Chefarzt Jens BradeEin Leben für die Füße
Interview

Allergien sind alles außer harmlos

Dr. Mandelbaum über Ursachenforschung von Heuschnupfen, Lebensmittelallergie & Co. 

Chefredakteur GolfMedico

Antonio Marin

Gründer der Golfmedico. Fokussiert auf das gute, neugierige Gespräch in Sachen Golfmedizin.   

Es ist Saisonstart im Golfsport! Gleiches gilt für den Pollenflugkalender... Pollen und Allergene ärgern seit geraumer Zeit Millionen Menschen. Weshalb sich Allergien explosionsartig vermehrt haben und wie der aktuelle Stand der Behandlungsmöglichkeiten ist, haben wir mit Dr. Verena Mandelbaum diskutiert. Ein Gespräch über Ursachen, neueste Hilfsmethoden und leidende Golfer...

Ist es »gefühlte Temperatur«, wenn wir alle den Eindruck haben, dass sich Allergien explosionsartig vermehrt haben? 
Ganz und gar nicht! Dazu vielleicht einige Zahlen: 30 Prozent der Kinder leiden unter Sinusitis, einer chronischen Nasennebenhöhlenentzündung. Einer von zehn Erwachsenen hat Asthma, somit also gut acht Millionen Bundesbürger, von denen jährlich 8.000 an der Erkrankung sterben. Insgesamt gehen wir aktuell von knapp 25 Millionen allergiegeplagten Menschen in Deutschland aus. Und diese Zahl wird zunehmen, denn die Wahrscheinlichkeit, eine Allergie zu erleiden, liegt bei heute Geborenen bei ca. 50 Prozent. Die Nahrungsmittelallergien kann man übrigens im Laufe des Lebens wieder verlieren, dafür nehmen die Aero-Pollenallergien enorm zu. In den letzten Jahren 60 Jahren haben sich die Allergien verzehnfacht! Das einzig Positive daran ist, dass mein Berufszweig gesichert scheint (lacht).

Woran liegt das genau? Sind es nur hygienische Gründe? Oder ist das Immunsystem heutzutage »gelangweilt«? 
Die Hygiene ist nur eine These dabei. Gehen Kinder eher in die Kita und haben dort früh Kontakt zu anderen Kindern? Leben Kinder auf dem Land oder in der Stadt? Wie sind sie auf die Welt gekommen? Alle Fragen sind eine Spur und sicherlich ist an jeder etwas dran. Was wir zweifelsohne wissen, ist, dass das Mikrobiom (individuelle Zusammensetzung der Bakterien auf der Haut, im Darm, der Mund- und Nasenhöhle, Anm. d. Red.) ausschlaggebend ist. Es gibt eine Untersuchung der Kollegin Prof. Dr. von Mutius, nach der Kinder, die frühzeitig Kontakt mit einem Kuhstall hatten, weniger anfällig sind. Die Konklusion ist, dass unser Immunsystem dann nicht auf dumme Gedanken kommt und sich langweilt. Übertriebene Hygiene könnte also auch kritisch betrachtet werden. 

Der Entbindungsmodus spielt nach heutiger Erkenntnis ebenfalls eine Rolle. Er legt fest, wie das Kind mit welchem Mikrobiom besiedelt wird. Bei Kaiserschnitten gibt es verstärkte Tendenzen zu Allergien, vermutlich weil die natürliche Besiedelung ausbleibt.

»Dem Hühnerei kann ich dann aber eher aus dem Weg gehen als den Pollen«

Spielen Gene eine Rolle?
Genetik ist eine weitere Theorie, zu der es valide Zahlen gibt: Bei Eltern mit Allergien sind Kinder einer 30 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit ausgesetzt, selbst eine Allergie zu entwickeln. Interessant ist aber auch, dass knapp 50 Prozent ihre Allergie nach der Pubertät wieder verlieren.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist zudem die Beobachtung des Prof. Gideon Lack aus Israel. Die Erdnussallergien sind in Israel im Gegenteil zu Europa quasi inexistent. Dort lutschen die Kinder sehr früh Bambas (Erdnusssnacks). Das Immunsystem scheint sich daran zu gewöhnen und damit zu beschäftigen. Ein Hinweis, dass man in der Prävention nicht früh genug beginnen kann. 

Allergien sind also die Epidemien unserer Zeit. Trotzdem hat man das Gefühl, dass die Therapie eher beiläufig erfolgt. Was läuft falsch in der Behandlung?
Leider muss ich vereinzelt feststellen, dass einige Hausärzte nicht ausreichend geschult sind. Bei der Anamnese (Erfragung der Krankengeschichte durch den Arzt, Anm. d. Red.) wundert es mich dann, was die Kollegen getestet und bewertet haben. Da gibt es einen Nachhol- und Schulungsbedarf! Einige Kollegen wissen nicht einmal, welcher Immunglobulin-Test sinnvoll ist.

Häufig ist zudem die Sorge vor Nebenwirkungen der Medikamente größer als die Angst vor der Krankheit. Man verzichtet lieber jahrelang auf hochwirksame Mittel, die seit langem auf dem Markt existieren. Viele Kollegen und Patienten sind regelrecht stolz darauf, nichts einzunehmen. Es gibt bspw. eine groß angelegte Studie zu Cetirizin, bei der 2.500 von 5.000 Paaren Cetirizin für ihre Neugeborenen verschrieben wurde. Es gab in dieser Studie keine einzige Nebenwirkung. Das Mittel ist so sicher, das darf man sogar Schwangeren verordnen – sollte man sogar!

Es gibt so viele Allergien. Können wir die verschiedenen Arten alle ähnlich behandeln oder ist jede Form dezidiert zu betrachten? Beispielsweise Lebensmittel- und Pollenallergien.
Immunologisch ist es immer dasselbe. Der Körper erkennt ein Protein als Feind. Dem Hühnerei kann ich aber eher aus dem Weg gehen als den Pollen. Bei Nahrungsmittelallergien ist es daher einfacher, denn der Verzicht ist immer ein Mittel der Wahl. Das Hühnerei trotzdem zu essen und dafür Medikamente zu nehmen, ergibt keinen Sinn.

Bei Birkenpollen sieht es schon anders aus. Die sind so weit verbreitet, dass man sie kaum meiden kann. Auch sollte man sich bei versuchten »Fluchten« erkundigen, ob man in dem jeweiligen Urlaubsland nicht auf größere Probleme stößt. Olivenpollen sind in Europa sehr weit verbreitet. Wenn wir bspw. in Deutschland maximale Birkenblüte haben, sind wir bei einem Pollendruck von 5.000. Wenn in Spanien die Olive blüht, herrscht dort ein Pollendruck von 20.000. Also wäre es im April/Mai sicherlich verkehrt, nach Spanien zu fliegen!

»Bei Allergologen ist bekannt, dass diese Spritze kontraproduktiv sein kann!«

Wie bewerten Sie eigentlich Zigarettenrauch, Schimmel & Co?
Kinder müssen vor Zigarettenrauch geschützt werden. Es ist erwiesen, dass sich durch das Passivrauchen die Zilien (Flimmerhärchen) der Lunge aufstellen. Die Beweglichkeit der Flimmerhärchen wird dadurch eingeschränkt, wodurch der Abtransport der Allergene gestört wird. Das zieht einen immensen Rattenschwanz an Problemen nach sich. Die Erwachsenen wissen sowieso, das Rauchen gesundheitlich keine Option sein sollte, denn da zählen Allergien sicher zu den kleineren Kollateralschäden. 

Schimmel in Wohnungen ist in Heidelberg ein riesiges Thema! Es gibt einen Passivhäuser-Park, dem gerade nachträglich Lüftungsfugen eingebaut werden. Ich verschließe Passivhäuser ja eigentlich hermetisch, jetzt hat man aber festgestellt, dass sich dadurch ein fantastisches Schimmelpilz-Klima auftürmen kann. Aus ökologischen Gründen ein Haus nicht mit Frischluft zu versorgen, ist kontraproduktiv. Schimmelpilze sind hochtoxisch. Und sie zu beseitigen, ist wahnsinnig aufwendig. Das Problem ist, dass sie therapeutisch nicht über einen Kamm zu scheren sind. Eine ordentliche Differenzialdiagnostik ist dabei immens wichtig. 

Zuletzt fallen mir noch Milben ein. Dabei ist es wichtig, die Bettwäsche regelmäßig zu säubern und ausreichend zu lüften. Aber: Die Milben werden immer da sein. Bei einer ausgeprägten Allergie muss die Matratze eingepackt sein, sonst wird man der Problematik nicht Herr werden.

Steckbrief

Dr. Verena Mandelbaum
Nuklearmediziner

Dr. Mandelbaum ist Heidelberger Allergologin und geht mit uns auf Ursachenforschung von Heuschnupfen, Lebensmittelallergie & Co. In einem ausführlichen Interview klärt sie uns über die neuesten Behandlungsmethoden auf.

Geben Sie uns bitte einen groben Überblick, wie man welche Form der Allergie am besten behandelt! Welche Medikamente sind »state of art«?
Bei Pollen hilft für die Nase ein antiallergisches Nasenspray – auch cortisonhaltige. Wenn die Nase zu ist, kann ich ansonsten Sprays ohne Cortison literweise hineinsprühen, es wird wenig helfen. Moderne Antihistaminika zum Einnehmen wirken direkt mit auf die Nase. 

Bei betroffenen Augen ist Euphrasia das Mittel der Wahl. Hochwirksam und fast schon als homöopathisch zu bezeichnen. Wieso nimmt man das nicht? Jeder Arzt sollte das Medikament zur regelmäßigen morgendlichen Einnahme empfehlen. Alles andere grenzt an unterlassene Hilfeleistung!

»Es gibt Dinge die man im Leben ertragen muss – eine Allergie gehört definitiv nicht dazu!«

Bei 80 Prozent der Menschen, die Probleme mit der Nase haben, sind auch die Atemwege und die Lunge angegriffen/in Mitleidenschaft gezogen. Salbutamol Spray wirkt nicht antientzündlich – alleinstehend also keine schlaue Therapie. Wenn man mehr als zweimal die Woche Salbutamol sprühen muss, dann sollte man mit niedrig dosiertem Cortison behandeln. Der endokrinologische Zyklus wird davon nicht beeinflusst. Die modernen Steroide haben einen schnellen Durchlauf im Körper. Man kann damit aufgrund der niedrigen Dosierung keinen Spiegel aufbauen.

Bei Nahrungsmittelallergien ist, wie bereits erwähnt, die Karenz wichtig. Und natürlich das Wissen! Eine Beratung durch einen geschulten Arzt kann nichts ersetzen. Der bestmögliche Therapieansatz bleibt dabei eine Immuntherapie. Je eher desto besser, denn eine Hyposensibilisierung ist gerade in jungen Jahren erfolgreich. 

Haben Sie spezielle Empfehlungen für unsere im Freien agierenden Golfer?
Ja! Es gibt mittlerweile hochdosierte Gras- und Milbentabletten. Und demnächst kommt die Hochdosis-Birkentablette auf den Markt. In den USA gibt es sogar schon Beifuß, der über die internationale Apotheke erhältlich ist. Die Anwendung sieht wie folgt aus: Drei Jahre lang zwei Tabletten des Allergens täglich unter die Zunge legen, danach sind bei 80 Prozent der Behandelten die Beschwerden weg. Bereits nach 8 bis 14 Wochen gibt es in der Regel Besserungen. Es ginge auch mit vier Spritzen pro Jahr, aber hier sollte man sich von einem Allergologen hinsichtlich der Vor- und Nachteile beraten lassen. Ich sehe täglich Menschen, die durch diese recht einfachen Therapien geheilt werden. Jeder gestresste Manager kann diese Tabletten mit nach Tokio nehmen, da gibt es keinen Grund, nicht zu behandeln. Bei sehr starkem, saisonalem Asthma, kann man auch mit monoklonalen Antikörpern behandeln. Für mich ein Kunstfehler, wenn man das nicht anbietet, denn Asthma ist eine seriöse Krankheit.

Was hat es mit der Nahrungsmittelintoleranz auf sich? Hat diese gefühlt auch zugenommen? Mittlerweile ist vieles laktose- und glutenfrei...
Fruktose, Laktose und Zöliakie – Kinder müssen leider extreme Therapien über sich ergehen lassen, weil Mütter der Meinung sind, ihr Kind würde unter diesem oder jenem leiden. Auch dabei testen und interpretieren Kollegen häufig falsch. Ein positiver IgG-Test auf Weizen heißt ja nicht, dass die Patienten eine Zöliakie haben... Wenn man allerdings meint, dass es einem guttut, dann bitte weglassen. Davon lebt immerhin eine ganze Nahrungsmittelindustrie (lacht). 

Unter den schniefenden Golfspielern hört man oft von einer »Saisonspritze«. Was hat es damit auf sich?
Ach herrje! Die Volon A-Spritze. Bei Allergologen ist bekannt, dass diese Spritze kontraproduktiv sein kann. Diese Spitze enthält eine irrsinnige Dosis Cortison. 300 mg. Dafür können sie das ganze Jahr inhalieren. Es müsste zudem jedem bekannt sein, dass dort, wo es gespritzt wird, Nekrosen (örtliches Absterben von Gewebe, Anm. d. Red.) entstehen können. Finger weg davon, es gibt keine Indikation für diese Art der Behandlung. Einige Hausärzte geben sie bekanntlich noch gerne, aber das ist völlig obsolet.

Wir alle kennen die Schilder »Achtung Wespennest«. Wie sieht es mit dem Thema Bienen- und Wespenstichallergie aus? Gibt es da Neuigkeiten?
Diese Allergie kann lebensgefährlich sein. Es gibt aber mittlerweile eine wunderbare Therapie. Sie ist zwar teuer und aufwendig, aber für eine lebensbedrohliche Erkrankung alternativlos – die Hyposensibilisierung! Sie dauert drei Jahre. Man muss zunächst alle vier Wochen, später dann als sechs, acht usw. vorstellig werden. Aber zumindest ist am Ende die Erkrankung weg.

Wir danken für das überaus informative Gespräch und wünschen einen ruhigen Start in die neue Saison!

Frau Dr. Mandelbaum empfiehlt

zur weiteren Lektüre und Selbststudium das Online-Portal www.mein-allergie-portal.com. Auf dem Portal finden sich eine Enzyklopädie, aktuellste News, Arztadressen und Behandlungsoptionen zum Thema Allergien.