Platin fürs GrünNike Vapor Fly-Serie
Portrait

T wie Titleist

Wie eine kleine Kautschukfirma aus Neuengland/USA 
nach einem verschobenen Putt die Golfwelt
revolutionierte

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Autor

Stefan Maiwald

ist Buchautor, Kolumnist, Single-Handicapper und langjähriger GJ-Autor 

Er war sich ganz sicher: Der Putt war kurz, die Linie hatte er richtig gelesen, den Break richtig eingeschätzt, den Ball gut im Sweetspot getroffen. Und doch rollte er vorbei, weigerte sich zu fallen, blieb wie zum Hohn weit rechts vom Loch liegen! Wie konnte das sein? Das war doch völlig unmöglich!

Millionen Golfer auf der ganzen Welt kennen diesen Schmerz nur allzu gut. Doch Philip Young ging der kurze Fehlschlag zu weit, der sich im Jahr 1932 auf dem letzten Grün des New Bedford Country Club bei Boston ereignete. Er wusste einfach, dass er alles richtig gemacht hatte. Warum war der Ball dennoch nicht im Loch verschwunden? Er nahm die ungehorsame Kugel mit zu einem guten Freund, einem Zahnarzt, der bereits über ein Röntgengerät verfügte. Und siehe da: Der Kern war komplett verformt. Der Ball würde nie gerade fliegen oder gar spurtreu rollen können. Auch bei anderen Bällen verhielt es sich ähnlich. Wir halten fest: Golf in den 1930er Jahren war eine ziemlich unfaire Angelegenheit.

Zufälligerweise besaß Young die Acushnet Process Company, eine Firma, die Industriekautschuk herstellte und nach einem Örtchen in Massachusetts benannt war. Mit dem Ballmaterial kannte er sich also aus, und ein Putt wie jener von neulich sollte ihm nie mehr passieren. Er tat sich mit Fred Bommer zusammen, einem Freund aus College-Tagen, um einen Fertigungsprozess auszutüfteln, der einen gleichmäßig runden Ballkern garantierte. Sie brauchten drei Jahre, fanden aber schließlich eine Methode, indem sie flüssigen Gummi gefrieren ließen und eine neue Wicklung der Kautschukfäden erfanden.

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Jetzt hatten sie einen Ball. Sie brauchten nur noch einen Namen. Und sie kamen auf das Wort Titleist, das sich ans englische Wort "Titleist" (gesprochen TAIT-list, nicht Tit-Laist) anlehnte, Titelhalter. Youngs Sekretärin Helen Robinson, die sonst fleißig an der Schreibmaschine tippte, schrieb den Namen aus einer Laune heraus in Schönschrift auf ein Blatt Papier. Young und Bommer waren von Helens Schriftzug so angetan, dass sie ihn zum Firmen-Logo machten. Noch heute ähnelt das ikonische Titleist-Logo mit seiner Schreibschrift dem ersten Entwurf der Sekretärin.

Ab 1945 begann man, auch die Playing-Professionals zu umgarnen, und hier stellte sich der Erfolg ebenfalls umgehend ein: Schon bei der US Open 1949 war Titleist der meistgespielte Ball im Teilnehmerfeld. Bis heute konnte ihm kein anderer Ball die Vorherrschaft streitig machen. Das Unternehmen expandierte, kaufte im Jahr 1962 die Putter-Firma BullsEye und begann, Schläger zu produzieren. FootJoy kam 1985 hinzu. Mittlerweile, 83 Jahre nach Youngs vorbei geschobenem Putt, setzt die Acushnet Company rund 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr um und ist damit das aktuell größte Golf-Unternehmen weltweit.

Wir hatten einen Ball und suchten einen Namen. Titelhalter fanden wir passend

Philip Young

… und dann kam der "Pro V1"

In den 90er Jahren jedoch war der Ballmarkt schwierig geworden. Fortschritte schienen kaum zu verzeichnen, und Titleist, wenngleich Marktführer, hatte gleich 13 unterschiedliche Modelle in den Pro-Shops, die sich alle nur minimal voneinander unterschieden. Es wurde immer schwieriger, den Kunden die Vorzüge des Balls zu erklären und ihnen das passende Produkt zu verkaufen. Schon 1996 hatte die Forschungs- und Entwicklungsabteilung dann zwar die "Königsidee", doch bis zur Marktreife vergingen weitere vier Jahre, zumal es sich als schwierig entpuppte, den neuen Wunderball mit einer gleichmäßig dünnen Polyurethan-Schicht zu überziehen.

Bis zum Turnier Invensys Classic im Herbst 2000 allerdings war alles bereit. Nur noch die USGA musste den Ball für regelkonform erklären, und dafür wollte sie einen Produktnamen haben. Das hatte man bislang völlig verschwitzt. Chefentwickler Bill Morgan schrieb hektisch "Pro V1" nieder: "Pro" für "Professional", denn der war das Vorgängermodell, ein "V" für "Veneer" oder Mantel, jene dünne Zauberschicht, und die "1", weil es der erste Ball seiner Art war. Das war als Provisorium gedacht ("Ich hätte nie gedacht, dass sich der Name durchsetzt", gibt Morgan zu), doch er gefiel schließlich allen Beteiligten.

Und er ist heute der wohl bekannteste Golfball in der Golfwelt. Im Jahr 2007 verbuchte der "Pro V1" den 1.000. Sieg auf einer Profi-Tour, bis Ende letzten Jahres wuchs die Zahl auf über 2.100 Siege an. Er ist der mit Abstand meist gespielte Ball auf allen Profi-Touren dieser Welt. Vielleicht noch beeindruckender: Im Jahr 2014 wurden von Titleist rund 134.500.000 "Pro V1" und "Pro V1x" produziert. Die Zahl der von Kunden als (angeblich oder tatsächlich) "fehlerhaft" zurückgesandten Bälle im gleichen Jahr: 15.

Bestseller

Die Erfindung des "Pro V1" gilt als einer der wichtigsten Technologiesprünge im Golf. Eingeführt im Jahr 2000, avanciert er aus dem Stand zum bestverkauften Ball aller Zeiten. Hier einige Bestmarken:

• Mehr als 100 Millionen Dutzend ProV1 wurden seit der Markteinführung im Dezember 2000 verkauft
• seit 15 Jahren ist der ProV1 meistverkaufter Golfball der Welt
• über vier Milliarden US-Dollar hat Acushnet mit dem Ball an Umsatz eingespielt
• meistgespielter Golfball der Pros auf allen Golf-Touren sowie über 2.000 Profi-Siege weltweit
• 2014 wurden "Pro V1x" und "Pro V1" allein auf der PGA Tour in 3.335 Turnierrunden eingesetzt, der zweitbeste Ball dieser Statistik kommt auf 707 Einsätze

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