Henrik Stenson Open Champion 2016Dominic Foos
European/PGA Tour

Beichtvater & Blitzableiter

Die Beziehungen zwischen Spielern und Caddies
sind gelegentlich heikel – wie zuletzt die Trennungen
zwischen Rory McIlroy und J.P. Fitzgerald
sowie Phil Mickelson und Jim Mackay wieder zeigten

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Dieser Mann gehörte einfach zum Inventar. Doch nach der Open 2017 feuerte der Profi seinen Caddie nach neun Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit. In dieser Zeit gewann McIlroy vier Majors, den Ryder Cup und wurde zeitweise die Nummer eins der Welt.

Egal, er setzte seinen Bag-Träger nach einem vierten Rang bei einem Major vor die Tür. Alles vorbei!

»Ich muss die Dinge neu ordnen. Es ist auch kein Rausschmiss. Ich würde J.P. weiterhin als einen meiner engsten Freunde bezeichnen, aber ich musste eine Entscheidung treffen. Auf dem Platz war ich nicht mehr fair zu ihm, ich habe ihm die Verantwortung für meine schlechten Schläge gegegeben. Das kann es nicht sein. Ich musste handeln«

Beim WGC Bridgestone Invitational und der PGA Championship war Harry Diamond an der Tasche. Der junge Mann ist ein enger Freund Rorys und sehr guter Golfer. »Ich habe jemanden gebraucht, der mich gut kennt, ich übernehme einfach etwas mehr Verantwortung. Wir bestreiten auch gemeinsam die PGA Championship«, erklärte der Profi

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Einige Wochen vor der Rory-Trennung gab es bereits einen großen Knall. Es war eine echte Überraschung: Nach 25 Jahren, elf Ryder-Cup-Auftritten und fünf Major-Titeln ist seit Juni 2017 Schluss zwischen Phil Mickelson und Caddie Jim »Bones« Mackay, einem Team, das sich auch abseits des Platzes nahe stand und oft gemeinsam mit den Ehefrauen in den Urlaub fuhr. Die Trennung blieb wochenlang Gesprächsthema unter Spielern, Coaches und Journalisten. Was war los in dieser Vorzeigebepartnerschaft? Angeblich sollen berufliche Differenzen die langjährige Freundschaft zwischen den beiden Familien stark belastet haben.


Die Beziehung zwischen Spieler und »Bag Man« ist extrem fragil, weil sie ungeheuren Belastungen ausgesetzt ist: das gemeinsame, oft unbequeme und stressige Reisen. Der Druck der Turniere. Die finanzielle Unsicherheit und Abhängigkeit. Das stundenlange Herumstehen und Warten auf der Range und der Runde, unterbrochen durch wenige, oft karrierewichtige Entscheidungen. Es ist ein für Außenstehende schwer nachvollziehbares Wechselbad von Stress, Langeweile und Jetlag, von hohem und niedrigem Puls.


Ein Caddie hat eine heikle Aufgabe: Einerseits muss er seinem Spieler Selbstvertrauen einflößen, andererseits ihn vor allzu riskanten Entscheidungen bewahren. Und er muss es aushalten, den Ärger abzubekommen, wenn der Schlag misslingt. Der notorische Unruhestifter Robert Allenby machte im Jahr 2015 Schlagzeilen, als er seinen Caddie Mick Middlemo mitten auf der Runde nach einem Wasserschlag entließ und ihm auch noch Prügel androhte – ein Zuschauer schleppte die Tasche für den Rest der Runde. Auch Bubba Watson neigt dazu, seinen Caddie Ted Scott lautstark für Fehler verantwortlich zu machen, was im Internet zu dem humorigen Hashtag #PrayforTedScott führte.


Kumpel? Beichtvater? Psychologe? Blitzableiter? Das ist das Problem: Auf einer Runde muss ein Caddie oft alles zugleich sein, manchmal sogar auf ein und derselben Bahn. Er muss wissen, wann er den Mund halten und wann er seinen Spieler mit Geplauder und Scherzen ablenken muss.


Und bei aller Freundschaft: Es kann ganz schnell gehen mit dem Bruch. »Ich kenne zwei Kollegen, die gefeuert wurden, während der Ball noch in der Luft war«, erzählt ein Caddie, der anonym bleiben will. Auch Gareth Lord, Caddie des als umgänglich geltenden Henrik Stenson (s.a. GJ 4/17), macht sich keine Illusionen: »Morgen kann schon alles vorbei sein.« Für Henriks ersten Major-Titel musste Lord übrigens, so war die Vereinbarung zwischen den beiden, das Rauchen aufgeben.


Feste Spieler-Caddie-Teams gibt es übrigens noch nicht allzu lange – zuvor bekamen die Spieler von den jeweiligen Clubs Taschenträger zugeteilt. Arnold Palmer gab einem ihm zugewiesenen jungen Caddie einst den wichtigen Rat: »Nimm bloß deine Hände vom Bag, wenn ich vom Grün komme! Ich will nicht, dass ich dir die Finger breche, wenn ich nach einem verschobenen Ball meinen Putter zurückramme.«

Berühmte Paare der Golfgeschichte

Francis Ouimet & Eddie Lowery
Der 20-jährige Francis Ouimet war ein völlig unbekannter Amateur und ehemaliger Caddie, der im Jahr 1913 bei der US Open nach 72 Löchern mit den großen Briten Harry Vardon und Ted Ray im Country Club von Brookline, Massachusetts, gleichauf lag. Schon diese Geschichte klingt wie ein Märchen, doch es kommt noch besser: Sein Caddie war der gerade erst zehnjährige Eddie Lowery. Kurz bevor das Play-off um den Titel begann, kam ein erfahrenes Mitglied des Clubs auf Ouimet zu und bot ihm an, die Tasche zu tragen. Doch er vertraute weiterhin seinem kleinen Eddie und gewann sensationell das Stechen gegen die englischen Superstars – eine Legende war geboren. Aus Lowery wurde später selbst ein exzellenter Spieler, außerdem brachte er es als Autohändler zum Multimillionär.

Jack Nicklaus & Angelo Argea
Argea war als Caddie beim Palm Springs Classic 1963 eingeteilt. Eher zufällig trug er sich für Jack Nicklaus ein, hieß es doch, er würde nicht auftauchen, weil er an einer Hüftverletzung laborierte. Doch Nicklaus kam und gewann. Wenig später gewann er auch ein Turnier in Las Vegas, wiederum mit Angelo am Bag. »Jack wurde klar, dass er mich fest buchen sollte«, erzählte Argea später. Gemeinsam gewannen sie 40 Turniere, darunter die US Open, die British Open und die PGA Championship. 1982 setzte sich Argea zur Ruhe. Wermutstropfen: Bei keinem von Jacks Masters-Siegen war Argea am Bag, denn Augusta National erlaubte bis 1983 keine fremden Caddies. Dennoch wurde Angelo Argea, auch dank seiner Erscheinung mit dem unverwechselbaren Afro-Look, der erste namentlich bekannte Caddie.

Tom Watson & Bruce Edwards
Eine Verbindung, die beinahe ewig hielt: Von 1973 bis 2003 arbeitete Edwards an Tom Watsons Seite, unterbrochen nur durch einige Jahre bei Greg Norman von 1989 bis 1992. 2003 wurde bei ihm ALS diagnostiziert, eine Krankheit, die ihn bald dazu zwang, seinen Job aufzugeben; er starb 2004 mit nur 49 Jahren. Spannender Lesetipp für alle, die im Englischen sattelfest sind: »Caddy for Life – The Bruce Edwards Story« ist seine Biografie, in den Monaten vor seinem Tod gemeinsam mit John Feinstein verfasst – randvoll mit Insider-Geschichten über das Leben auf der Tour.

Tiger Woods & Steve Williams
Als 13-Jähriger begann er mit dem Caddie-Job, als 15-Jähriger flog er von Neuseeland nach Europa, um ein professioneller »Bag Man« zu werden. War es Glück oder tatsächlich Können, dass er stets für die ganz großen Namen arbeitete? Dazu gehörten die Major-Sieger Peter Thomson, Greg Norman, Ian Baker-Finch und Raymond Floyd. 1999 wurde er von Tiger Woods’ damaligem Coach Butch Harmon angesprochen, ob er sich vorstellen könnte… Er konnte. Bis 2011 blieb Williams an Woods’ Seite, gewann mit ihm jedes Major-Turnier und verdiente mindestens geschätzte 12 Millionen Dollar. Er verteidigte Woods gegen allzu aufdringliche Fans und warf einmal eine 6.000 Euro teure Kamera eines Zuschauers in den See, als der ein Foto – samt Klick – von Tigers Rückschwung machte.

Auch sonst trat er meistens rabiat auf, bezeichnete etwa Phil Mickelson in einem Interview als »Prick« (»Arschloch«). In seiner neuseeländischen Heimat wurde Steve Williams, der semi-professionell Dirt-Track-Rennen fährt, sogar einmal zum Sportler des Jahres gewählt. Der Rausschmiss traf Williams dann völlig überraschend und hing wohl mit dem Auffliegen von Tigers »Sexkapaden« zusammen (von denen Williams, wie er glaubhaft versicherte, nichts wusste) – Woods wollte ein Zeichen der Veränderung setzen, auch für die Öffentlichkeit. Williams ist inzwischen an Adam Scotts Seite.

Jordan Spieth & Michael Greller
Der ehemalige Mathe-Lehrer hat es an der Seite von Wunderkind Jordan Spieth gut erwischt, wie schon dessen erstes volles Jahr auf der Tour zeigte: 2015 brach der junge Texaner viele Rekorde – unter anderem gewann der 22-Jährige 22 Millionen Dollar. Michael Greller durfte sich ebenfalls freuen: Die TV-Kollegen von Golf Channel errechneten, basierend auf der üblichen Bezahlung eines Tour-Caddies (fünf Prozent des Preisgelds bei einem überstandenen Cut, sieben Prozent bei Top 10, zehn Prozent beim Sieg), dass Greller allein in jenem Jahr 2,14 Millionen Dollar verdient haben dürfte. Damit wäre er unter den Top 40 der Preisgeldliste der US PGA Tour 2015 gelandet. Weil Spieths Karriere auch 2016 und 2017 wenige Dellen aufzeigt, müssen wir uns um Grellers Kontostand weiterhin wenig Sorgen machen.

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