Henrik Stenson Open Champion 2016Caddies gefeuert
Nicolai von Dellingshausen

Kühl und kontrolliert

GJ hat Golf-Profi Nicolai von Dellingshausen in der
Allianz Arena getroffen. Der Fußball-Hype bedeutet
ihm nicht viel. Überhaupt ist Nicolai Freiherr von Dellingshausen
– so sein vollständiger Name – ein wenig anders als viele seiner Berufskollegen. 

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Autor

Philipp von Schönborn

ist als Fachmann für Profi-Sport und Equipment langjähriges Teammitglied der GJ-Redaktion 

Sitzt da wirklich ein erst 25-Jähriger? Ein Frage, die man sich nicht nur ein Mal im Laufe des Gesprächs mit ihm stellt. So klar, sicher und mit einer Grundsouveränität ausgestattet ist der junge Rheinländer, dass er den Eindruck vermittelt, er könne locker auch zehn Jahre älter sein.

Vielleicht liegt es auch daran, dass das Gespräch mit Sätzen, die von Zeitmanagement und Persönlichkeitsentwicklung handeln, startet. Und das alle ohne große Gesten oder gar aufgeregtem Ton vorgetragen wird.

Die zwei Themen tauchen im Laufe der Unterhaltung immer wieder auf. Fußball ist dagegen nicht so seine Sache. Vor seinem Besuch im bayerischen Fußballtempel war von Dellingshausen gerade ein Mal in einem Bundesligastadion – in Gelsenkirchen. Er sei halt lieber auf Golfplätzen als in Fußballstadien unterwegs, sagt er.

TRAUMJAHR 2017

Und das sehr erfolgreich. Der Rheinländer startete zu Beginn des vergangenen Jahres seine Profi-Laufbahn auf der drittklassigen Pro Golf Tour, schaffte dort aber binnen weniger Monate drei Siege und damit den vorzeitigen Sprung auf die European Challenge Tour. Auch dort fand er sich bestens zurecht und qualifizierte sich mit nur zehn Turnierteilnahmen für das Finale der besten 45 Spieler des Jahres 2017.

Ein erstaunlicher Aufstieg eines jungen Mannes mit einer ungewöhnlichen Vita – sie weicht von den »üblichen« Golfkarrieren erheblich ab. Nicht zu Beginn, denn wie die meisten Spieler in Deutschland kommt auch er aus einer golfenden Familie. In seinem Fall waren es der Vater und die Großmutter, die den jungen Nicolai im Alter von viereinhalb Jahren erstmals auf den Platz mitnahmen. Der Bub, der anfangs mit einem Schläger mit gekürztem Schaft unterwegs war, fand Gefallen daran und blieb dabei. Der gebürtige Düsseldorfer entstammt dem Golfclub Hubbelrath, der zuletzt das Amateurgolf in Deutschland dominierte und mit seinem Zutun drei Mal in Folge Deutscher Mannschaftsmeister werden konnte. 

Ein sportliches Umfeld, das ihm half, sein Spiel zu verfeinern, und darüber hinaus auch beitrug, den Sprung ins Profi-Lager zu wagen. »Es ist schon hilfreich und gibt mir zumindest einen Überblick darüber, wie gut man eigentlich wirklich ist«, sagt er. »Für mich war sehr wichtig, dass ich gegen Jungs spiele, die gutes Golf spielen. Und ich habe natürlich auch mit Max (Kieffer, die Red.) gespielt – einem Profi, der sich auf der European Tour etabliert hat. Das hilft zumindest, sich realistischer einzuschätzen.«

DER ANDERE WEG

Seinen Weg zum professionellen Golf ging der Rheinländer trotzdem anders an. Denn von Dellingshausen entschied sich nicht dazu, nach dem Schulabschluss die berufliche Ausbildung zu vernachlässigen und erst einmal alles auf die Karte »Golf« zu setzen. Vielmehr schrieb er sich an der Universität ein und schloss ein Studium der Volkswirtschafslehre ab. Nicht, weil er eine große Begeisterung für die Materie hat, sondern weil er einen Abschluss in der Tasche haben wollte. »Ich habe diesen Weg bewusst gewählt und musste dafür in Kauf nehmen, dass ich die Zeit, die ich im Hörsaal verbracht habe, nicht ins Training investieren konnte«, erinnert er sich.

Anfang 2016 reifte dann der Entschluss, sein Hobby zum Beruf zu machen. »Ich bin während meines Studiums und mit einer eingeschränkten Zeit für das Training besser geworden – und daher war klar, dass ich es versuchen will.« Einer wie er macht das jedoch nicht aus einer Laune heraus, sondern geht gewissenhaft an die Sache. Also überlegte er genau, welche Schritte zu tun waren, wägte Für und Wider ab und machte sich konkrete Gedanken, was alles auf dem Weg zu einem erfolgreichen Golf-Pro passieren kann.

In seinem ersten Jahr jedoch lernte er nur einen Teil des Berufs kennen, denn es gab für ihn eigentlich nur positive Erlebnisse. Dass es für den (durchaus möglichen) Sprung auf die European Tour nicht ganz gereicht hat, empfindet er nicht als Nachteil: »Ich habe im letzten Jahr meine Planung zwei Mal umwerfen müssen und freue mich jetzt sehr darüber, die neue Saison frei planen zu können und meinen Kalender so zu gestalten, wie mir es gefällt. Ich kann jetzt die Zeit auf der Challenge Tour so nutzen, dass ich am Ende den Sprung auf die European Tour schaffe und sagen kann: Ich bin ready!« 

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Ob dies bereits in diesem Jahr gelingen soll oder aber erst im nächsten, darüber will der Düsseldorfer keine Auskunft erteilen: »Es gibt natürlich einen Zeitplan, aber den will ich nicht publik machen. Der Grund dafür ist ganz einfach. Es gibt ja den psychologischen Effekt, dass, wenn man ein Ziel publik macht, das Unterbewusstsein denkt, es schon geschafft zu haben – und das will ich vermeiden.«

Eines ist für ihn jedoch klar – unendlich Zeit gibt er sich auf der Challenge Tour nicht: »Das würde ich nicht machen«, kommt pfeilschnell über seine Lippen. Die Begründung schiebt er fast ebenso flott nach: »Ich habe das von Anfang an gesagt, dass ich das nicht auf Biegen und Brechen machen werde. Wenn es nicht reicht, mache ich was anderes!«

KLARE WORTE

Es folgt dann eine bemerkenswert klare Ansage: »Das Ziel ist nicht, auf der Pro Golf Tour zu spielen und einen Cut zu schaffen. Das Ziel muss sein, auf der European Tour – oder sogar noch weiter oben – um Siege mitspielen zu können. Und wenn ich schon auf der Pro Golf Tour den Cut nicht schaffe, dann habe ich den falschen Beruf gewählt, ganz einfach! Aber das muss man dann auch erkennen«, sagt er in aller Deutlichkeit.

Hoppla, was für ein Statement! Doch es passt zu dem jungen Mann, der neben dem VWL-Studium auch auf eine andere berufliche Option zurückgreifen könnte. Nicolai von Dellingshausen hat alle Eignungstests bestanden, eine Pilotenausbildung zu starten. Diese Möglichkeit hat er (vorerst) verstreichen lassen, auch weil die Lufthansa länger nichts mehr von sich hören ließ und die Perspektiven dort für ihn nicht so gut erschienen. Also ließ er von der Leidenschaft Fliegen und entschied sich für die andere Leidenschaft – Golf. 
   
KEIN PLATZ FÜR EMOTIONEN

Persönlichkeitsentwicklung und Selbstmanagement sind keine Passion, aber er verfolgt das Thema mit großem Interesse. Er recherchiert dazu im Internet, liest entsprechende Bücher und ist überzeugt, dass er sich die Zeit besser einteilen könne als viele andere in seinem Alter. Warum er sich für so etwas interessiert? »Ich weiß es nicht mehr so genau, aber meist kommt so etwas ja aus einer gewissen Unzufriedenheit. Und ich habe während meines Studiums gemerkt, dass ich unter meinem Potenzial bin, was Studium und Sport betrifft. Also hab ich angefangen, mich damit zu beschäftigen.«

Für ihn steht fest, dass er etwas erreichen will – auch wenn das nicht unbedingt im Golf sein muss. Hier ist er nun jedoch aktiv, und daher will er hier etwas reißen. »Ich habe Spaß am Golf und sicher auch ein gewisses Maß an Talent, aber es geht ja eigentlich in jedem Beruf darum, sein Potenzial auszuschöpfen. Denn ich werde ja nicht besser, wenn ich keine Ziele habe und nur von Tag zu Tag lebe. Wir haben nur eine begrenzte Lebenszeit, und ich will so viel wie möglich für mich herausholen, egal was es ist. Man muss für das, was man tut, brennen«, sagt er. 

Das klingt schon richtig emotional, und das von einem, der von sich behauptet, er müsse Entspannung manchmal noch lernen. Und so passt es, dass der emotional klingende Satz ganz klar und ruhig vorgetragen wird. Stimmig ist es ferner, dass von Dellingshausen Emotionen auf dem Platz keinen Raum geben will und auch in Phasen, in denen es mal nicht so läuft, ruhig bleibt. »Golfen verleitet dazu auch mal emotional zu werden, aber ich weiß, dass es mir nicht hilft.« 
Ob er für die Spielzeit 2018 eine gewisse Erwartungshaltung von außen verspürt? »Ja«, antwortet er, schiebt jedoch gleich ein »Aber« nach. Denn es bestehe ja die Gefahr, sich von der Meinung anderer abhängig zu machen, und das wolle er nicht. »Deswegen gilt: Ich muss immer bei mir bleiben, ich habe meine Ziele, und die will ich erreichen.« Klar sei aber, dass er an das erfolgreiche Jahr 2017 anknüpfen wolle. »Ich arbeite darauf hin, dass es gelingt, aber es kann auch sein, dass es nicht klappt, und damit muss ich mich auseinandersetzen«, gibt er zu Protokoll.

Was bleibt? Nicolai von Dellingshausen ist ein reifer, klar strukturierter, fast ein wenig zu nüchterner junger Mann. Einer, der versucht, Dinge strategisch anzugehen und sich nicht aus der Ruhe bringen lassen will. Vor allem aber hat er einen unverfälschten Blick auf die Dinge und neigt nicht zur Selbstüberschätzung – Eigenschaften, die ihm für eine erfolgreiche Laufbahn sicher helfen können. Schwer zu glauben, dass er, falls ihm dies gelingt, zum Idol der Massen werden kann, denn dafür wäre mehr Emotion hilfreich. Aber wenn’s am Ende nur das sein sollte, wird er es verschmerzen.

Steckbrief

Nicolai von Dellingshausen

• Geboren: 22. Januar 1993 in Düsseldorf
• Familienstand: ledig
• Wohnort: Düsseldorf
• Profi: seit 2017
• Sportliche Erfolge: Gesamtsieger der Pro Golf Tour 2017, Platz 40 der Challenge Tour 2017
• Trainer: Roland Becker
• Preisgeld: rund 116.000 Euro (Stand Anfang Juni 2018)

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