Interview M.A. JimenezAdam Scott
Masters 2016

Das befreite Genie

Bubba Watson eilte jahrelang der Ruf voraus, ein schier unglaubliches Talent mitzubringen, dieses aber nicht in Siege ummünzen zu können. Spätestens mit seinen Triumphen in Augusta hat sich das geändert

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Autorin

Katrin Baumann

Die Schweizer Sportjournalistin war mehrfach für GJ in Augusta und interviewte dabei zahlreiche Größen des Golfsports

Er muss ein ganz schöner Brocken gewesen sein, dieser Gerry Lester Watson junior. Weit über vier Kilo wog er bei der Geburt, und als der Vater ihn das erste Mal in den Armen wiegte und genauer betrachtete, kam ihm ob der Pausbacken des Neugeborenen eine Figur aus dem Klamaukstreifen "Police Academy" in den Sinn. "Sieht aus, als hätten wir kein Baby, sondern einen Bubba", sagte er. Fortan hieß der Kleine offiziell zwar Gerry, jeder nannte ihn aber einfach Bubba.

Im Amerikanischen kann das ein großer Bruder sein – oder eben ein großes, gutmütiges, etwas dümmliches Dickerchen, wie es wohl Gerry Watson senior meinte. Und irgendwie blieb das an ihm kleben, als er Golfprofi wurde: ein Dickerchen, das den Ball zwar weiter schlagen kann als alle anderen, das es aber einfach nicht auf die Reihe kriegt mit der Karriere – das war das Bild, das die Szene von ihm hatte. Als er 2006 beim International das erste Mal Chancen auf einen PGA-Tour-Sieg hatte und nach 71 Löchern vorne lag, hackte er am Abschlag wie ein Anfänger daneben, der Ball versprang kläglich seitlich ins Gebüsch. Das ging über Jahre so: Immer und immer wieder brachte er sich mit Katastrophenschlägen im letzten Moment noch um die Siegchancen. "Bubba, du bist viel zu gut, um nichts zu gewinnen", sagte Trainingspartner Tiger Woods einmal zu ihm: "Ich bewundere, wie du den Ball schlägst."

Einstein des Golfsports

 

Shakespeare, Mozart, Einstein: auch sie litten an ADS, so wie viele andere Genies. Auch im Golf gab es schon einmal einen großen Spieler mit ADS: Payne Stewart, der mit dem Flugzeug tödlich verunglückte einstige US-Open-Champion. Er ließ sich von einem Psychologen helfen. Watson half vor allem seine Ehefrau, eine Profi-Basketballerin: "Ich versuchte, seine Energie in etwas Produktives umzusetzen", sagt sie. Sein Caddie sagt, er dürfe vor einer Turnierrunde auf keinen Fall zu lange auf der Range stehen – das mache in seinem Kopf den Weg frei zum Chaos.

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Keine einzige Trainerstunde hatte der Profi mit dem pinkfarbenen Driver in seinem Leben, nie warf er einen Blick in ein Lehrbuch, alles brachte er sich selbst bei. Als er sich als Jugendlicher für Golf zu interessieren begann, sagte sein Vater, er solle es einfach ausprobieren und sein eigenes Ding machen. Daran hat Watson sich bis heute gehalten: Noch immer weigert er sich, seinen Schwung per Video zu analysieren, auf die Idee, einen Coach zu engagieren, käme er nicht einmal, und was ihm durch den Kopf geht, während er den Ball anspricht, hat er sich ganz alleine ausgedacht. Der einzige, bei dem sich der Linkshänder hin und wieder Rat einholte, war Woods. 

Ein Champion ohne Coach – im modernen Sport mutet das schon beinahe ketzerisch an. Gerade im Golf ist der Glaube an den Trainer allgegenwärtig wie in keiner anderen Sportart. Jedem Amateur wird eingebläut, der einzige Weg, besser zu werden, führe über die Dienste eines Pros. Den Maßstab setzte Woods, dessen Spiel Experten schon am Reisbrett entwickelten, als er noch kaum laufen konnte. Eine Brigade von Coaches, Ernährungsberatern, Fitnessgurus und Mentaltrainern brütet über jeder Bewegung, die er macht. Watson hingegen geht einfach auf den Platz und haut so hart er kann auf den kleinen weißen Ball.

Bubba Golf

"Bubba-Golf" ist denn auch anders als alles bisher Dagewesene. Der Mann mit der 70er-Jahre-Frisur befördert den Ball nicht nur extrem weit – mit einer Bewegung, die so gar nicht den standardisierten Tour-Schwüngen gleicht –, er lässt ihn in Bahnen fliegen, die ein Golfball eigentlich gar nicht fliegen kann. Denn das Spielobjekt einfach nur gerade zu schlagen, das ist Watson viel zu langweilig. Lieber zirkelt er seine Bälle in Rechts-links-Kurven oder Links-rechts-Kurven über den Platz, wie er gerade Lust hat. "Ich spiele Golf, um wundersame Schläge zu machen", sagte er nach dem Triumph im Mekka des US-Golf. "Schließlich will ich Spaß haben." Wer ihm zusieht, spürt das: Da ist einer, der noch in Verbindung steht zu der Möglichkeit von Sport als etwas, das vor allem eines macht: Freude. Auch insofern ist Watson das Gegenstück zu Woods.

Steckbrief

Bubba Watson

• am 5. November 1978 in Bagdad/Florida
• Wohnort Scottsdale/Arizona
• Ehefrau Angie und Adoptivsohn Caleb
• Erfolge: 9 Siege PGA Tour, darunter zwei Majors (Masters 2012, 2014)
•Weltrangliste: 4. (Stand April 2016)
•Homepage: www.bubbawatsongolf.com

"Die Linien und Kurven, die Bubba für seinen Ballflug wählt, kann ich mir manchmal gar nicht vorstellen – bis er sie schlägt", schwärmte der Superstar einmal. Und Geoff Ogilvy meinte schon vor Jahren, dass fast alle seiner Kollegen am liebsten so nach Gefühl spielen würden wie Watson: "Aber sie trauen sich nicht, sie haben Angst, ihre Technik zu zerstören." Es ist bezeichnend, dass auch Seve Ballesteros, der große Kreativkünstler des Golf, sich einst alles selbst gelehrt hat, genauso wie Sam Snead. Snead, Ballesteros, Watson – sie stehen in einer Reihe. Weil niemand ihnen sagte, was sie vermeintlich falsch machten, entwickelten alle drei ihre ganz individuelle Art Golf zu spielen – Snead übrigens mit einem Schwung, der bis heute als Inbegriff von Eleganz gilt.

"Kommst Du vom Mars? Solche Schläge habe ich noch nie gesehen." Watsons Caddie Scott, selbst Ex-Tourpro

Und immer geht es bei Watson um den direkten Weg zur Fahne. Deswegen lieben die Fans den Selfmade-Champion dermaßen: weil er so aggressiv spielt wie kein anderer im Spitzengolf, vielleicht mit der Ausnahme Phil Mickelson. Sein schier unglaubliches Talent liegt in der Fähigkeit, den Ball innerlich in der Luft zu sehen, wenn er sich über ihn beugt. Am Tag, an dem Ballesteros 55 geworden wäre, eroberte sich Watson das Green Jacket mit einem Schlag, der an Einfallsreichtum und Kühnheit nicht zu übertreffen ist. Es war ein Schlag, der im Grunde unmöglich ist: Am zweiten Loch des Playoffs gegen den Südafrikaner Louis Oosthuizen hatte er den Ball in ein Wäldchen verzogen – undenkbar, von dort aufs Grün zu gelangen, glaubten die Watson umringenden Fans auf dem Platz, die Journalisten im Pressezentrum und Millionen an den Bildschirmen zuhause.

Spaßvogel Bubba Watson im Porträt

Doch der Mann in Weiß blieb unbeeindruckt: Mit seinen federnden Schritten wippte er zum Ball, nestelte am Shirt, griff sich ein Wedge, strich sich die Hose glatt, schob mit den Füßen die Blätter beiseite, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, blickte zu dem Korridor, den Bäume und Fans gemeinsam bildeten, hieb drauflos – und zirkelte den Ball über die Baumspitzen hinweg in einer riesigen Bogenlampe direkt aufs Grün. Es war ein Zauber-Hook, ein Meisterwerk an Phantasie und Gefühl, das in die Masters-Geschichte eingehen wird. "Ich habe den Schlag in meinem Kopf gesehen", erklärte Watson und kratzte sich an der Wange. "Fantastische Kreativität", twitterte Woods in seiner Glückwunschbotschaft an den Kumpel.

Schon zwei Jahre später bewies Watson mit seinem zweiten, diesmal ungefährdeten, Masters-Sieg, dass er keine sportliche Eintagsfliege ist. Viele seiner Spielerkollegen wären mittlerweile überhaupt nicht überrascht, wenn Watson auch in den kommenden Jahren in Augusta erfolgreich wäre. So traut ihm beispielsweise Graeme McDowell sogar sechs Siege zu.


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