sehr gut ist. Auf der nationalen Ebene ist sie unglaublich. Jedoch könnte die Kommunikation immer noch besser werden. Es wird viel Geld aus vielen unterschiedlichen Taschen ausgegeben. Man muss respektieren, dass es oft unterschiedliche Ziele der verschiedenen Förderer eines Kindes gibt. Das Schlimmste dabei ist, dass dieser Kampf leider oft auf dem Rücken des Kindes ausgetragen wird. 

Gibt es andere Faktoren, die auch eine Rolle dabei spielen?

Das Spielsystem. Wir sollten viel häufiger unsere Top-Spieler gegeneinander spielen lassen. Wir spielen zu viel in Verbänden. Es gibt viele Nachwuchsspieler im Norden, die ich gerade ein oder zwei Mal im Jahr sehe. Das ist eine Katastrophe. Die Talente brauchen diese Erfahrungen. Die Turniere müssen über drei Runden gehen, damit die Kids von Anfang an lernen, über eine gewisse Zeit mit Druck umgehen zu können. Es ist doch oft der Fall bei einem 18-Löcher-Turnier, dass ein Kind aufgerufen wird und überrascht sagt, oh, ich habe gewonnen. 

"Das Spielsystem muss Gewinnertypen erzeugen und alle Spieler härter machen, das ist der Kern eines Sports!" 

Falsch: Man muss mit der Führung schlafen gehen können und gewinnen wollen. Wenn du als Amateur nicht das Gefühl hast, international gewinnen zu können, ja, was willst du dann bei den Profis machen? Wenn du gegen die Amateure nicht gewinnen kannst, wie sollst du in der Profi-Liga erfolgreich sein? Das Spielsystem muss Gewinnertypen erzeugen und alle Spieler härter machen, das ist der Kern eines Sports!

Was ist mit der Bundesliga?

Der Verband steht unter großem Druck: Einerseits will er seine Talente fördern und international erfolgreich machen, andererseits muss Golf in Deutschland für die breite Masse attraktiver werden. Der DGV hat mit dem Ligasystem ein Ziel erreicht: Golf als Teamsport ist viel interessanter für die Mitglieder geworden. Sie können bei den Heimspielen ihrer Mannschaft nicht nur zuschauen, sondern auch direkt unterstützen. Das erzeugt eine Bindung zwischen Mitgliedern und der Mannschaft. Toll! Leider ist es für den Leistungsspieler anders. Oft müssen sie auf wichtige internationale Turniere verzichten, um 18 Löcher für das Team zu spielen. Kein Club kann auf seine Top-Spieler verzichten, sonst droht die Gefahr, abzusteigen oder, wie bei uns, nicht ins Final-Four zu kommen. Dann hast du Nachwuchsspieler, die bei den Spieltagen Caddie machen, anstatt selbst irgendwo zu spielen. Die Sommerferien sind nur sechs Wochen. Wenn ein U18-Nachwuchsspieler bei den Spieltagen fünf Mal Caddie gemacht hat, dann hatte er keine Zeit, selbst zu spielen. Wie soll das zu seiner Entwicklung beitragen?

Was machen beispielsweise Engländer und Italiener anders oder so viel besser?

In England und Italien ist die Luft viel dünner.  Dort gibt’s sehr viele gute Spieler, und die spielen häufig gegeneinander auf Top-Plätzen im Zählspiel. Ich weiß gar nicht, ob der normale Engländer sein Handicap kennt. Und wir leben und sterben hier mit „Null-Komma-Irgendwas“. Die Plätze in Deutschland sind teilweise nicht schlecht, aber die Grüns sind wie Marshmallows.  Wenn die Schotten damals Greens „Fast and Hard“ genannt hätten, würden wir bessere Greens in Deutschland haben. Das Wort Green wurde aber direkt als Grün übersetzt. Darin liegt das Problem!

"Es gibt niemanden in Deutschland, den man als Killer-Putter bezeichnen kann."

Im Golf ist Spin-Kontrolle alles. Bei uns gibt es oft den Fall, dass man beim Chippen eine Pitchmarke hat – oh Gott! Das macht viel aus. Man entwickelt ein ganz anderes Spiel, genau das fehlt unseren Jungs. Es gibt niemanden in Deutschland, den man als Killer-Putter bezeichnen kann. Wir haben viele gute Sportler, die keine schlechten Putter sind – durch viel Training haben sie eine technisch gute Bewegung, aber ihnen fehlt das Gefühl. Um 15 unter Par für vier Runden zu spielen, und zwar nicht nur ein Mal, sondern häufig, muss man Weltklasse beim Putten sein! Beim Pitchen und Chippen ist es noch wichtiger, weil Spin ein Riesenfaktor ist. Je weicher das Green/Grün, desto unwichtiger der Spin. 

Die Grüns sind ein wichtiger Teil, aber sind die Plätze in Deutschland nicht generell zu einfach?

Ich weiß nicht, ob einfach das richtige Wort ist. Spin auf dem Ball zu kontrollieren, ob aus Rough, mit langen Eisen, mit kurzen Eisen, Pitchen und Bunkerschläge – das ist die Welt eines Profis. Ich habe viele European-Tour-Pros auf der Range gesehen, da habe ich gesagt, gegen die würde ich sofort antreten, aber lass‘ sie innerhalb von 50 Metern stehen, sie reißen dir die Hosen auf. Nehmen wir die Südafrikaner, die haben alle unterschiedliche Schwünge, aber ums Grün herum ist ihr Hoheitsgebiet. Unsere Plätze würden mit schnellen, harten Greens ganz anders sein. In Deutschland haben wir einige Weltklasseplätze, aber auf diesen werden zu wenige Turniere ausgetragen.

In Deutschland wird immer wieder über eine Art Bundesleistungszentrum für Golfer diskutiert, wäre das eine Maßnahme?

Es wäre natürlich erstrebenswert mehrere Stützpunkte in Deutschland zu haben, um den heranwachsenden Talenten optimale Trainingsbedingungen anzubieten. Trotzdem ist das nicht alles. St. Leon-Rot ist ein Beispiel. Sie haben alles, was man sich wünschen kann: vier Plätze, Athletikplatz, Indoor-Halle, riesige Trainingsanlage, Mental-Trainer, Athletiktrainer, 25 Golflehrer, 500 Kinder und einen Präsidenten, der alles ermöglicht, aber sie haben keinen Jungen in der U18-Nationalmannschaft und nur einen im Herrenkader. Zu meiner Zeit, als SLR die größten Erfolge im Einzel- und Mannschaftssport erreichte, gab es deutlich weniger Spieler, Trainer. Und die Anlage war damals schon toll, aber kein Vergleich zu dem, was sie heute ist.

"Das Zentrum für Leistung ist zwischen den Ohren. Und der beste Mental-Trainer ist ein guter Schlag."

Damals konnte man erkennen, dass alle Spieler dort waren, um der Beste zu werden. Dadurch entstand ein gesunder Konkurrenzkampf, der letztendlich zu Erfolg führte. Ich bin für alles, wenn es um bessere Trainingsbedingungen geht, aber das Zentrum für Leistung ist zwischen den Ohren. Der beste Mental-Trainer ist ein guter Schlag. Alles, was man braucht, ist gutes Gras, gute Bälle, ein gutes Putting-Green und die Gelegenheit, auf einem guten Platz zu spielen.

Warum werden wir als Nummer eins bei der Spielerzahl in Kontinentaleuropa von den anderen Nationen beim Übergang zum Profi so abgehängt?

In Schweden und England wird nur nach Leistung bewertet, in Deutschland sehe ich zu viele Spieler, die in den Kader kommen und dann schon glücklich sind. Das beginnt schon bei den Regionalkadern. Oh, ich bin im Kader, das heißt, ich bin gut.

Aber so was kann doch nur passieren, weil ein Quantitätsproblem existiert?

Wir haben genug Spieler, das ist nicht der Punkt. Sobald die Spieler in einem Kader sind, ist das für sie eine Bestätigung, und sie lehnen sich zurück. Für mich gibt es nur eine Bestätigung: Siege. Bis man nichts gewonnen hast, kann man nicht sagen, man habe es geschafft. Wer Profi werden will, und darum geht es, muss süchtig sein, gewinnen zu wollen. Alle Typen da draußen gehen mit der Absicht raus, zu siegen. Sobald das nicht vorhanden ist, spielen sie um den Cut oder um einfach Geld zu verdienen. Wir haben zu viele von denen. Florian Fritsch ist ein gutes Beispiel: Er könnte locker Top 50 der Welt sein, aber das ist nicht sein Ziel. Ich habe keine Schwierigkeiten zu sagen, dass er mindestens so talentiert ist wie Kaymer. Meiner Meinung nach könnte er viel mehr erreichen, aber wenn das nicht seine Absicht ist, dann ist das seine Entscheidung. Das muss man ihm gönnen. 

Also fehlt es am Ende an der Einstellung? 

Es ist eine Sache der Einstellung: Wenn du die Siegermentalität hast und den unbedingten Willen, ist Druck dein Freund. Die besten Spieler können ihr bestes Golf unter den schwersten Bedingungen abrufen, weil sie ihren Fokus steigern können. Sie trainieren und leben für solche Momente.  Mein Ziel als Trainer ist, ein Umfeld für meine Spieler zu schaffen, wo sie das leben können. Ich bin froh, den Club in Mannheim-Viernheim gefunden zu haben, wo das geschätzt wird!

Fotos: Gero Ulmrich, Thomas Schlosser

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