Auf der Runde mit Gary PlayerInterview M.A. Jimenez
Masters 2016

Der Fluch von Augusta

Martin Kaymer, Deutschlands bester Golf-Profi, und sein Problem mit dem Masters-Parcours

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Autor

Ingo Grünpeter

hat für große Tageszeitungen gearbeitet, bevor er Hobby und Beruf verbinden konnte. Als GJ-Chefreporter berichtet er 2016 aus Augusta

Nein, man kann es nicht vernünftig erklären, warum es zwischen Martin Kaymer und dem Augusta National Golf Club nicht funken will. 

Für den jungen Deutschen existiert im amerikanischen Bundesstaat Georgia irgendwie ein Areal, das für ihn uneinnehmbar erscheint. Kaymers alljährliche Versuche haben schon was von der Comicserie Asterix: Den Römern wollte es auch nie gelingen, das kleine gallische Dorf in die Knie zu zwingen. Der mittlerweile 31-Jährige ist in diesem Jahr zum neunten Mal am Start – seine Bilanz ist für einen Spieler von Weltklasseformat ernüchternd: fünf Mal das vorzeitige Aus nach zwei Runden und nur drei Mal durfte er über die volle Distanz gehen. Von 2012 bis 2014 reichte es zu den Plätzen 44, 35 und 31. Die kleine Serie gab Anlass zur Hoffnung und man war sich sicher, jetzt das richtige Rezept hat, um auch in Augusta zu reüssieren. Eine Fehleinschätzung, wie sich 2015 herausstellte.

"Mir gefällt der Platz", sagt die ehemalige Nummer eins der Welt vor jedem Anlauf. Nun, das Gegenteil zu behaupten, wäre auch seltsam. Augusta muss einfach jedem Golfer gefallen. Ob Profi, Amateur oder Fernsehzuschauer – diese Anlage ist eine Augenweide, das Layout formidabel und der Zustand stets perfekt. Seit Jahren ist Kaymer eigentlich auf der Suche nach der richtigen Formel: mal viel Training und keine Turniere im Vorfeld, mal umgekehrt, mal der gesunde Mix, mal Brachialgewalt - wie 2015. Da war er am Freitag angereist, spielte am Samstag gleich 36 Löcher, am Sonntag eine weitere Runde, zudem legte er viele Extraeinheiten auf der Range ein.

Das Resultat: Für das Turnier war die Luft raus und er durfte am Freitag Abend seine Sachen mit einem zusätzlichen Koffer an Frust packen. Man muss ihm Respekt zollen, schließlich stellt er sich seit seiner Premiere im April 2008 in der Vorbereitung und nach jeder Runde tapfer den Fragen der Medien. An diesem Freitag im April 2015 war der Gedankenaustausch besonders schwer, Kaymer war sichtlich deprimiert, ergriffen und ratlos.

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Augusta sei für ihn eine "extreme Herausforderung", weil er ständig gegen sein Gefühl kämpfe. Sobald der Deutsche auf dem ersten Abschlag steht, ist es mit dem Wohlfühlfaktor dahin und es beginnt ein ewiger Kampf. Das klingt alles etwas verrückt und ist nur bedingt nachvollziehbar. Bernd Wiesberger, der weit weniger Erfolge in seiner Karriere eingefahren hat, kam vergangenes Jahr erstmals zum Masters und wurde auf Anhieb 22. Der Österreicher empfand die 18 Löcher als sehr herausfordernd, meisterte aber alle Schwierigkeiten und bekam den Platz immer besser in Griff. Die schnelle Eingewöhnung des Neulings und der Dauerzwist des Deutschen lassen nur einen Schluss zu. Bei Kaymer spielt sich der Augusta-Fluch zwischen den Ohren ab.

"Es wäre falsch zu sagen, dass Augusta kein Lieblingsplatz von mir ist. Aber ich muss gegen mein Gefühl spielen." - Martin Kaymer

Was sonst soll die Erklärung sein? Sein spielerisches Potenzial ist riesig. Es kann ja kein Zufall sein, dass er für kurze Zeit die Weltrangliste anführte, zwei Majors gewann, die Players Championship holte, mehrmals erfolgreich mit Europa im Ryder Cup war und nebenbei noch eine Latte an Turnieren gewann. Und es ist ja auch nicht so, dass das Masters jedes Jahr den Austragungsort wechselt. Genau das Gegenteil ist der Fall. Ganz wie bei Dinner for one, wo Miss Sophie ihrem Butler mitteilt: "Same procedure as every year." Angesichts dieser Tatsache ist Kaymers Lernprozess in Georgia mangelhaft. Natürlich arbeitete der Golfer aus Mettmann den Rückschlag von 2015 auf und stellte sein Programm um.

In diesem Jahr reiste er erst am Montagnachmittag an, spielte Dienstag und Mittwoch jeweils neun Löcher mit Bernhard Langer und holte sich wertvolle Ratschläge beim zweifachen Masters-Gewinner ab. Der Altmeister fühlt sich rund um die Magnolia Lane pudelwohl und lässt sich von dem tollen Ambiente jährlich inspirieren. Die späte Anreise, die Stunden mit Langer, die reduzierten Einheiten auf dem Platz, das waren für Kaymer alles Maßnahmen, um die Spannung aufrechtzuerhalten und mit Spaß das Kommando "Versöhnung" erfolgreich in Angriff zu nehmen. "Ich freu mich drauf", meinte er noch abends vor dem Turnierbeginn. 

Tagsdrauf, am frühen Nachmittag, startete er gleich mit einem Bogey. Der Kampf hatte also erneut begonnen und der Augusta-Fluch schwebte schon wieder über ihm wie ein Damoklesschwert. Aber er kämpfte und wehrte sich. Die 74 war sogar eine seiner besseren Auftaktrunden. Bei der Analyse bleibt er seiner Linie treu. "Es wäre falsch zu sagen, dass Augusta kein Lieblingsplatz von mir ist. Wie ich jedes Jahr sage: Der Platz ist für mich schwer zu spielen. Das werde ich auch noch die nächsten drei, vier Jahre antworten. Ich muss oft gegen mein Gefühl spielen, das war 2008 so beim ersten Mal und hat sich 2016 noch nicht geändert."

Es bleibt ihm nur zu wünschen, dass er die Herausforderung Augusta in naher Zukunft meistert. Die Beziehung des erfolgreichen Profis zu den deutschen Medien ist während des Masters etwas angespannt. Bei den Fragen, die er unter anderem als permanent negativ einstuft, präsentiert er sich durchaus mal dünnhäutig. In seiner Gedankenwelt mag er mit dieser Einschätzung richtig liegen, aber seine Auftritte gaben halt meist wenig Anlass für Lobeshymnen. Kaymer und sein Umfeld sind häufig verdutzt, dass in Deutschland die Erwartungshaltung so hoch sei. Das mag stimmen, wer jedoch so viele großartige Erfolge bereits eingefahren hat, von dem erhofft man sich einfach etwas mehr. Beispielsweise am Masters-Wochenende dabei zu sein.

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