Kim Sieg Ladies European MastersHenrik Stenson Open Champion 2016
Interview

"Zika-Virus ist eine Ausrede"

Die Olympischen Spiele sind für Martin Kaymer das Größte. Im GJ-Interview spricht der Mercedes-Benz Markenbotschafter offen über die Absagenflut für Rio, den Ryder Cup und die Auswirkungen der Anschläge auf seinen Turnierkalender

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Autor

Ingo Grünpeter

hat für große Tageszeitungen gearbeitet, bevor er als stv. GJ-Chefredakteur Hobby und Beruf verbinden konnte. 

Vergangene Woche haben Sie in den Sozialen Medien ein Spaß-Video verbreitet: In Shorts haben Sie einen Ball über den Rhein gefeuert, das nenne ich mal abwechslungsreiches Training…

Ich habe mich gewundert, wo der Rhein herkam. Das war bei einem Freund an einem Baggersee. Vielleicht weil ich Rheinländer bin.

Einer, der bereits zwei Majors in der Vitrine hat. Wie sehr hat es Sie gefreut, dass Henrik Stenson, zu dem Sie ein freundschaftliches Verhältnis pflegen, mit dem British-Open-Titel endlich auch ein Major-Sieger ist?

Ich freue mich sehr für Henrik. Es war das letzte Stück, das zu einer großen Karriere gefehlt hat.  

Wie würden Sie Ihr Jahr 2016 bislang bilanzieren?

Eher durchschnittlich. Es ist bis jetzt keine gute Saison gewesen, dafür fehlt einfach ein Titel. Einige Top-10-Platzierungen waren dabei, das war gut. Die Tendenz geht aber nach oben und im Hinblick auf die Fehler auf einzelnen Löchern bei dem ein oder anderen Turnier ist es schon in Ordnung. 

Die Trendwende dürften Sie mit dem Top-Ergebnis in Valderrama bei der Open de Espana im Mai eingeleitet haben. An was müssen Sie arbeiten, um den großen Wurf zu landen?

Vom langen Spiel her fühle ich mich sehr gut. Das Chippen und Pitchen ist auch besser geworden. Doch ich mache einfach zu wenige Putts im Gegensatz zu anderen Spielern – daran werde ich intensiv arbeiten.

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Haben Sie Ihr Training entsprechend angepasst, oder gibt es irgendwelche Übungen, damit der kleine Ball häufiger ins Loch fällt?

Speziell im Bereich zwei bis fünf Meter sehe ich im Moment am meisten Potenzial. Das sind Entfernungen, aus denen der Ball nicht zwingend fallen muss, aber dennoch mache ich im Vergleich dort viel zu wenig Putts. Ich habe mit Günter Kessler ein paar Übungen besprochen, um sowohl beim Tempo als auch bei der Linie konstanter zu werden.

In dem ohnehin stressigen Sommer steht Anfang August die PGA Championship an, das letzte Major der Saison und gleichzeitig eines der letzten Qualifikationsturniere für den Ryder Cup. Ist man da besonders fokussiert? 

Die letzten Turniere waren schon alle groß und wichtig. Es hat mit den US Open angefangen, dann die Open de France, die Scottish Open und die Open Championship, jetzt die PGA Championship. Die spiele ich und dann muss ich mal schauen, wie weit ich in der Ryder-Cup-Liste gekommen bin.

Ihre Form zuletzt war gut, sollten Sie es über die direkte Qualifikation nicht schaffen, spekuliert man da auf eine Wildcard? Zumal ja schon sehr viele Rookies im Team von Darren Clarke sind, und Sie haben viel RC-Erfahrung. Gibt es Kontakte zum Kapitän?

Mit Darren Clarke habe ich nicht darüber gesprochen. Wir haben generell relativ wenig Kontakt, ab und an mal eine SMS, aber es wurden keine Worte über Picks verloren. Ja, es sind viele Rookies im Team und ich persönlich würde mich wundern, wenn noch ein Rookie einen Pick bekommt. Ehrlich gesagt, ich habe mich mit den Wildcards gar nicht beschäftigt. Ich bin fest der Meinung, wenn ich gut genug spiele, bin ich im Team und kann helfen, wenn nicht, hat es jemand anders mehr verdient.

Der Ryder Cup ist kein Event, wo es nur um mich geht, das ist ein Team-Event, da sollte man sein Ego rausnehmen.

Olympia ist ein Turnier, da dürfen Sie für Ihr Land antreten. Sie haben Rio in Ihrer Prioritätenliste immer ganz oben angesiedelt. Sind Sie enttäuscht, dass so viele von der Weltspitze abgesprungen sind?

Enttäuscht bin ich deswegen nicht. Ich bin sehr verwundert, da am Anfang sehr viele für Olympia waren und jetzt sind fast 50 Prozent abgesprungen.

Das ist für unsere Sportart extrem bitter. 

Ich bin eher enttäuscht für die Funktionäre und die Menschen, die sehr hart dafür gearbeitet haben, um Golf wieder olympisch zu machen. Für uns ist das doch eine hervorragende Plattform, um Golf in der Welt noch bekannter zu machen.

Hat der Zika-Virus den Abtrünnigen dabei in die Karten gespielt?

Für manche ist das eine angenehme Ausrede. Ich habe mich mit  Zika natürlich auch befasst und kenne die Risiken. Im Endeffekt: Wo bist du heutzutage noch sicher?   

Rory McIlroy hat Olympia ein heftige Abfuhr gegeben, das Turnier quasi zum Monatsbecher degradiert. Ist das nicht kontraproduktiv?

Man muss die Entscheidung respektieren. Natürlich habe ich auch eine Meinung dazu, die äußere ich aber lieber zu Hause.

Geht es Golfern generell zu gut?

Ganz ehrlich: Wir sind in unserer Sportart sehr verwöhnt. Wir haben in der Tat großes Glück als Golf-Profis.

Wer wird Sie nach Brasilien begleiten?

Ich werde alles mit meinem Caddie Craig Connelly alleine machen. Wir haben erst geplant, dass ein paar Freunde und die Familie mitkommen. Doch das sprengt den finanziellen Rahmen, alles ist extrem teuer und kompliziert. Man kann kein Auto mieten und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist es zu gefährlich.

Sie haben angekündigt, im olympischen Dorf zu wohnen. Was war der Auslöser, die Athletenunterkunft der angemieteten Wohnung bzw. dem Sternehotel vorzuziehen? 

Ich bin die ganze Zeit im olympischen Dorf und werde schon bei der Eröffnungsfeier dabei sein. In dem Fall wollte ich es mir nicht nehmen lassen. Wenn man beim Essen ist und es sitzt beispielsweise ein Dirk Nowitzki oder ein anderer Weltklasse-Athlet neben dir: Ich denke, das ist sehr inspirierend und motivierend. Womöglich legt man dann in seinem eigenen Wettkampf noch eine Schippe drauf.

Dabei sein ist aber nicht alles?

Das ist schön, nur, wenn man schon dabei ist, kann man auch versuchen, Gold zu holen. 

Die Welt steht Kopf, es gibt nur schlechte Nachrichten: Nach dem Putschversuch in der Türkei kam Nizza, Würzburg, die Festnahmen in Brasilien, der Amoklauf in München und nun die Geschichte in Ansbach. Wie sehr setzen Sie sich damit auseinander?

Man kann es ganz schwer in Worte fassen, das ist krank und schrecklich. Natürlich mache ich mir meine Gedanken und wir diskutieren in unserem Team ausgiebig, wie der Turnierplan aussehen soll. Dabei berücksichtigen wir jegliche Situationen und Vorkommnisse in der Welt. Zwangsläufig treffen wir Entscheidungen, die vielleicht nicht überall auf Verständnis stoßen. Das Schlimme ist – man weiß ja nie, ob einer in seinem Kellerchen etwas zusammenbastelt. Das kann bei Olympia passieren oder wie wir gesehen haben, in München. Die Frage, wie ich mich dabei fühle, ist ganz schwer zu beantworten, weil das so weit weg ist von den Gedanken eines normalen Menschen.

Haben Sie aufgrund dessen schon Korrekturen in der weiteren Turnierplanung 2016 vorgenommen?

Ich glaube nicht, dass ich dieses Jahr in die Türkei fliegen werde. Dazu ist die Situation zu angespannt und unübersichtlich. Das ist sehr schade, aber ich bin der Meinung, dass man es nicht provozieren muss, wenn man die Wahl hat. 

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