Christian NeureutherProf. Dr. med. Jörg Spitz
Interview

»Die Gefäß-Koryphäe der Max Grundig Klinik«

Prof. Curt Diehm über Gefäße, Sinn und Unsinn von Check-ups und persönliche Vorlieben in Sachen Golfsport

Chefredakteur GolfMedico

Antonio Marin

Gründer der Golfmedico. Fokussiert auf das gute, neugierige Gespräch in Sachen Golfmedizin.   

Prof. Curt Diehm: Bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen kurz eine Nachricht aus meinem Handy vorlesen. Eine Nachricht von 6.32 Uhr heute Morgen: „Hallo Curt, ich habe mir gestern beim Golf bei einem Hacker die Lendenwirbelsäule verknackst. Kann mich kaum bewegen, was empfiehlst du?“

Golfmedico: Oh je, die typische Crux eines Mediziners … Nach spätestens zwei Loch wird gefragt was für ein Doc man denn sei, oder?
Ja, das ist verständlich und menschlich. Aber auch ein Grund, weshalb ich Golfrunden gern allein absolviere. Ich rede und entscheide mein Leben lang so viel, da genieße ich es ganz besonders, allein mit diesem faszinierenden Spiel in der Natur zu sein. Ich liebe Abendrunden!

Kommen Sie denn häufig zum Spielen? Wie ist Ihr aktuelles Handicap?
Leider komme ich nicht oft dazu Viel zu selten. Es gab Jahre, da kostete mich jeder Schlag knapp 20 Euro meiner Jahresmitgliedschaft (lacht). Das Handicap trägt bei mir nicht direkt zum Spaß bei. Ich gehe einfach in dem Moment auf, allein zu sein, zwei Bälle zu spielen und dabei sogar leise John Denver auf meinem Handy laufen zu lassen. Zuletzt habe ich dies kurz vor dem Halbfinale Deutschland gegen Frankreich genossen. Ein optimaler Zeitpunkt, um ganz allein in den Sonnenuntergang zu spielen …

Stichwort „Momente genießen“ – wir möchten uns mit Ihnen ein wenig über die Sinnhaftigkeit von Check-up-Untersuchungen unterhalten. Woran kränkelt die Gesellschaft denn am meisten, und weshalb ist es notwendig zu wissen, was in einem vorgeht?
Wenn Sie wissen möchten, was heutzutage krank macht, dann kann ich nur sagen, dass wir einfach zu viele negative Stressfaktoren vereinen. Wir genießen den Moment nicht mehr. Unser Alltag besteht aus zu viel Druck und Ablenkung vom eigenen Wesen. Und wir tun nicht das, was uns glücklich macht, wozu wir wirklich Lust haben. Wir sind nicht achtsam! Achtsamkeit ist für mich in der Gesundheit das, was Nachhaltigkeit in der Umwelt ist.

Können Sie uns dafür Beispiele geben?
Leider geht nicht jeder dem Beruf nach, der seine Berufung ist. Dem Beruf, in dem er aufgeht und seine Leidenschaft einbringt. Nachgeordnete, unzufriedene Mitarbeiter haben häufig Schlafstörungen, entwickeln Bluthochdruck. Ebenso Menschen, die lange Zeit unter großem Druck stehen. Diese psychosomatischen Probleme bahnen sich auch körperlich einen Weg. Dazu kommt dann eine ausufernde Lebensweise ohne Ruhepole und ein Ernährungsangebot, das alles im Überfluss enthält.

Was raten Sie dann?
Ruhepausen, Leidenschaft und Achtsamkeit. Wirklich, ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wenn jemand 40 Zigaretten am Tag raucht, werde ich häufig wenig Erfolg haben, wenn ich ihm sage, dass er aufhören sollte zu rauchen. Bekomme ich ihn aber zur Reduktion auf acht Zigaretten täglich, die er dann jedoch sehr intensiv und ohne Ablenkung genießen soll, dann ist der erste Schritt in Richtung null Zigaretten getan. So geht es auch bei jeglichen Formen der Nahrungsaufnahme. Wir genießen den Moment nicht, es ist leider alles selbstverständlich und maßlos vorhanden.

Nur die Gesundheit ist als höchstes Gut nicht unendlich verfügbar. Womit wir wieder beim Check-up wären. Würden Sie sich jährlich im MRT durchchecken lassen?

Prof. Diehm greift zum Telefon, wählt intern eine Nummer und verlangt den Chefradiologen der Klinik. Er stellt auf laut, damit wir mithören können. Er gibt die Frage direkt weiter und der Chefradiologe sagt: „Selbstverständlich würde ich das tun. Ich möchte wissen, was bei mir los ist, damit ich umsteuern kann.“ Prof. Diehm legt wieder auf.

Das war eindeutig, Sie gehören sicherlich auch dazu. Aber weshalb gehen die Menschen, gerade Männer, nur sehr eingeschränkt zu Check-ups? Ist dies die Angst vor dem Wissen? Vor weiteren Prozeduren? Aus Angst vor den Kosten?
Eine Mischung aus allem. Aber alles nicht ganz verständlich. Lassen Sie mich erläutern: Weshalb sollten Menschen nicht wissen wollen, dass bei ihnen eine Störung im Lymphknotensystem vorliegt, ein Tumor heranwächst oder eine Ausbuchtung in einer Arterie vorliegt? In all diesen Fällen kann die moderne Medizin sofort gegensteuern und diesen Menschen das Leben retten. Sie erzählten mir vorhin von dem Fall Ihrer Mutter, die nicht zur Vorsorge ging und an einem Gebärmutterhalskrebs verstarb. Eine Krebsart, die wir bei Früherkennung heute zu 100 Prozent heilen können. Das ist dramatisch und tragisch sowie unnötig. Weitere Prozeduren werden dann von dem Befund abgeleitet, aber in einer seriösen Klinik können Sie sich sicher sein, dass keine Abzocke stattfindet. Ich gebe Ihnen später noch einen aktuellen Artikel zum Thema „Abzocke beim Arzt“ aus der „Bild“ mit. Davon kann ich vieles unterschreiben. Es sind gerade die kleinen, sinnlosen Zusatzleistungen, mit denen Scharlatanerie betrieben wird. Und hinsichtlich der Kosten frage ich mich manchmal, ob dies nicht nur ein Vorwand ist, um die vorher genannten Ängste zu begründen. Ich kann Ihnen gern sagen, dass ein Ganzkörper-Scan von Kopf bis Fuß knapp 1.500 Euro kostet. Wenn Sie mir jetzt sagen, was die Inspektion nebst Leichtmetallfelgen für Ihren Pkw kostet, dann sehe ich die sinnvolle Relation der wichtigen Lebensgüter leider nicht mehr.

Was verstehen Sie denn genau unter Abzocke beim Arzt?
Zusatzleistungen, deren Nutzen nicht erwiesen ist, an ahnungslose Patienten zu verkaufen. Sehen Sie sich die Liste „Zusatzleistungsreport“ bei „Bild“ an. Zudem das Abschöpfen der Kassen-Geldtöpfe durch manche Kollegen, die dann die Gebührenordnung der Ärzte mit hohen Multiplikatoren versehen. Ein Betrag für dieselbe Leistung wird dann bei einem Arzt mit dem Faktor 2,3 berechnet, bei dem Arzt schräg gegenüber mit 4,5. Da fragt man sich wirklich, was das soll.

Berechnen Sie nach GOÄ, der Gebührenordnung für Ärzte?
Natürlich. Wir sind zwar eine Privatklinik, halten uns aber an die GebührensaÅNtze, die in Deutschland üblich sind. Jedermann kann zu uns kommen und wird für medizinische Leistungen handelsübliche Preise vorfinden. Das ist das Vermächtnis von Max Grundig. Seine Idee der Medizin war es, sich Zeit für den Patienten zu nehmen und Dinge ganzheitlich zu betrachten. Das könnten wir nicht leben, wenn wir hier strikt nach Kostendruck Dinge verordnen müssten.

Was sieht man denn noch bei einem Checkup?
Was empfehlen Sie denn überhaupt?
Nun ja, ich würde spätestens ab dem vierzigsten Lebensjahr damit beginnen, mich zu erkundigen, wie meine Werte sind. Damit meine ich beispielsweise ein großes Blutbild. Sie sollten Ihren Blutdruck kennen, denn dieser ist langfristig für große Schädigungen am Herz-Kreislauf-System verantwortlich. Und ich würde in mich hineinschauen: Sind irgendwo Dinge, die im Entstehen sind? Dies ist am einfachsten mit einem MRT. Und auch ein Blick in den Darm kann nicht schaden. Dies würde ich allerdings mittels normaler Darmspiegelung machen, denn wenn beispielsweise Polypen entdeckt werden, werden diese direkt entfernt. Denken Sie an Hubert Burdas Sohn, der verstarb mit 33 an Darmkrebs. Man kann nicht immer sagen, „dieses oder jenes ist eine Krankheit der Alten“.

Wie lange dauert so ein MRT-Check, und gibt es da eine Strahlenbelastung?
Sie würden nicht länger als 50 Minuten in dem Gerät liegen, das bei uns das modernste auf dem Markt ist. Ich sage es deshalb, weil es bei modernen Geräten kaum noch Klopfgeräusche gibt und eine Liegebreite von 70 Zentimetern mit Bildschirmen, auf denen Sie Ihre eigenen Wunschfilme und Serien anschauen können während der Untersuchung. Es gibt beim MRT keine Strahlenbelastung. Und sollten Nachfolgeuntersuchungen notwendig sein, werden die bei uns direkt im Anschluss gemacht. Eine Computertomografie (CT) würde beispielsweise bei Herzproblemen folgen. Aber ein sogenanntes Cardio-CT mit Kalksichtung – genannt Calcium Scoring, bei dem wir dann den Grad der Ablagerungen bestimmen – benötigt drei Minuten und Sie haben kaum Strahlenbelastung.

Schrecken nicht viele auch davor zurück, weil sie ein zu großes Zeitfenster opfern müssen?
Müssen sie ja nicht. Wenn sie alles aus einer Hand erhalten, sind sie maximal ein bis eineinhalb Tage in der Klinik und erhalten alles direkt schwarz auf weiß ausgehändigt. Wenn sie natürlich von Facharzt zu Facharzt laufen, verhält es sich anders. 

Unter Männern gibt es ja die Annahme, dass der Körper mit kleinsten Blessuren, beispielsweise Minitumoren, selbst fertig wird. Was sagen Sie zu solchen Schutzbehauptungen?
Das habe ich ja noch nie gehört (lacht). Eine klasse Annahme, die nur leider grober Unfug ist. Wenn Sie einen Tumor haben, haben Sie einen Tumor, dann sollten Sie es am besten rechtzeitig wissen, um ihn operativ entfernen zu lassen oder andere Maßnahmen einzuleiten.

Lassen Sie uns noch kurz zum Golfspiel zurückkehren. Stimmt es, dass im Sommer fehlende Elektrolyte eine große Rolle spielen, wenn Golfer kollabieren? 
Natürlich. Blutsalze spielen eine wichtige Rolle, um einer Dehydrierung und einem Kollaps entgegenzuwirken. Sofern jemand ausreichend Kalium, Natrium und Glukose im Blut hat, wird er auch nicht umfallen. Zudem sollten Menschen im normalen Tagesverlauf knapp 2,5 Liter trinken. Bei sportlicher Betätigung im Sommer bis zu 4,5 Liter. Aber Vorsicht, ich kann mit zu viel Flüssigkeit auch jemanden umbringen!

Wie das?
Sie sollten wissen, ob Ihre Nieren und Ihr Herz gesund sind. Sollten Sie eine Herzleistungsschwäche haben, überfordert die zu hohe Menge Flüssigkeit das Herz, und der Kreislauf versagt. Was glauben Sie, wo viele plötzliche Todesfälle unter vermeintlich kerngesunden Marathonläufern herkommen? Auch wieder ein Argument pro Checkup.

Sind Sie der Meinung, dass in jeden Golfclub ein Defibrillator gehört?
Ich denke schon. Er macht dort einfach viel Sinn, denn es sind viele ältere Menschen unterwegs. Meist stehen sie aber an Schulen, wo kerngesunde, Zehnjährige Schulsport betreiben. Beides wäre wohl am schönsten, aber diese Geräte kosten noch sehr viel Geld. Mein Vorschlag wäre, dass jedem Golfclub so ein Gerät von einem seiner Mitglieder gespendet werden sollte. Wenn beispielsweise der örtliche Metallbauer durch die Spende eines Geräts in zehn Jahren auch nur einem Mitglied das Leben retten würde, so hätte sich die Gründung seiner mittelständischen Firma doch für immer gelohnt. Wir geben so viel Geld für Unnötiges aus … Abschließend noch eine wahre Anekdote dazu: Ich bin bei einem Golfurlaub in Spanien mit einem Bekannten an Loch 5 unserer ersten Urlaubsrunde gekommen, und wir sahen von Weitem, dass dort ein Herr lag und über ihm sein Bekannter stand und bitterlich weinte. Der Mann auf dem Grün war mausetot. Ich begann sofort mit den Wiederbelebungsmaßnahmen, aber mir wurde schnell klar, dass da nichts zu machen war. Keiner hatte davon Kenntnis genommen, sein Kollege war nicht imstande gewesen, jemanden im Clubhaus anzurufen, und seine Frau war in der Stadt einen Pullover für ihn kaufen.

Ein Defibrillator hätte geholfen?
Ja, vielleicht, aber dazu hätte jemand im Stande sein müssen, Hilfe nebst diesem Gerät zu holen. Ach wissen Sie, Herr Marin, es ist letztendlich einfach so, dass die Leute aber auch beim Spaghetti-Essen sterben (schmunzelt).

Ein tröstlicher Schlusssatz, den wir so stehen lassen möchten. Wir danken für das ehrliche und überaus erheiternde Gespräch.

Prof. Diehm führt uns noch ans Fenster seines Büros und zeigt uns eine knapp 30 Quadratmeter große GrünflaÅNche, die gerade von Gärtnern bearbeitet wird. Er erläutert, dass dies der Head-Greenkeeper des örtlichen Golfclubs sei, der hier ein Putting-Grün für die Patienten errichtet. Zeit für Medizin und Leidenschaft eben …

Steckbrief

Prof. Curt Diehm
Arzt für Innere Medizin, Kardiologie, Angiologie, Phlebologie und Sportmedizin

Die Max Grundig Klinik auf der Bühler Höhe hat sich ein fachliches Schwergewicht in Sachen Psychosomatik gesichert: Dr. Christian Dogs. Der promovierte Humanmediziner leitete von 1994 bis 2016 mit der Unternehmerfamilie Obenaus eine Fachklinik für Psychosomatische Medizin und Naturheilverfahren. Seit 2016 führt er die psychosomatische Fachabteilung in der Max Grundig Klinik. Ein überaus amüsantes Gespräch über Authentizität, Zeit und falsche Krankheitsbilder.

Prof. Curt Diehm blickt auf eine bewegte Vita zurück.

Er studierte Medizin in Heidelberg. Über 20 Jahre lang war er Vorstand der deutschen Gefäßliga und wiederholt Präsident der wissenschaftlichen Fachgesellschaft der deutschen Gefäßmediziner. Er engagierte sich als Vorstand bei der Stiftung Deutsche – Schlaganfall – Hilfe. Er war lange Jahre Mitglied des Lenkungskreis im Expertenkreis das in Baden-Württemberg beispielhaft für andere Bundesländer die Schlaganfall Versorgung plante und aufbaute. Wegen all dieser ehrenamtlichen Tätigkeiten wurde ihm vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten das Bundesverdienstkreuz verliehen. Der Arzt für Innere Medizin, Kardiologie, Angiologie, Phlebologie und Sportmedizin vertrat kommissarisch mehrere Jahre lang den Lehrstuhl für Sportmedizin an der Universität Heidelberg.