BMW Golf Cup WeltfinaleGolf Erlebnistag 2019
Heftiger Nachbarschaftsstreit

Golfer vs. Golfer

Ein krachender bayerischer Nachbarschaftsstreit.
Zwischen dem Ehepaar Koller und dem
GC Altötting-Burghausen geht's rund.

Anzeige

Im östlichen Oberbayern hängt der golferische Haussegen schief. Zwischen dem Golfclub Altötting-Burghausen und dem Ehepaar Koller ist ein erbitterter Nachbarschaftsstreit entbrannt – Ursache: fliegende Bälle auf Bahn 9.

Neu ist das ja alles nicht. Menschen lassen sich neben einer Sportstätte nieder, die bereits seit Jahren im Betrieb ist, und sie sind nach geraumer Zeit genervt. Man fühlt sich in den eigenen vier Wänden gestört, weil die Tennisbälle ploppen und die Spieler Grunzlaute von sich geben, die Fußballer an Feiertagen kicken und unter der Woche trainieren, der Puck der Eishockeyspieler penetrant an die Bande kracht.

Oder dass im angrenzenden Biergarten tatsächlich eine Geräuschkulisse herrscht. Diese eingeschränkte Lebensqualität ist häufig Anlass für Auseinandersetzungen, die final vom Gericht entschieden werden. Das trifft auch auf den Golfsport zu.

   GJ ist unlängst auf einen Fall in Oberbayern durch die Passauer Neue Presse und das wöchentliche TV-Format »Quer« im Bayerischen Fernsehen aufmerksam geworden. Es geht um die Angelegenheit Ehepaar Koller vs. GC Altötting-Burghausen. »Golfkrieg in Haiming. Angst vor weißen Fluggeschossen«, titelte die BR-Sendung ungewohnt reißerisch.

Der Hintergrund: Die Bahn 9 (Par 5) führt parallel am Grundstück der Kollers entlang. Vom Herrenabschlag zu ihrem linker Hand liegenden Anwesen sind es um die 60 Meter, und da kommt es häufig vor, dass das Spielgerät entweder am Zaun landet oder gar das Haus trifft. Ob dieser Gefahr sei, so die Kollers, eine Nutzung der Terrasse ausgeschlossen.

Anzeige

Anzeige

Bei Birgit und Christian Koller hat’s derart oft eingeschlagen (der Schaden liegt ihnen zufolge im hohen vierstelligen Bereich), dass sie sich entschlossen haben, etwas dagegen zu unternehmen. Ganz vernünftig, ganz nachbarschaftlich gingen sie dabei vor, allerdings seien sie von dem ansässigen Club, an erster Stelle sei hier Präsident Johann Brehm genannt, abgebürstet worden.

   GJ ging der Sache nach. In einem Telefonat mit uns führte der Clubchef aus, dass er die Aufregung nicht nachvollziehen könnte. Seine Argumentation: Der Golfclub war zuerst da, und in seiner Zeit (»Ich golfe seit über 20 Jahren«) kamen diese Querschläger selten bis gar nicht vor. In Burghausen-Altötting wird in der Tat seit 1986 gespielt, die Kollers sind an Bahn 9 erst 2013 sesshaft geworden – als Nicht-Golfer. »Wir haben gar nicht abschätzen können, welche Gefahr von dem Abschlag ausgehen kann«, erinnert sich Christian Koller. 

Sie waren glücklich in dem neuen Heim, es verirrte sich kaum ein Ball in den Garten, sie absolvierten die Platzreife und traten in den Club ein. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Zahl der Querschläger dramatisch erhöht, im Sommer 2013 donnerte ausgerechnet Dieter Wüst, Altöttings ehemaliger Amtsgerichtsdirektor, eine Kugel in das Grundstück. Christian Koller versuchte erst als Mitglied dagegen zu steuern und schließlich als Vorstandsmitglied im Jahr 2015. Nach knapp vier Monaten in dem Ehrenamt schmiss er frustriert hin

Kein Gehör bei Brehm und dessen »Spezln«. Stattdessen wurde der Umgangston rauer, artete in Anfeindungen aus. Die Kollers sind ausgetreten, und es sei keine Seltenheit, dass »uns die vorbeikommenden Spieler teilweise beschimpfen«, so Frau Koller.

»Mir ist noch nie ein Ball über diese ominöse Flugkurve zu den Leuten gefallen

Präsident Johann Brehm

Die Vorgeschichte
Man könnte sagen, ein Eigentor. Und: Wie konnte die Gemeinde Haiming eigentlich grünes Licht geben? Die Ursache liegt schon sehr, sehr lange zurück. Seit 1979 ist die Fläche als Bauplatz ausgewiesen, 2012 erteilte man im Rahmen des Bebauungsplans Baurecht. In diesem Zusammenhang hatte die Gemeinde auch den Golfclub um eine Stellungnahme gebeten. GJ liegt der Brief des Clubs vom Mai 2012, unterschrieben von Präsident Johann Brehm, vor. Hier einige Auszüge:

   »Allerdings könnten sich erhebliche Störungen der Nachbarschaftsruhe durch den vorhandenen Golfplatzbetrieb ergeben.«
   »Wir möchten darauf hinweisen, dass vom Abschlag an Loch 9 verirrte Bälle mit großer Wucht in das neue Baugebiet einschlagen können und Personen, insbesondere spielende Kinder, verletzen können.«
   »An guten Betriebstagen (…) schätzen wir die verirrten Bälle an einem Tag unter Umständen auf 20-30 Stück.«

 Der Ehrenamtler Brehm, auch Inhaber eines Planungs- und Bauleitungsbüros in Burghausen, sprach sich sogar für Schutzmaßnahmen aus: entweder über eine Netzanlage oder eine entsprechende Bepflanzung. Eigentlich hätte der Club aber auf neue Nachbarn sehr gerne verzichtet, schließlich hatte es erst 2011 einen Crash gegeben. In die Pferdekoppel der benachbarten Familie Vorderobermaier waren zu viele Bälle gekracht, woraufhin man Bahn 2 von einem Par 4 zu einem risikoarmen Par 3 umfunktionierte. 

Gleichzeitig machte man aus Bahn 5 ein Par 5, um ja den Par-72-Platzstandard zu halten. Denn auf die 72 legt Brehm viel Wert. Eine mögliche Gefahr fliegender Bälle watschte er in »Quer« kernig ab: »Mir ist noch nie ein Ball über diese ominöse Flugkurve zu den Leuten gefallen, aber man kann natürlich immer etwas behaupten: Man kann Bälle auslegen und Bälle an ganz anderer Stelle sammeln und behaupten, dass sie reingeflogen sind.«

   Man merkt: Die Fronten sind verhärtet, und – »Zefix halleluja« – diese Kollers gehen einfach nicht in die Knie.

   Denn die haben sich zur Wehr gesetzt und schreckten auch nicht zurück, die Juristen entscheiden zu lassen. Das Landgericht Traunstein ordnete 2018 einen Vergleich an. Wenn es nur so einfach wäre: In den Streit hatte sich schließlich noch ein weiterer Nachbar eingeschaltet, Johann Unterstöger. Sollte ihm ein Netz mit 80 Metern Länge und neun Metern Höhe vor den Garten gesetzt werden, drohe er mit einer Klage. Sein Grundstück liegt zwar deutlich näher zu dem Herrenabschlag, wie das der Kollers, doch einen gezielten Hook in diesem Winkel schaffen nur die Besten, und die wollen ja nicht ihre Bälle in Anwesen zimmern.

Das Protokoll

1.5.2013 – Familie Koller bezieht das Haus in Haiming

Sommer 2013 – Erste Einschläge im Haus

10/2013 – Besprechung mit dem Golfclub wegen der Gefahr

7/2015 – Herr Koller tritt als Finanzvorstand des GC zurück

11.9.2016 – GC führt in Eigenregie eine Gefahrenanalyse durch Pro Harry Gstatter durch

17.3.2017 – Fam. Koller holt sich Rechtsbeistand

5.7.2017 – Fam. Koller reicht Klage (Verlegung Abschläge, Störung Nachtruhe, Schadensersatz) beim Landgericht Traunstein ein

24.1.2018 – Vergleich (Az.: 8 O 1915/17) Landgericht Traunstein (Netzbau, Einhaltung Nachtruhe, kein Schadensersatz)

23.7.2018 – Landratsamt lehnt  Errichtung des Netzes im GC ab

1.10.2018 – Fam. Koller reicht erneut Klage beim Landgericht Traunstein ein (Verlegung der Abschläge)

15.10.2018 – Fam. Koller reicht  weitere Klage ein – wegen Nichteinhaltung Vergleich (Mähverhalten)

14.2.2019 – Gemeinde lehnt in  der Gemeinderatssitzung erneut den Netzbau ab

11.4.2019 – Runder Tisch im Landratsamt Altötting (Herrenabschlag wird auf Damenabschlag verlegt,  Absicherung durch ein Netz und neuer Damenabschlag

16.5.2019 – Gemeinderat und Bauausschuss genehmigen Tekturplan mit Einschränkungen: Netz so kurz wie möglich vor neuen Herrenabschlag. Damenabschlag so weit  vorverlegen, dass Querschläger ausgeschlossen sind und kein Netz  benötigt wird.

Noch keine Entscheidung

Doch egal, was bislang vorgeschlagen wurde – die Parteien befinden sich in einer Sackgasse. Im April erst traf man sich beim zuständigen Landratsamt – keine Lösung. Nun, im Mai, ging’s weiter bei einer Haiminger Gemeinderatssitzung. Immerhin ist der Hauptstreitpunkt vom Tisch, mit der Verlegung des Herrenabschlags auf den jetzigen Damenabschlag. Statt 508 Meter nur noch etwa 455 Meter. Immer noch stramm. 

   Erbittert gekämpft wird jetzt aber um die neue Tee-Box der Frauen. Der Club möchte da möglichst wenig Länge verlieren und plädiert für eine minimale Versetzung, und zwar erhöht. Und dazu natürlich einen Zaun, um alle Gefahren für die Kollers gänzlich auszuschließen. Dieser Vorschlag wirkt sinnfrei und ähnelt dem eines gekränkten Kindes, dem sein Spielzeug weggenommen wurde. Hauptsache, man gibt in der Niederlage dem anderen noch eine mit. In dem Fall verschandelt man dem ungeliebten Nachbarn die Aussicht. Einige Mitglieder schütteln den Kopf und meinten GJ gegenüber: »Das ist längst zu einer Privatfehde des Präsidenten geworden, rational nicht nachvollziehbar.«

  Die Kollers ihrerseits haben auch einen Vorschlag im Rahmen der Golfregularien abgegeben – dann bräuchte es keinen zusätzlichen Schutz durch ein Netz, es würde Kosten sparen, und am Ende sind’s halt ein paar Meter weniger für die Golfgemeinde. 

Man darf gespannt sein, zu welchem Entschluss der Haiminger Gemeinderat kommt und dann an das Landratsamt weitergibt. Allerdings hatte der Bürgermeister die Argumentation des Golf Clubs nicht ganz nachvollziehen können. Gerade seine Nachfrage, wie das mit den Abständen der Abschläge von Damen und Herren geregelt sei, traf Brehm unvorbereitet.

Der Präsident ist jedenfalls ein Verfechter von Par 72, ein anderer Standard kommt für ihn nicht in Frage. »Dann werden die Bahnen einfach zu kurz, wir sind am unteren Limit von einem Golfplatz – da kann man nicht einfach einen Platz um 100 Meter kürzer machen und 15.000 Quadratmeter stilllegen«, sagte er in »Quer«. Einfach bayerisch – knackig, direkt, selbstbewusst.
   Beim Thema Golfplatzarchitektur und -wissen fehlt‘s jedoch offenbar an der nötigen Kenntnis. »Par 72 ist kein Kriterium für die Güte eines Golfplatzes«, merkt der renommierte deutsche Golfplatzarchitekt Thomas Himmel an. Und ein Blick in die Bestenlisten von Golfmedien bestätigt dies eindrucksvoll: Unter den Top 10 sind oft weniger als die Hälfte Par-72-Kurse. Diese 72 ist aber ein deutsches Phänomen, gelebt von Präsident Brehm.

Die Kollers übrigens haben trotz des Zanks ihren Spaß am Golf. Sie spielen gerne mit Freunden in der Region und hoffen, dass irgendwann Ruhe vor ihrem Garten einkehrt und keine Bälle mehr einschlagen. Wahrscheinlich muss dazu der Golfclub mit seinem Präsidenten erst von einer oberen Instanz dazu verdonnert werden, die Herrenabschläge auf Bahn 9 nach vorne zu verlegen. Anfang Juli haben die Herren von dem neuen Abschlag gespielt. Immerhin.

Anzeige