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Der Supertüftler

Nach zehnjähriger Abwesenheit kehrt der dreifache Major-Sieger Padraig Harrington zurück nach Deutschland

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Autor

Philipp von Schönborn

ist als Fachmann für Profi-Sport und Equipment langjähriges Teammitglied der GJ-Redaktion 

Unter Golf-Fans ist der Ire eine große Nummer. Padraig Harrington, 45, gelang in seiner Profi-Karriere etwas, das nur ganz wenige schafften.

Er ist Major-Sieger, mehrfacher sogar. 2007 wurde er für seinen Open-Sieg zwar nicht belächelt, doch man traute ihm keine weiteren Meisterstücke zu. Der Profi antwortete ein Jahr später auf seine Art: Er verteidigte seinen Open-Titel, das allein ist schon aller Ehren wert, und gewann auch gleich noch die PGA Championship. Drei Majors innerhalb von 13 Monaten – damit genießt man Kultstatus. 

Wie bei so vielen Weltklassespielern ist der Sättigungsgrad mit Major-Erfolgen noch lange nicht erreicht. Im Gegenteil, der Drang zu Perfektionismus und die Hoffnung auf noch bessere Runden, löst eine Art »Tüftel-Syndrom« aus. Das hatte sich auch Martin Kaymer nachdem er Nummer eins wurde in den Kopf gesetzt, allerdings stellte er sein Vorhaben mangels Erfolg wieder ein. Harrington ist da anders. Unter den Profis gilt er als Dauertüftler, ein Besessener auf der Suche nach dem perfekten Schwung. Und dem unbedingten Willen sein eigenes golferisches Maximum zu erreichen.

Bislang ist sein Experiment gescheitert: Der Ausnahmespieler hat das mehrjährige Dauerloch gerade mal mit dem Titel bei der Honda Classic 2015 vorübergehend beendet. Auf seiner langen Selbstfindungsreise (»das Geheimnis liegt in der Suche«) ist ihm jedes Mittel recht. Durchaus denkbar, dass er bei seinem Abstecher nach Bad Griesbach in dieser Woche, seinem ersten Gastspiel (zuletzt 2006 BMW International Open) auf deutschem Boden nach über zehn Jahren, einige Lektüren im Gepäck hat. Auf Bücher zur Selbsthilfe greift er ebenso zurück wie auf Josh Waitzkins Ausgabe »The Art of Learning« mit dem Untertitel »An Inner Journey to Optimal Performance«. Harrington verspeist durchaus bewusst rotes Fleisch, um nachts besser zu träumen. Und er ist davon überzeugt, dass man Träume durchaus kontrollieren kann.

Kontrolle hat in seinem Leben eine herausragende Position: Der glücklich verheiratete Multimillionär versucht sein Leben, seine Gefühlslage und seinen Golfschwung zu kontrollieren. Er versucht intensiv Teile seines Schwungs zu verbessern, weil er einfach davon überzeugt ist, dass etwas nicht stimmt. Er kämpfte in seiner Karriere mehrmals gegen Ängste an. Zum Beispiel vor dem ersten Abschlag, wenn etwa 50 Zuschauer den Blick auf ihn richteten:

»Die Angst ist nicht das Problem, die Reaktion auf die Angst ist das Problem«. 

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Ein Beispiel aus Südafrika: Harrington sollte auf einem 400 Meter hohen Berg einen Abschlag aufs das tief gelegene Grün schlagen. Ihm war mulmig, eine innere Uhr blockierte ihn. »Ich hab mir dann gesagt: Hey, das haben Hunderte vor dir gemacht, und keiner ist runtergefallen. Also wird mir auch nichts passieren. Und so habe ich die Situation gemeistert«, erinnert er sich. Es war eine Punktlandung auf dem Grün.

Wenn man diese Seite von Harrington, der in bescheidenen Verhältnissen in einer Arbeitersiedlung in einem Vorort Dublins mit vier Geschwistern aufwuchs, kennt, der bringt für viele seiner Eigenheiten auf dem Platz Verständnis auf: Die Zunge, die er beim Schlag auf eine Seite des Munds legt, die Grimassen nach den Schlägen und seine mitunter kuriosen Wege von einer zur anderen Seite auf den Fairways. Eines sieht man bei ihm dagegen nie, und das ist Zorn. Zwei Mal reagierte er in seinem Leben wütend und bereute es sofort. Einmal auf dem Platz nach einer Fehlentscheidung eines Referees und einmal bei einem handgreiflichen Zoff mit seinem Bruder.  

»Wut ist eine Emotion, eine Sache der Nerven. Ich kann das gut kontrollieren«. 

Warum hat er sich das alles in den Kopf gesetzt und hat nach seinen größten Erfolgen nicht einfach wie gehabt weitergemacht? »Das wäre im Bereich des Möglichen gewesen, aber so bin ich ja auch nicht nach oben gekommen. Das ist vielleicht der Schlüssel.« Sein Mental-Coach Bob Rotella hat einen anderen Erklärungsversuch: »Viele Jungs trauen sich nicht neue Dinge auszuprobieren, also werden sie nie besser. Sie bleiben stehen während die Konkurrenz besser wird. Wer neue Sachen ausprobiert, geht meist erst einen Schritt zurück. Es erfordert viel Geduld, denn man weiß ja nicht, wann und ob sich der Erfolg einstellt. Risiko gehört dazu. Padraig hatte nie im Ansatz Angst, entsprechende Wege einzuleiten, um besser zu werden.«

Da war 2011 zum Beispiel die Trennung von Bob Torrance nach 15-jähriger Zusammenarbeit. Der Coach war eine Art Vaterfigur, allerdings schon über 80 Jahre alt und nicht mehr in der Lage, Padraig auf Turnieren rund um den Globus intensiv zu begleiten. Harrington verpflichtete daraufhin Pete Cowen. Und trotz 17 verpasster Cuts im Jahr 2013 und einer Position jenseits der Top 100 sah Harrington eine positive Entwicklung in seinem Spiel. Cowen, der auch Henrik Stenson betreut, denkt, dass sich Harrington mit seiner penibel, akribischen Charakter selbst im Weg steht. »Das hat sein Selbstbewusstsein massiv beeinträchtigt.« Der Ire unternimmt wirklich alles, um wieder ganz nach oben zu kommen. »Sein Verlangen ist trotz der Rückschläge noch größer geworden. Wir müssen ihn sogar bremsen, er würde sich sonst zu Tode schuften«, weiß Fitness-Trainer Liam Hennessy. Golf ist ein Sport, der jeden an die Grenzen bringt und in den Wahnsinn treiben kann, doch Harrington macht unermüdlich weiter. »Padraigs größter Pluspunkt ist sein grenzenloser Optimismus, er liebt dieses Spiel, weil es einfach so schwierig ist«, analysiert Rotella.

Ein weiteres Major wäre für Harrington nicht mehr als eine Zugabe. Daran gibt es keine Zweifel. Er ist nach seinen Erfolgen nie ausgeflippt und sah sich als Superstar. Der Profi wohnt weiterhin mit seiner Familie in Dublin und die Mobilnummer ist auch noch die gleiche.  »Ich kann sehr gut mit dem kleinen weißen Ball umgehen. Bei allem anderen bin ich Durchschnitt«, sagt er selbst. Der Mann ist bodenständig, auch wenn vieles, das er in seinen Beruf investiert, mit Normalität nichts gemein hat.

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