PD Dr. med. F. MartetschlägerProf. Curt Diehm Interview
Interview

Parallelschwünge mit Christian Neureuther

Skilegende Christian Neureuther – der Ex-Medizinstudent über Spitzensport, Leidenschaft und Psychosomatik

Chefredakteur GolfMedico

Antonio Marin

Gründer der Golfmedico. Fokussiert auf das gute, neugierige Gespräch in Sachen Golfmedizin.   

Herr Neureuther, hat Sie die Medizin eigentlich weiterhin interessiert, oder haben Sie das Thema nach der Entscheidung für den Profisport rasch ad acta gelegt?

Christian Neureuther: Medizin zu studieren war eigentlich mein großer Traum! Ich habe das schon als Kind formuliert. Ich stamme auf einem akademischen Umfeld, in dem die Vorfahren allesamt Mediziner waren. Mein Vater war Chefarzt in der Klinik in Garmisch-Partenkirchen und Landesarzt der bayerischen Bergwacht. Mein Großvater war vor dem zweiten Weltkrieg Leiter der Universitätsklinik in Prag. Glauben Sie mir, wenn sie als 12-jähriger Bub den Ausführungen zu aktuellen Verhütungsmethoden lauschen, dann entwickelt man in so einem Umfeld automatisch ein großes Interesse am Berufsbild des Mediziners (lacht). 

Als ich dann 16, 17 Jahre alt war und zur Nationalmannschaft kam, war ich parallel immatrikuliert und habe auch 6 Semester geschafft. Allerdings gehört es eben dazu, dass man auch die Leistungsnachweise, also Scheine, allesamt besteht. Diese konnte ich aber nur im Winter machen und dann wurde es schnell klar, dass ich Studium und Profisport nicht adäquat vereinen konnte. 

Ich glaube aber bis heute, dass ein guter Mediziner an mir verloren gegangen ist. Die Medizin ist als Leistungssportler bis heute interessant geblieben. Ich habe vieles aktiv und am eigenen Körper verfolgt und begleitet und daher hat die Familie Neureuther auch ein Buch mit Dr. Wohlfahrt herausgegeben. In diesem Buch möchten wir ein wenig vom vereinten Wissen an unsere Leser weitergeben.

Im Welche Fachrichtung wollten Sie denn gehen? Orthopädie hätte ja sicherlich gut zu Ihren sportlichen Leidenschaften gepasst...

Innere Medizin natürlich, auch aus der familiären Prägung heraus. Aber mich hätte die sensibel emphatische Seite des Menschen und Mediziners interessiert. Eine Seite die aus meiner Sicht in der Krankheit viel zu kurz kommt. Die psychosomatische Arbeit an Krankheiten wäre für mich interessant gewesen. Ich glaube fest daran, dass die Arbeit, einen Patienten positiv einzustellen, vernachlässigt wird. Hier schlummert eine immens unterstützende Heilkraft in uns, die leider viel zu selten aktiviert wird. Das Schlimmste ist, wenn Mediziner einem Krebspatienten mitteilen, dass er keine Chance mehr hätte. Da werden Hoffnungen und Heilkräfte mit Füßen getrampelt. 

Wenn ein Mediziner nur noch in Profit, Aktenbürokratie und Absicherung gegenüber Juristen denkt, führt das zu keinem guten Ende. 

Die psychosomatische Arbeit
an Krankheiten wäre für mich
interessant gewesen.

Neigen Sie eigentlich durch Ihr großes Fachwissen auch zur Hypochondrie? 

Nein, ganz im im Gegenteil! Es ist für mich sogar einfacher Realitäten zu erkennen, und diese dann vernünftig und wissend einzuordnen. Ich könnte als Betroffener in Sachen Arthrose auch den ganzen Tag in mich hineinhorchen und darauf warten, dass ich mich noch weniger bewegen kann, aber stattdessen schaue ich, dass ich Dinge nicht übersteigere, Vernünftig angehe und Verbesserung herbeiführe. Ich glaube, dass jeder Patient aufgeklärter sein sollte. Die Schwelle zur Hypochondrie ist das negative Denken, und das sollte man besser anderen überlassen, das entspricht nicht meinem Naturell. 

Was macht eigentlich Ihr Golfspiel? Verteidigen Sie noch die Einstelligkeit? 

Nein, die habe ich leider verlassen! Ich spiele einfach nicht mehr soviel wie früher und dann wird es schwierig. Ich war lange einstellig, aber mittlerweile gehe ich eben auch wieder viel und gerne auf den Berg, verliere mich mit meinen Enkelkindern und lasse dann eben die 5 Stunden Golf sausen. Zudem ist Rosi im Augenblick an der Wirbelsäule gehandicapt und wir spielen unsere Runden immer gern zusammen. Mit -11,2 kann ich aber gut in Lauerposition leben. 

Sie spielen ja bereits seit vielen Jahren, wo sehen Sie den Golfsport aktuell? 

Der Golfsport ist für Leute die ihn spielen das Nonplusultra! Ich fahre manchmal an Plätzen vorbei und denke mir »Menschenskinder, was hättest Du jetzt für eine Lust auf diesem schönen Fleckchen Erde einige Bälle zu spielen«. Für die, die den Golfsport nicht kennen, ist er jedoch einfach noch zu sehr in der elitären Ecke verhaftet. 

Das Hauptproblem wird es bleiben, Nachwuchs zu generieren. Es gibt eine Fülle an Sportarten und es ist schwer, mit all den anderen zu konkurrieren. Wenn ein 16-jähriger Golf spielt, ist es nicht unbedingt so cool, zumal der Rest der Freunde zu wenig darüber weiß. Es ist zudem zu aufwändig zum Training zu kommen. Die Eltern haben zumeist selbst ein großes Freizeitprogramm und sollen dann noch kilometerweit zur Anlage hin und zurück fahren. Wenn die Eltern nicht selbst spielen, wird es schwer. Und damit haben Sie die nächste Zielgruppe, die schwer zu erreichen ist. 

Ich habe kein Patentrezept, würde aber vermuten, dass Golfplätze sich bei Kind- und elterngerechten Programmen etwas einfallen lassen müssen. Zudem muss Golf weg vom elitären Image. Das ist Gift für die Sympathie gegenüber potenziellen Interessenten. Ich kenne tatsächlich Leute, die Golfturniere gern am Fernsehen anschauen, obwohl sie selbst nicht spielen. Auch da liegt einiges an Potenzial bereit. Für mich bleibt Golf eine Philosophie, eine Lebensschule und sportlich eine koordinativ anspruchsvolle Sportübung, die den Geist reinigt und erdet. Ich trage es so weiter...

Golf muss weg
vom elitären Image.

Das mit den Verletzungen ist ja so eine Sache, wie gehen Sie generell mit jeglichen Einschränkungen um? Beeinträchtigt Sie ihre Arthrose bei der Ausübung Ihrer Aktivitäten stark und wie suchen Sie Lösungen? 

Man muss schauen wie man damit individuell umgeht. Arthrose ist ja eher eine »schleichende Verletzung«. Sicherlich hängt es bei mir mit den Jahren im Hochleistungssport zusammen. Die Prognose ist allerdings, dass wir alle einmal damit konfrontiert werden. Ich habe für mich auch verinnerlicht, dass ich zu viel und zu schnell operiert wurde. Da kann ich jedem nur raten erst zu schauen und Zweitmeinungen einzuholen! Wenn Felix (Sohn und Skirennfahrer Felix Neureuther, Anm. d. Red.) mit sechzehn schon so oft operiert worden wäre, wie manche Ärzte es empfahlen, würde er heute keinen Meter mehr fahren. Ich bin froh, dass ich meine eigenen Erfahrungen hatte und bei Felix des Öfteren eingeschritten bin. 

Lösungen suche ich in Alternativen! Meiner Meinung nach ist ein guter Physiotherapeut auf einem Level mit einem guten Orthopäden. Ich kann den Prozess der Arthrose verlangsamen, muss mich aber damit beschäftigen und Alternativen suchen. Rückenleiden kommen bei mir bspw. vom Knie. Die Kniescheibe sitzt häufig nicht locker vom vielen Sitzen, also kann ich diese beim Sitzen selbst massieren. Leichte Tricks, die man kennen und erfahren muss. Und auch Orthesen sind gute Hilfsmittel, um Bewegungsmuster zu unterstützen. Meine Botschaft lautet daher, bevor ich mit einem Messer in den Körper hineingehe, muss ich schauen, was ich alles von Außen erledigen kann. 

Nun sieht man ja eher selten Golfer mit Orthesen. Sind die nicht relativ auffällig?

Das kann ich gut beurteilen, zumal ich ein relativ eitler Mensch bin (lacht). Die neuen Ottobock Orthesen sind ja allesamt kaum noch wahrzunehmen. Sie ziehen da Ihre Socke drüber und kein Mensch sieht es. Wenn man Arthrose im fortgeschrittenen Zustand hat, muss man sehen wie man die neuralgischen Punkte entlastet. Golf ist schon belastend für das Knie, die Scherwirkungen sind enorm. Nach 18 Loch spüre ich das mittlerweile. Die Orthese hilft mir aber keine neuen Entzündungen aufkommen zu lassen. Zudem hilft sie mir den Teufelskreis der Arthrose zu durchbrechen, zumal man sich durch Schmerzen immer weniger bewegt. Das Krankheitsbild der Arthrose braucht aber Bewegung. Sie müssen zum Beispiel Druck auf Knorpel bringen, damit diese ordentlich Durchbluten. Sicherlich kommt mir da meine »never give up-Einstellung« aus dem Hochleistungssport entgegen, aber das kann eigentlich jeder erreichen. Hier lautet meine Botschaft: »Wissen anlesen, Hilfsmittel suchen und nicht nur zum Arzt laufen.« 

Steckbrief

Christian Neureuther
Skilegende

Christian Neureuther, Ski-Legende und ambitionierter Hobbygolfer, lädt zu einem Gespräch über Spitzensport, seine große Leidenschaft, und Psychosomatik. Was kaum jemand weiß: der zweifache Slalom Weltpokalsieger hat früher einmal Medizin studiert...

Sie sehen fit aus, was tun Sie sonst für Ihre Gesundheit?

Mein sonstiges Sportprogramm ist auch arthroselastig gestaltet! Fünft Stunden lang rauf und runter wandern auf einen Berg geht halt nicht mehr. Selbst mit Stöckern ist es mit Problemen im Knie nicht mehr empfehlenswert. Mittlerweile suche ich mir Berge , bei denen ich problemlos raufgehen und mit der Bahn wieder runter fahren kann. Abwärtsgehen ist das Hauptproblem für meine Knie. Das beste Trainingsgerät für Arthrose ist allerdings das E-Bike! Man kann die Belastung individuell so einstellen, wie man den Druck am Knie benötigt. Das E-Bike bringt mich oft auf die Almhütten zu meinem entspannten Weißbier (lacht). Also für ältere Generation ist das E-Bike ein wahrer Glücksfall. 

Meiner Meinung nach ist ein guter Physiotherapeut auf einem Level mit einem guten Orthopäden.

Hat Ihr Sohn Felix Sie eigentlich schon mal im Lochspiel geschlagen?

Nein, da hat er leider keine Chance! Er hat auch noch nicht so viel Erfahrung im Golfspiel. Beim Golfspiel trifft bei ihm ein riesiger Ehrgeiz auf schwer zu schluckende Demut. Er ist halt ehrgeiziger Vollprofi, dementsprechend muss das Eisen 8 auch sofort 170 Meter fliegen. Und das ist schwer zu steuern ohne Streuung (lacht). 

Aber ernsthaft: Für sein Kreuzband ist Golf derzeitig nicht so schlau. Golf ist bei ihm nicht sinnvoll, weil er zu wenig spielt und dann die Belastung verkehrt kanalisiert. Ich denke aber, dass er mich nach seiner aktiven Karriere recht bald einholen wird...

Werden Sie eigentlich mittlerweile mehr auf Ihren Sohn oder Ihr Sohn immer noch mehr auf Sie angesprochen?

Da muss ich ganz klar sagen: Wenn Felix nicht mehr der Sohn vom Christian und der Rosi ist, sondern Christian und Rosi die Eltern vom Felix, dann haben wir alles richtig gemacht. Aber wir machen uns da mehr einen Spaß draus, weil Reporter mich häufig Felix und ihn Christian nennen. 

Sie sind ja weiterhin an allen Fronten engagiert. Was liegt Ihnen besonders am Herzen und über welche Auszeichnung haben Sie sich am meisten gefreut?

Über Auszeichnungen rede ich gar nicht so gerne. Ich schätze es sehr, dass Menschen mich für Engagement oder vergangene Leistungen würdigen, aber mir ist das eher unangenehm. Der erste Kuss meiner Frau, das ist immer noch die schönste Auszeichnung (lacht). 

Am Herzen liegen mir derzeitig besonders die Enkel. Wenn die Lebenszeit weniger wird, ist so ein kleines Geschöpf das größte Geschenk. Diesen kleinen Menschen etwas weitergeben zu können, ist unheimlich erfüllend. Wir achten darauf, dass die Enkel in einer immer bewegungsloseren Gesellschaft die Freude an der Bewegung bewahren. Unser Garten sieht aus wie ein Funpark: Trampolin, Slackline, Räder, etc, etc.! Wenn ich aus dem Büro herunterschaue und die Rosi mit dem Kleinen Trampolin hüpft, ist das Auszeichnung und Herzensfreude zugleich.

Beantworten Sie uns zum Abschluss noch 4 Fragen zum Traumgolf?

Welches ist Ihr Lieblingsplatz nach
all den Jahren im Golfsport?

Mein Heimatplatz Garmisch-Partenkirchen natürlich. Das ist ja häufig so. Aber sonst noch Seefeld-Wildmoos. Dieser Platz ist vor 50 Jahren entstanden und komplett in die Natur eingebettet. Den haben echte Visionäre gebaut. Dieser Gebirgsplatz ist wirklich einzigartig. Fairways neben denen der Enzian blüht, Lärchenböden und tolle Blicke in die Berge – ein Stück Natur, dass der Mensch bearbeitet hat, um diese entspannte Freude auf einer Runde zu haben! 

Welchen Platz würden Sie unbedingt
noch spielen wollen?

Augusta natürlich. Ich bin es nie richtig angegangen, aber es könnte mir sogar gelingen. Als Lindsey Vonn (amerikanische Skirennfahrerin, Anm. d . Red.) mit Tiger Woods liiert war, habe ich zu Felix gesagt, dass er unbedingt mit der Lindsey sprechen muss, ob wir da nicht mal eine Runde in Augusta hinbekämen. Er hat es dann gemacht und sie sagte ganz überzeugt, dass wir das schon hinbekämen. Dann habe ich sie nochmals bei Servus TV persönlich getroffen und sie hat mir das bestätigt. Verabredet war es dann für das Frühjahr. Keine drei Wochen später hat sie sich dann von Tiger getrennt. Glauben Sie mir, ich habe viele Trennungen in meinem Leben mitgemacht, aber das war mit Abstand die bitterste Trennung die ich in meinem Leben miterlebt habe (lacht). 

Die Trennung von Tiger und Lindsey war mit Abstand die bitterste, die ich in meinem Leben miterlebt habe.

Wer wären Ihre Traumpartner
in einem 4-er Wunschflight?

Tiger Woods, Sohn Felix und
Papst Franziskus.

Ihr denkwürdigstes Golferlebnis?

Ein lustiges fällt mir spontan ein! Zunächst einmal habe ich mit Ballesteros und Walter Scheel 1979 bei der German Open im Pro-Am gespielt. Abgesehen von Ballersteros unglaublicher Ausstrahlung, hat der Mann eine bewundernswerte Geduld mit Amateuren gehabt. Walter Scheel hat – ich hoffe nur an diesem Tag – katastrophal Golf gespielt. Handicap -99 oder so ähnlich (lacht). Der Tag zog sich unheimlich und wir waren bereits gut 6-7 Stunden unterwegs, als Walter Scheel dann nach gefühlt 150 Schlägen auf der 18 noch 2 x den Schläger wechselt um aufs Grün zu spielen. Das zog sich wieder ewig hin – Hügel rauf, Hügel runter, doch anderer Schläger... und alles nur, um den Ball dann erneut komplett weg zu toppen. Ballesteros Gesicht sprach zwar Bände, aber er war weiterhin überaus freundlich zu unserem Bundespräsidenten (lacht).

Herr Neureuther, wir danken für das überaus amüsante Gespräch und wünschen weiterhin allzeit schönes Spiel. t

Sport macht gesund

Rosi Mittermaier und Christian Neureuther und der Sportmediziner Dr. Bernd Wolfarth zeigen mit Tipps, Tests und einem Aktivprogramm, wie’s ganz einfach geht.
Rosi Mittermaier und Christian Neureuther haben in Zusammenarbeit mit dem Sportmediziner Dr. Bernd Wolfarth ein Sportprogramm entwickelt, bei dem die heilende Kraft im Vordergrund steht. Die Übungen sind einfach, machen Spaß und können individuell an die eigenen Möglichkeiten und die persönliche Fitness angepasst werden.
Anhand neuester wissenschaftlicher Studien werden die Zusammenhänge von Sport und Gesundheit aufgezeigt. Eine Übersicht über die Vor- und Nachteile der einzelnen Sportarten sowie Hinweise für das richtige Training erleichtern den Einstieg.
Auch Menschen, die bereits krank sind, können ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit durch gezielte sportliche Aktivitäten deutlich verbessern. Fitnesstests ermöglichen, die eigenen Fähigkeiten einfach zu überprüfen und realistisch einzuschätzen. Mit vielen konkreten Tipps, wie man sich im Alltag motivieren und wieder mehr bewegen kann.