Jason DayErnie Els Interview
Masters-Vorschau

Wunderkind aus Texas

Seit den zwei Major-Siegen 2015 von Jordan Spieth hat Amerika die lang ersehnte Antwort auf Europas Rory McIlroy: jung, smart, unglaublich begabt.

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Autor

hat für große Tageszeitungen gearbeitet, bevor er als stv. GJ-Chefredakteur Hobby und Beruf verbinden konnte. 

Die Welt im Leben eines Golf-Profis kann sich schlagartig ändern. Dazu braucht es aber nicht irgendeinen Sieg auf der Tour, sondern ein Major, und wenn man dann Amerikaner ist, steht das Masters wohl über allem. Mit dem Sieg bringenden Putt betritt der Sportler im Handumdrehen eine neue Dimension der öffentlichen Wahrnehmung. Als Träger des Green Jacket ist man wer, man ist ein ganz Großer seiner Zunft. Und im Fall von Jordan Spieth, der mit 21 Jahren dieses prestigeträchtige Turnier mit einem Rekordergebnis für sich entscheiden konnte, lag nun zwar nicht die ganze Welt, aber zumindest ein gesamter Kontinent zu seinen Füßen.

"Für mich ist ein Traum wahr geworden, ich wollte immer in Augusta siegen, es dürfte dauern bis ich das realisiert habe", sagte der ebenso sympathische wie bescheidene junge Mann. Von Augusta-Präsident Billy Payne gab’s neben dem Green Jacket und dem Preisgeld auch den verbalen Ritterschlag. "Jordan ist ein würdiger Sieger, er verkörpert die Werte des Augusta National Golf Club."

Alle wollen Spieth

Wie begehrt der Gewinner über Nacht wurde, zeigte eine Situation in New York. Nach einem PR-Termin wurde er angesprochen, ob er kurzfristig einen Abstecher einlegen würde. Bill Clinton, der ehemalige US-Präsident und Golf-Fan sei ein paar Blocks entfernt und würde ihn gerne treffen. Natürlich kam es zum Smalltalk mit dem Ex-Politiker, und im Anschluss, in der Bloomberg-Zentrale, ließ der schwerreiche Firmenchef Michael Bloomberg alles stehen und liegen, nur um Spieth auf die Schulter zu klopfen. Ganz nebenbei rauschten Glückwunschnachrichten von Hollywood- und Sportgrößen wie Matthew McConaughey, Troy Aikman, Emmitt Smith, Kevin Durand und Dirk Nowitzki ein. Australiens Golflegende Greg Norman unternahm auch alles, um an Spieths Telefonnummer zu kommen – er bestand darauf, persönlich zu gratulieren. Die Welt drehte sich plötzlich um Spieth. Er ist der Spieler, den Amerika so lange gesucht hat.

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Ein Hoffnungsträger, schließlich soll er den in den USA arg gebeutelten Golfsport und dessen Industrie aus der Krise führen. Wie? Mit Siegen und seinem feinen Auftreten. Lange Jahre wurde auf Rickie Fowler gesetzt, doch der buntgekleidete US-Boy zündet zu selten auf dem Platz. Spieth dagegen trumpft mit seiner Art und seinem Können auf. Seit seiner ersten Saison auf der PGA Tour im Jahr 2013 brilliert der Junge aus Dallas und erreichte in seinen ersten 50 Turnieren 17 Mal einen Platz unter den Top 10. Seine Vorstellung  in Augusta ließ auch TV-Sender CBS jubeln: Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Quote um 48 Prozent. Der Texaner scheint ein Jahrhunderttalent zu sein, das, wenn es nach vielen Amerikanern geht, die perfekte Antwort auf Europas Rory McIlroy ist. 

Der nette Junge

Spieth weiß genau, dass man liebend gerne eine Rivalität zwischen ihm und dem Lockenkopf erzeugen würde und wiegelt ab. "Rory hat vier Majors gewonnen, ich eins", sagte er, machte aber keinen Hehl daraus, dass er auf lange Sicht durchaus das Ziel habe, die Nummer eins der Welt zu werden. Spieth ist bescheiden und zurückhaltend. Kein Haudrauf, einer, der sich für Antworten Zeit lässt, und stets freundlich, intelligente Sätze von sich gibt. Einfach der nette Junge von nebenan, der trotz der Millionen auf dem Konto mit seinem ersten Auto, einem alten Truck, durch die Stadt fährt.

"Ich habe noch nie einen jungen Mann gesehen, der so in sich ruht, und aus Fehlern lernt, um sich zu verbessern." Ernie Els

Den Südafrikaner und den Texaner trennen 24 Jahre, aber dennoch sind sie sehr eng verbunden: Els hat einen autistischen Sohn und Jordans Schwester Ellie (15) leidet an einer ähnlich gelagerten neurologischen Krankheit. "Gemeinsam mit Ellie aufzuwachsen, hat Jordan geprägt", ist sich Chris Spieth, die Mutter, sicher. Der Golfer (seit der High School mit Annie Verret liiert) hat eine ganz spezielle Beziehung zu seiner Schwester. Sie ist selten bei Turnieren dabei, Jordan ruft aber täglich an und bringt ihr stets ein kleines Geschenk mit, meist Schlüsselanhänger. "Ellie ist meine Inspiration, sie ist unser lustigstes Familienmitglied, und ich verbringe sehr gerne Zeit mit ihr. Sie hat uns alle Bescheidenheit gelehrt. Man betrachtet Dinge einfach aus einem anderen Blickwinkel."

Steckbrief

Jordan Spieth

• Geb. am 27. Juli 1993 in Dallas, Texas
• Zwei Geschwister
• Seit 2012 Profi, sieben Titel
2 Major-Titel: Masters, US Open
• Über 30 Millionen US Dollar Preisgeld
• Caddie: Martin Greller

Lob von höchster Stelle – das sagt die Konkurrenz

Rory McIlroy
Rory McIlroy

"Ein verflucht guter Golfer. In dem Alter war ich nicht annähernd so reif."

Phil Mickelson
Phil Mickelson

"Er hat keine Schwächen, kann mit Druck umgehen und spielt dann sein bestes Golf."

Justin Rose
Justin Rose

"Wenn er eine schlechte Runde hat, kommt er am nächsten Tag stärker zurück."

Tiger Woods
Tiger Woods

"Für jemanden, der aus dem College kommt und gleich so einschlägt, Respekt."

Der Masters-Sieg war eine Art Initialzündung für Spieth. In Chambers Bay, dem umstrittenen Schauplatz der US Open, schlug er erneut zu. Während seine Konkurrenten über Platzzustand und Layout diskutierten, spulte der Texaner seelenruhig sein Programm ab und sicherte sich Major-Titel Nummer zwei. Masters- und US Open-Sieg in einem Jahr, und das mit 21 Jahren. Eine verrückte Sache! Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten flippten die Golffans aus und man überschlug sich förmlich mit Superlativen für den Golf-Liebling der Nation.

Mit den beiden Titeln in der Tasche war klar, dass Spieth die Voraussetzungen geschaffen hatte, um den ganz großen Coup anzuvisieren: den Grand Slam (alle vier Major-Siege in einem Jahr). Man musste kein Prophet sein, um sich auszumalen, wie groß das Ballyhoo um seine Person vor und während der British Open gewesen war. Am Ende stand Zach Johnson ganz oben. Und Spieth? Er spielte famos, ihm fehlte ein Schlag für das Stechen, er wurde Vierter. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn sie ihn bei den widrigen Bedingungen am Samstag nicht rausgeschickt hätten: er kassierte gleich ein Bogey und danach wurde abgebrochen. Hätte, wenn, aber.

Der Traum, Geschichte zu schreiben, war dahin. Der vergebenen, einmaligen Chance trauerte der US-Boy aber nicht lange nach. Beim abschließenden Major, der PGA Championship, präsentierte er sich schon wieder in Angriffslaune. Allerdings machte ihm am Finaltag der stark aufspielende Jason Day einen Strich durch die Rechnung. Der Weitenjäger aus Australien hatte in dem Duell die Nase vorne und Spieth goutierte die Leistung seines Kontrahenten mit feinen Gesten während der Runde. Er lobte, er nickte und er reckte den Daumen in die Höhe. Eben ein Sportler und Gentleman. Sich angesichts einer drohenden Niederlage so vorbildlich zu verhalten, hat Spieth auf der Sympathieskala weltweit weitere Bonuspunkte eingebracht.

Zum Saisonende der PGA Tour hat er sich nach Anfangsausrutschern im FedExCup-Playoff nochmals zusammengerissen und in der Manier eines Champions schließlich das Tour-Finale gewonnen. Dieser Titel brachte ihm zudem einen Bonus von zehn Millionen Dollar. Das Jahr 2015 war das Jahr von Jordan Spieth. Neben zwei Majors, dem Presidents Cup sowie drei weiteren Siegen spielte er über 22 Millionen Dollar an Preisgeld ein.

Das neue Jahr ließ er mal ganz anders angehen. Er jettete aus Eigeninteresse und weil er für seine Auftritte schwindelerregende Startgelder kassierte quer durch die Welt. Er hakte die Tingelei als Erfahrung ab und schloss eine Wiederholung aus. Nach der Rückkehr in die USA waren die Leistungen für seinen Geschmack zu durchwachsen. Was soll’s? Das Formbarometer muss doch erst beim Unternehmen Masters-Titelverteidigung ganz oben stehen.

Jordan Spieths Karriere
Start-Ziel-Sieg

2009
US-Junior-Amateur-Champion, Rolex Junior Player of the Year 2009
2011
US-Junior-Amateur-Champion, Mitglied US-Walker-CupTeam, Nr. 1 Junior Golfer USA, NCAA Championship mit den Longhorns (University of Texas) College-Spieler und Rookie des Jahres
2012
US Open – 21. Platz (bester Amateur), Nr. 1 der Welt bei den Amateuren, Wechsel ins Profi-Lager ohne "Karte"
2013
Puerto Rico Open – 2. Platz, Erster PGA-Tour-Titel – John Deere Classic. Viertjüngster Sieger auf der Tour mit 19 Jahren und zehn Monaten, Herbst: Nummer 22 der Welt, nominiert für Presidents Cup, PGA Tour Rookie of the Year, Nummer zehn der PGA-Tour-Geldrangliste
2014 
2. Platz bei Masters-Premiere, jüngster US-Ryder-Cup-Spieler, Sieger Emirates Australian Open
2015
Sieger Valspar Championship, Sieger Masters Tournament, Start-Ziel-Sieg, Nr. 2 der Welt, Sieger US Open  

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