Covid-19- Bericht eines EingesperrtenCovid-19- Die erste Golfrunde nach Corona

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Der Traum von einer Golfrunde

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Der Traum von einer Golfrunde

Unser Autor ist seit fast drei Monaten im Lockdown. Er lebt im italienischen Grado. Nach seinem Bericht eines Eingesperrten träumt er jetzt von seiner ersten Golfrunde, wenn der Alptraum vorbei ist.

Als erstes werde ich meinen Privatparkplatz ansteuern.

Es ist natürlich nicht mein Privatparkplatz, aber er liegt ein wenig abseits von den üblichen Parkbuchten, schön im Schatten, und er ist meistens frei, weil man von dort ein paar Schritte mehr zum Clubhaus laufen muss. Gewohnheitsrechtlich gehört er mir, und ich bin immer ganz verwirrt, wenn dort ein anderes Auto steht.

Dann werde ich fünf Minuten unschlüssig vor dem geöffneten Kofferraum stehen: Heute nur auf die Übungsanlage, und dafür drei Driver, fünf Putter und zwei Eisensätze ins Bag stopfen? Oder doch ein paar Löcher mit dem leichten halben Satz spielen?

Es wird am Ende garantiert die falsche Entscheidung sein, aber noch sind wir ja nicht so weit.

Dann geht es über den knirschenden Kies zu Marko, dem Golfdirektor. Er macht immer seine Raucherpause, wenn ich komme, so dass wir den neuesten Klatsch über Turniere, Schläger und Profis austauschen können. Ich weiß nicht, worüber ich mit ihm reden werde, weil ja derzeit nicht viel passiert. Aber ich denke, wir werden beide froh sein, uns endlich wieder im Club zu sehen.

Zuerst bin ich auf dem Putting-Grün. Man vergisst doch immer, was für ein Wunder so ein kurz geschorenes, gewalztes, völlig makelloses Grün ist. Ob ich niederknien und die Halme streicheln werde? Vielleicht – aber vielleicht wäre das auch zu melodramatisch. Dann werde ich einen meiner Putter zücken, vielleicht mal wieder das alte Bulls-Eye-Modell.

Bald schiebe ich die ersten Ein-Meter-Putts so weit daneben, dass sie nicht mal den Lochrand berühren. Wunderbar – man braucht schließlich Kontinuität im Leben.

Dann geht es auf die Abschlagmatte: Und nach fast einem Vierteljahr Pause wird es Zeit für ein hochinteressantes Experiment: Kann man den Golfschwung, so wie das Fahrradfahren, wirklich nicht verlernen?

Und dann stehe ich mit dem viel zu vollen und viel zu schweren Bag auf Bahn 1, einem kurzen, wasserreichen Par 4.

Und obwohl ich die Bahn schon seit 20 Jahren spiele – und zwar fast täglich – werde ich wieder einmal in mein Bag blicken und die Strategie überlegen. Ein sicheres langes Eisen Mitte Bahn und dann ein Pitch Richtung Fahne? Oder ein spektakulärer Drive quer über das nasse Dogleg direkt aufs Grün? 220 Meter carry, wenig Raum für Fehler – für uns Amateure als allererster Schlag der reine Selbstmord. Andererseits: Man ist ja nur einmal jung. Und nach drei Monaten ohne Golf muss man einfach das innere Tier von der Kette lassen. Ich entferne die Haube vom Driver.

Zehn Sekunden später krame ich im Bag nach einem zweiten Ball.

Ich kann mich nicht an meine eigene Telefonnummer oder an den Geburtstag meiner Mutter erinnern, aber ich weiß genau, dass ich bislang 33 Eagle-Putts auf diesem Grün hatte. Und keinen einzigen habe ich gelocht. Wieviele Bälle ich ins Wasser gehookt oder allzu sehr geradeaus in die Büsche geprügelt habe, weiß ich allerdings nicht mehr. Es waren jedenfalls mehr als 33.

Bahn 2 hingegen verlangt Vorsicht: Es ist ein Par 5, aber die Landezone für den Drive ist nicht größer als eine Maxi-Pizza. Daher: Eisen 6 vor die Brücke, Holz 3 auf 120 Meter, dann ein kurzes Eisen ins Grün. Soweit der Plan.

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Der Traum von einer Golfrunde

Bahn 3 ist meine Heldenbahn. Das Par 4 ist das schwierigste Loch des Platzes (auch wenn es laut Scorekarte nur das drittschwierigste ist, aber was weiß die Scorekarte schon) – denn es herrscht immer Gegenwind, das schmale Grün wird auf allen Seiten von Wasser verteidigt, und wer den Ball zum Halten bringen will, braucht einen Monsterdrive, um möglichst hoch mit einem Wedge oder einem kurzen Eisen die Fahne zu erreichen. Meine Heldenbahn ist es, weil ich schon zwei Mal den zweiten Schlag zum Eagle versenkt habe. Ein Hole-in-one ist mir dagegen in zwanzig Jahren Golf noch nie gelungen. Ich habe allerdings als Zähler schon vier Asse notiert – vielleicht sollte ich mich auf den Touren dieser Welt als professioneller Glücksbringer bewerben.

Und so gehen die Bahnen dahin. Es werden nur neun Löcher, denn die Kinder sind ja bis September zuhause, und ich bin fürs Mittagessen zuständig. Etwa auf Bahn 7 wird mein Gesicht zu spannen anfangen, denn natürlich habe ich die Sonnencreme im Auto vergessen. Genau so wie die Flasche Wasser. Aber dafür habe ich ja fünf Putter dabei, und nur das zählt.

Ich inhaliere den Duft frischgemähten Grases, ich genieße das Geschnatter der Gänse, die sich auf der Bahn todesmutig meinen getoppten Hölzern in den Weg stellen. Ich höre den fernen Verkehr, der auf der Staatsstraße dahinrauscht.

Noch ein paar Schläge, und ich sitze wieder im Auto und bin auf dem Weg nach Hause, um den Computer hochzufahren und den Arbeitstag zu beginnen. Ich bin sonnenverbrannt und – wie immer nach einer Golfrunde – frustriert und glücklich zugleich.


Stefan Maiwald führt auf postausitalien.com ein Tagebuch über sein Leben im Sperrgebiet.

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