Endlich ganz großes GolfMasters – 4. Runde
Masters

Runde meines Lebens

GJ-Redakteur Ingo Grünpeter durfte im Augusta National Golf Club 18 Löcher spielen. Ein Erfahrungsbericht

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Man mag ja gar nicht wetten, da die Antwort auf der Hand liegt. Wer sich ein wenig mit Golf beschäftigt und gefragt wird, welchen Platz er unbedingt einmal spielen möchte, wird sofort Augusta sagen. Ja, welchen Platz denn sonst? Der Augusta National Golf Club hat so was Magisches, Unerreichbares wie keine andere Anlage auf der Welt.

Jeder kennt ihn, jeder will hin, einige Wenige schaffen es vielleicht mal als Zuschauer zum Masters, aber auf eine Runde? No way. Es sei denn, man hat, wie ich, einfach unverschämtes Glück. Der Eindruck, in den USA sei alles mit dem nötigen Kleingeld machbar, mag durchaus stimmen – im Augusta National GC haben sie aber ihre ganz eigenen Regeln und sind diesbezüglich immun. Wer beispielsweise mit einer Million Euro für 18 Löcher wedelt, erntet ein müdes Lächeln: Das juckt nicht, schließlich sind Mitglieder in Augusta überwiegend auch in den Forbes-Reichen-Ranglisten vertreten.

Dieser kleine Fleck in Georgia braucht keinerlei Zuwendungen. Man ist reich, man ist unter sich, und so soll es bleiben. Nur für das Masters werden die Pforten gerne geöffnet, und die hier »Patrons« genannten Zuschauer dürfen das einmalige Ambiente genießen – das muss reichen. Natürlich ist es ein erhebendes Erlebnis, auf Abschlag eins des Old Course in St. Andrews zu stehen. Ja, Schottland ist Geschichte pur, und ja, es ist die Geburtsstätte des Golfsports – aber, und dieser Einwand ist entscheidend: Das kann man mit Geld und ein wenig Geduld (Startzeitbestätigung) problemlos realisieren.

Augusta jedoch nicht. 2015 sollte mein erstes Gastspiel dort sein, und es wurde eine Woche, die ich definitiv nie vergessen werde. Meine Kollegen hatten mich gewarnt, dass ich noch eine Stufe über »überwältigt« sein würde. Es war krass. Ich stand unter dem Oak Tree und fühlte mich wie ein kleiner Bub vor dem Weihnachtsbaum, als Jack Nicklaus wenige Meter daneben vorbeischlenderte oder José Maria Olazábal und Bernhard Langer am Nebentisch im Clubhaus speisten. Augusta ist anders: So perfekt, so manikürt und klinisch rein, dass ich aus dem Staunen nicht rausgekommen bin und alles höchst surreal empfunden habe.

Die Information, dass es jährlich eine Lotterie für die etwa 1.500 akkreditierten Journalisten gibt, hielt ich immer für einen lustigen Gag. Doch nein, die gibt es wirklich: Also Namen in eine Liste eintragen, und dann hieß es Daumen drücken, um am Montag nach dem Masters eine Runde spielen zu dürfen. Ich war eingetragen, doch ernst nehmen konnte ich das immer noch nicht. Meine Chance siedelte ich bei unter einem Prozent an. Samstag früh brummte mein Smartphone, der Inhalt war kurz und knackig: »Lucky bastard«, schrieb mir ein befreundeter Greenkeeper.

Gut, er ist Engländer, und die haben bekanntlich einen speziellen Humor. Meine Fragezeichen-SMS beantwortete Benjamin sofort: »Ein Freund von mir hat die Liste auf Facebook gepostet, du bist dabei, viel Spaß.« Sicher doch... Das wollte ausgerechnet einer wissen, der gerade die Pitch-Marken der Greenfee-Spieler beseitigen muss. War halt ein schlechter und verspäteter Aprilscherz.Oder etwa doch nicht? Im Eiltempo machte ich mich auf den Weg zur Anlage an der Washington Road und verteufelte jede rote Ampel. Gewissheit, ich wollte unbedingt Gewissheit.

Mein skeptischer Anfangsverdacht war längst verflogen, je näher ich der Austragungsstätte kam, desto größer wurden meine Hoffnungen, und die Nervosität wuchs. Die Damen am Schalter des Pressezentrums konnten an meiner gespannten Haltung sofort erkennen, dass es um die große Ziehung ging, reichten mir eine Liste und grinsten: Tatsache, ich stand drauf

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»Gratulation, Ingo, und das beim ersten Mal, du müsstest heute einer der glücklichsten Menschen sein; hier ist deine Bestätigung und versäum’ das Briefing am Sonntag nicht.« Es gelang mir gerade noch »danke« zu stammeln und anschließend in einem vollkommen verwirrten Zustand meinen Platz im Mediazelt aufzusuchen. Wäre mir ein Arzt über den Weg gelaufen, er hätte mich beiseite genommen und untersucht. Die Bestätigung, dass ich tatsächlich eine Runde in Augusta spielen darf, haute mich schlichtweg um. Es kam einem ansatzlosen K.o. gleich.

Vielleicht sehe ich das nun sehr durch die Golfjournalisten-Brille aber für mich gab und gibt es einfach keine Steigerung! Am nächsten Morgen traf sich die Gruppe der Auserwählten mit dem Kommunikationsdirektor. Er gab detaillierte Instruktionen über Ablauf, Etikette, Fotobeschränkungen, Startzeiten und bat eindringlich, die »Befeuerung « sozialer Medien während des Spiels zu unterlassen. »Achtet bitte darauf, dass ihr euch am Gate der Magnolia Lane ausweisen könnt, eine Stunde vor eurer Abschlagszeit lässt man euch rein, wer früher kommt, darf auf der Washington Road nochmal eine Runde drehen. Nun noch viel Spaß am Finaltag, wir sehen uns morgen.«

Stunden später erhielt Jordan Spieth erstmals in seinem Leben das Green Jacket. Der junge Texaner hatte Augusta gerockt, und genau dort sollte ich keine 24 Stunden später spielen.

Die schlaflose Nacht

Keine Ahnung, wie oft ich bei diesem Gedanken den Kopf ungläubig schütteln musste, und es ist überflüssig anzumerken, dass ich schon ruhigere Nächte mit mehr Schlaf in meinem Leben hatte. Wohlwissend, dass Überpünktlichkeit bestraft wird, disponiere ich um und fahre so los, dass ich nicht abgewiesen werde. Wie ich erfahren habe, stand ein Kollege aus Asien mal zwei Minuten zu früh am Tor und wurde freundlich aufgefordert, erneut um den Block zu fahren. Mir gelingt eine Punktlandung, die der Verantwortliche am Tor mit einem wohlwollenen Knurren quittiert und mir die Richtung zeigt. »Fahren Sie die Magnolia Lane bis zum Clubhaus vor, dort bekommen Sie weitere Anweisungen.« Yes, Sir!

Es ist ein Privileg, auf dieser berühmten Straße zu fahren, ich fuhr besonders langsam. Kaum parke ich das Auto vor dem Clubhaus, öffnet ein netter Herr die Fahrertür und ein weiterer den Kofferraum. »Willkommen im Augusta National Golf Club, wir bringen Ihr Bag auf die Range, dort werden Sie auch Ihren Caddie kennenlernen. Folgen Sie mir bitte nach oben in den Champions Locker.« Wow, mir wurde der Eintritt in den heiligsten Raum des Clubs gewährt, in die Umkleide der Masters-Sieger. Richard Germany begrüßt mich, er kümmert sich seit fast zwei Jahrzehnten liebevoll um die Belange der Stars in der Turnierwoche.

Meine Nervosität sieht er mir an und klatscht mir freundlich auf die Schulter. »Genießen Sie diesen Tag, es wird außergewöhnlich. Für Sie und Ihre Mitspieler habe ich den Schrank von Adam Scott und Gary Player reserviert. Sie können hier Ihre Kleidung und Ihre Wertsachen deponieren. Darf ich Ihnen etwas anbieten, wie wäre es mit einem Kaffee? « Ich entscheide mich für ein Wasser und eine Coke »Light«, schnüre meine Schuhe und peile die Range an. Ich halte nach meinem Bag Ausschau und finde es ziemlich mittig platziert. Oh nein, so am Ende, mit einem Fluchtweg, wäre mir lieber gewesen. Ein junger Mann strahlt mich in seinem weißen Overall an. »Hallo Ingo«, begrüßt er mich, »ich bin Jossip, dein Caddie«.

Ein echt sympathischer Typ, Ende 20, Single-Handicapper und locker drauf. Er lenkt mich ab, plaudert über dies und das, gibt mir ein Wedge und ich will gar nicht loslegen, weil mir die Pyramide mit den Titleist »Pro V1« so gefällt. »Sieht gut aus«, lobt er und drückt mir dann ein Eisen 7 in die Hand. Wir steigern uns über das Eisen 5 zu den Fairway-Hölzern bis zum Driver. So wirkliche Ausreißer sind nicht dabei. »Ich finde, das passt, wir sollten noch aufs Putting-Green gehen, die Greens sind hier ja doch etwas anders, obwohl sie dieses Jahr nicht ganz so schnell sind«, merkt Jossip an.

Aha, nicht so schnell, nur so 12,5 auf dem Stimpmeter! Wie bitte? Und darüber beschwerte sich Tiger Woods auch noch. Ja, hat der sie noch alle? Nach meinen ersten drei Ein-Meter-Putts, die recht zügig am Loch vorbeizischen, bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass Tiger und ich eine ziemlich unterschiedliche Auffassung von machbaren Grüngeschwindigkeiten haben. Was wird mich also erst auf dem Platz erwarten? Jossip, mein aufmerksamer Betreuer am Bag, kann meine vielen Gedanken lesen und übernimmt fortan auch noch den Part des mentalen Unterstützers: »Wir kriegen das hin, mach’ dir keinen Kopf, wir müssen los.«

Weiche Knie und schwere Arme

Er und seine Caddie-Kollegen legen extra ein knappes Zeitfenster von der Range zum Abschlag. Sie wissen, wenn Ihre Spieler unnütz lang am ersten Abschlag auf das »Go« verharren, nimmt der Stresspegel nochmals zu, und man muss damit rechnen, dass einer umkippt. Der Kommunikationsmann ist auch wieder da. »Hallo, ich hab noch eine gute Nachricht für Euch. Wer keine Kamera dabei hat, darf ausnahmsweise sein Smartphone benutzen, aber bitte auf Flugmodus stellen und kein Facebook-Kram. Sollten Clubmitglieder kommen, lasst sie durchspielen. Viel Spaß.« Man lässt uns absichtlich von den Members- Tees abschlagen, das ist reiner Selbstschutz: Von der Champions-Box vernichtet uns Augusta National, außerdem will man die Tagesgäste vor Einbruch der Dunkelheit von der Anlage verabschieden.

Wer ist mutig genug, den Anfang zu machen? Der Schwede, der Brite, der Koreaner, ich? Der junge Skandinavier stellt sich hin und nagelt einen mörderischen Drive raus, dann werde ich von den Mitspielern per Handzeichen aufgefordert. Meine Knie sind weich, mein Herz klopft, und meine Armen fühlen sich sehr schwer an. Im Kopf gehe ich derweil eine imaginäre Liste von Spielern durch, die an diesem Ort Geschichte geschrieben haben. Ich hole aus und jage den Ball, zack, links unter die Bäume. Passt schon, Hauptsache recht weit und im Spiel. Die Show kann beginnen.

An Loch eins geht es erst durch eine tiefe Senke – überhaupt es ist ein permanentes Rauf und Runter. Die Fernsehkameras können weder die extremen Höhenunterschiede noch die vollkommen verrückten Grüns realistisch einfangen. Zudem stehe ich selten auf einer Ebene, irgendwie ist es meistens eine schräge Angelegenheit. »Wenn du dort gespielt hast, kannst du einschätzen, was uns abverlangt wird«, hatte mir Henrik Stenson noch am Abend zuvor geschrieben. Ja, nur wenn man die Weltklasse in Augusta am TV oder live vor Ort beobachtet, sieht das alles so einfach, so spielerisch aus.

Simpel ist auf diesem Platz mal gar nichts

Jeder Schlag muss sitzen, Augusta gibt einem keine Alternativen. Eine geringe Abweichung beim Abschlag oder vom Fairway Richtung Grün bedeutet Ärger. Fortan wird Schadensbegrenzung betrieben. Martin Kaymer könnte ein Buch darüber schreiben, Titel: »Wie mich Augusta in den Wahnsinn treibt«. Jossip freut sich mit mir, wenn ein Abschlag auch in die von ihm vorgegebene Richtung fliegt. »Schön, damit können wir gut arbeiten. « Er fragt mich stets nach meiner Schlägerwahl, bestätigt mich oder spricht mit mir über Alternativen, zudem will er immer wissen, wie mein Plan aussieht, also wie und wo ich das Grün anspielen möchte.

Er gibt mir das nette Gefühl, mich ernst zu nehmen und Vertrauen in mein Spiel zu haben. Merkt er aber, dass ich ihm nur bedingt folge? Vielleicht ist es wieder einer seiner Schachzüge, damit ich mich aufs Spiel konzentriere. Den Fokus auf meine Schläge zu legen, gelingt sporadisch. Ich genieße, schaue links, rechts, zurück und sauge diese Atmosphäre ein. Es ist soooo schön, unfassbar, perfekt. Ich bin mir sicher: Hier hat der Golfgott mitgewirkt – es stimmt einfach alles.

Der Platz von Bobby Jones und Alister Mackenzie verzaubert mich. Ich bin schwer verliebt. Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken gerissen, Jossip schießt dazwischen und gibt mir eine Empfehlung für den nächsten Schlag. Meinen Vorschlag, auf die Fahne zu gehen,  verneint er vehement. »Keine Chance, du musst ihn links vorne landen lassen, dann rollt er hin, sicher.« Ich spiele den Chef, treffe den Ball wie erhofft und freue mich.

Prima, der liegt sicher perfekt. Jossip dankt es mit einem Kopfschütteln und einem beleidigten Gesichtsausdruck. Kann nicht sein, denke ich mir, und werde wenig später eines Besseren belehrt. Der Ball liegt irgendwo am Grün, nur nicht ansatzweise in der Nähe der Fahne.  Putts über eine Distanz von 30 Metern mag ich grundsätzlich nicht (wer mag sie schon?), aber nun habe ich diese Länge vor mir, zwei Wellen und gefühlte sieben Breaks.

12,5 Stimpmeter

Die Greenkeeper hatten die Flächen morgens nochmal präpariert und auf Turnierstandard gebracht. Natürlich geht meine Zwei-Putt-Strategie an diesem Loch nicht auf. Ich muß lachen, weil ich diese permanente Herausforderung einfach nicht kenne. Zudem schwöre ich mir, künftig meinen Caddie als Chef zu akzeptieren. Wer keinen Fehler machen will, sollte sich in Augusta auch einen Putt aus 20 cm von allen Seiten anschauen! »Jossip, sag mal, gibt es hier ein Grün, auf dem man sich etwas ausruhen kann?«, frage ich hoffnungsvoll nach sechs Löchern.

Er grinst, verneint und meint, dass es jetzt richtig spaßig wird. Die 7 (Par 4), auch »Pampas« genannt, entpuppt sich beim Schlag ins Grün als optisches Monster. Ich stehe in einer Senke und sehe nur Bunker. Ach ja, ganz oben schimmert so etwas Gelbes – die Fahne. Das Grün suche ich aber vergeblich. So was nennt man gute Verteidigung! Ich treffe zur Abwechslung das richtige Plateau und finde es riesig, dass mein Ball mit zwei Putts im Loch landet. Mit jeder Bahn wird mir bewusster, wie gut diese Profis spielen.

Bei den Übungsrunden konnte ich zahlreiche Stars beobachten, und alle haben das Gleiche gemacht: Sie feilten an fast jedem Grün am kurzen Spiel und gingen mehrere Situationen durch. »Wenn man ein Grün verfehlt, ist es entscheidend, wo. Es gibt zahlreiche Positionen, da ist man tot, es gibt keinen Ausweg«, erklärt mir mein Caddie. Ich kann mich an einen Chip von Bernhard Langer vor einigen Jahren erinnern. Im Fernsehen sah alles nicht so schwierig aus. Der Ball des zweifachen Masters-Siegers lag anschließend zehn Meter von der Fahne weg, und Langer bezeichnete den Schlag als perfekt ausgeführt.

In Augusta wird keinem etwas geschenkt

Nach unseren Abschlägen auf der 10 in die tief liegende Senke, wo wir uns alle die Frage stellen, wie Rory McIlroy den Ball 2011 vor die Südstaatenvillen zimmern konnte, zeigen uns die Caddies die berühmte Stelle von Bubba Watson, mitten in Wald und Büschen. Wie, von hier hat er im Stechen 2012 ein Sand-Wedge genommen und den Ball nach 30 Metern in einem 90 Grad Winkel aufs Grün gezaubert? Wir sind uns einig: ein Wunderschlag, physikalisch unmöglich. Der 10 einem Meisterwerk an Golfdesign, schenken wir nicht die ihr verdiente Aufmerksamkeit, schließlich können wir es kaum erwarten, den weltberühmten »Amen Corner« zu betreten.

Die Schneise aus dem Wald zu verlassen und auf dem Fairway der 11 zu schreiten, bis sich »Amen Corner« vor mir ausbreitet, das ist schon ganz speziell. Diese Harmonie und Schönheit raubt mir für Sekunden den Atem. In unserer Gruppe herrscht absolute Stille – jeder muss diese erhebenden Eindrücke verarbeiten. Die Caddies lassen uns gewähren, drücken dann aber wieder aufs Tempo. »Ihr werdet ab jetzt noch häufig sprachlos sein.« Wie beim Gang über die Ben-Hogan-Bridge zum Grün der 12 und dem daneben liegenden Abschlag der 13 mit der Azaleenpracht.

Es ist ein ganz besonderer Ort der Ruhe, auch für die Pros. Hier sind sie weit weg von den Zuschauern, meist unter sich, weil ihre Taschenträger sich in der Einflugschneise der Drives postieren. Zu unserer Verwunderung verabschiedet sich genau dort unser britischer Mitspieler – ihm ist es nicht gelungen, den Flieger nach London umzubuchen. Die arme Socke! Allein das Farbenspiel am 13. Grün ist unglaublich: der dunkle Wasserlauf, das strahlende Grün, die weißen Bunker und das Blumenmeer im Hintergrund. Ganz großes Kino.

Hollywood in Georgia

So langsam ist mir bewusst, dass mein Gastspiel in Augusta auf die Zielgerade steuert. Auf der 15 verneige ich mich vor den Pros: Wie sie das Par 5 mit dem zweiten Schlag angreifen und den Ball auf diesem breiten aber nicht tiefen Grün zum Stoppen bringen, ist mir ein Rätsel. Chapeau! Ich scheitere gnadenlos mit meiner Strategie: Der dritte Schlag läuft in Formel-1-Geschwindigkeit übers Grün. Und dann? Vergessen wir’s... Jossip fordert mich auf, »ein wenig mehr Konzentration aufzubringen«. Die ist da, ich habe mir halt die ganze Zeit das Layout der 16 angesehen, bin von der Schönheit dieses Lochs beseelt und frage mich, ob ich auch diesen magischen Spot treffe, dass der Ball dann so schön wie bei den Profis ans Loch rollt – so wie bei Tigers legendärem Chip 2005. Mir biegt die Kugel etwas zu früh ab. Nun ja.

Drohkulisse

Fortan gibt es nur noch ein Gesprächsthema: die 18. Entsprechend emotionslos nudeln wir die 17 herunter. Nachdem der Eisenhower Tree entsorgt wurde, fehlt dem Loch ein prägendes Element. Angekommen auf der 18, laufe ich erst noch nach hinten, zu den Abschlägen der Profis. Vor mir breitet sich eine Drohkulisse aus: rechts diese hohe und endlos wirkende Baumreihe, links der furchteinflößende Fairway-Bunker und ein Fairway, das vom Abschlag aus gerade mal wie ein schmales Handtuch wirkt. Herrje, wer braucht das denn? Und was mag sich bei einem Tour-Pro erst im Kopf abspielen, wenn er genau hier am vierten Tag in der letzten Gruppe steht und weiß, er muss dieses Loch mit Par abschließen, um das Masters zu gewinnen?

Ich stehe wenig später erheblich weiter vorne, finde die Perspektive aber auch nicht prickelnd. Irgendwie schustere ich meinen Drive nach vorne und bin überrascht, wie breit das Fairway tatsächlich ist. »Als Amateur musst du mindestens einen Schläger mehr nehmen, es geht richtig bergauf«, brieft mich Jossip nochmals. Dieser Anstieg hat es zum Schluss wirklich in sich, ganz oben thront auf der linken Seite ein riesiger Grünbunker – ein Ungeheuer. Aufgepumpt mit Adrenalin feuere ich den Ball hinter dieses Monster und schaffe es schließlich aufs Grün.

Vor unseren Putts schauen wir nochmals über die Anlage, genießen dieses atemberaubende Areal und realisieren so langsam, dass wir tatsächlich eine Runde im Augusta National GC gespielt haben. Unsere Bälle landen der Reihe nach im 18. Loch. Hier hat am Tag zuvor Jordan Spieth sein erstes Masters gewonnen. »Hat’s dir gefallen, konntest du die Stunden genießen?«, fragte mein Caddie. »Ja, es war fantastisch, ein unvergessliches Erlebnis.«Ein Traum wurde wahr. Es gibt keine Steigerung, das war die Runde meines Lebens!

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