GJ-Umfrage 04/20 – Corona-KriseCovid-19 – Newsticker

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Das Thermometer zeigt 22 Grad an, und der Golfplatz ist fünf Kilometer entfernt. Es ist ein Wochentag, ich hätte die Bahnen heute beinahe ganz für mich. Ich würde auf den Parkplatz fahren, das Trage-Bag aus dem Kofferraum holen und Marko vom Sekretariat begrüßen, der seine Raucherpause immer so legt, dass er vor der Tür steht, wenn ich ankomme. Dann würden wir Neuigkeiten austauschen über diesen und jenen neuen Putter oder über diesen und jenen Spieler. Wir würden über das PGA-Turnier vom vergangenen Wochenende sprechen und über die Favoriten fürs nächste Wochenende fachsimpeln.

Wir würden ein paar Schwungtipps austauschen, und dann würde ich auf die Range gehen und meine täglichen zwei Euro für 25 Bälle in den Ballautomaten schmeißen, ein Ritual, das mir so vertraut ist wie das morgendliche Zähneputzen. Dann würde ich misstrauisch auf die beiden Österreicher schauen, die gerade angekommen sind und auf dem Putting-Grün herumlungern. Die werden doch wohl nicht… Nein, Abschlag Nummer eins, ein Par 4, bleibt frei. Also zügig das Bag geschultert. Neuerdings spiele ich mit einem halben Satz, das macht das Tragen angenehm. Fünf Löcher könnten heute gehen, vielleicht sogar neun.

Allein: Es geht eben nicht.

Hier sind die Golfplätze seit zwei Wochen gesperrt, so wie seit einigen Tagen auch in Teilen Deutschlands. Obendrauf gibt es ja ohnehin eine Ausgangssperre, und es dürfte den Carabinieri schwer zu vermitteln sein, dass eine Fahrt zum Golfplatz eine lebenswichtige Unternehmung darstelle.

Klar, dass der Golfgott es uns richtig reinwürgen muss, denn in den letzten zwei Wochen herrschte in Italien Traumwetter. Frühsommerliche Temperaturen, keine Wolken, kaum Wind. Ein Wetter für Platzrekorde.

Es stimmt, dass Golf im Vergleich zu so ziemlich allen anderen Sportarten, die mir einfallen, recht ansteckungsresistent ist. Man spielt für sich allein, man kann Abstand halten. Dazu sagen alle namhaften Experten, dass gerade jetzt Bewegung an der frischen Luft wichtig sei, um das Immunsystem zu stärken. Und: Die meisten Tröpfcheninfektionen geschehen in geschlossenen Räumen, nicht draußen.

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Aber wenn man mal genauer nachdenkt: der Ballwascher. Die Fahne. Das Toilettenhäuschen und die Umkleide. So ganz kontaktlos geht es dann eben doch nicht. Soll man doch einfach Sekretariat und Garderobe sperren und aufs Händeschütteln und das Bier danach verzichten, habe ich gehört. Und: Lasst doch den Platz für die Mitglieder offen, damit sie allein auf die Runde gehen können. Ich weiß, wer da spricht. Es sind Golfsüchtige wie ich.

Aber es wäre der Öffentlichkeit nicht zu vermitteln: Spielplätze sind geschlossen, aber die Kerle machen sich ihre eigenen Regeln und dürfen auf den Golfplatz?

Viel wichtiger aber: Die Chance ist gering, sich beim Golfen mit dem Virus zu infizieren, dessen Namen ich nicht nennen will. (Wir Golfer sagen ja auch nicht »Shank« oder »Socket,« weil das Unglück bringt.) Aber die Chance ist, wenngleich winzig, eben doch vorhanden. Und daher kann es nur heißen: Bleiben wir daheim. Es mag Schlupflöcher geben. Lassen wir sie ungenutzt.  

Golf sei eine Sucht, heißt es. Eine Droge. Ich habe das auch ab und zu leichthin dahergesagt, halb im Scherz. Jetzt weiß ich: Es stimmt. Ich denke zurück an meinen letzten Tag auf der Range. Hätte ich es damals gewusst, hätte ich noch ein paar mehr Schwunggedanken in die zwei Stunden gequetscht.

Selbst Golf im Fernsehen vermisse ich. Was mache ich stattdessen? Täglich hundert Schwünge auf der Dachterrasse. Ein paar halbherzige Dehnübungen, die angeblich gut sein sollen. Ob sich Old Tom Morris jemals gedehnt hat?

Ich nehme mir meine Golfbücher vor – nicht nur die Trainingsfibeln, sondern auch die wunderbaren Erzählungen von Peter Dobereiner, David Owen, Kevin Cook und John Updike.

Es geht schon irgendwie. Wir werden es überstehen. Und wie ein Kind, das vier Wochen lange keine Schokolade essen darf und erst dann wieder einen ersten Riegel bekommt, werden wir bald die ersten Momente auf dem Golfplatz genießen, wie wir sie noch nie genossen haben. Das Kreischen der Möwen über uns, den Duft frischgemähten Grases, das Schnattern der Gänse mitten auf dem Fairway, das geheimnisvolle Rascheln eines Tieres im Gebüsch. Wir werden eine ganz leichte Brise auf der Stirn und auf den Wangen spüren, und wir werden so glücklich sein, wie wir es noch nie zuvor auf einem Golfplatz waren.

Natürlich nur, bis der erste Drive des Tages mit einer plötzlichen und unerwarteten Kurve im Wasserhindernis verschwindet.

Stefan Maiwald führt auf postausitalien.com ein Tagebuch über sein Leben im Sperrgebiet.

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