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Florida, Jacksonville

Schlafende Schönheit

Florida ist mehr als Miami und die Florida Keys. Der Nordosten des Sunshine State gilt als Geheimtipp und wartet nur darauf, seinen Dornröschenschlaf zu beenden und wach geküsst zu werden.

Von Alexander Huchel. Denkt man an den »Sunshine State«, kommt einem natürlich die Metropole Miami in den Sinn, wo sich die Reichen und die Schönen tummeln, wo das Leben pulsiert, und wo man gerne zeigt, was man hat. Und selbstverständlich denkt man auch an die Everglades und die Florida Keys, wo Natur pur zu entdecken ist oder den Spuren von Ernest Hemingway in Key West gefolgt werden kann. Familien mit Kindern (und vergnügungssüchtige Erwachsene) schwärmen von Orlando, wo man sich wochenlang jeden Tag in einem anderen Freizeitpark austoben könnte. Und manche zeigen auf die Westküste am Golf von Mexiko, wo die Strände endlos sind und Ferienorte wie Naples oder Fort Myers jährlich Zehntausende von Touristen anlocken.

 

Kommt die Sprache allerdings auf den Nordosten von Florida, also die Gegend um Jacksonville, den größten Verkehrsknotenpunkt der Region, so wird der Kenntnisstand deutlich dünner. Klar, beim Stichwort Amelia Island wird sich der ein oder andere noch erinnern, dass Steffi Graf, Gabriela Sabbatini und Arantxa Sanchez Vicario dort in den 80er und 90er Jahren auf dem Tennisplatz erfolgreich waren. Doch seitdem die »Gräfin« und ihre Mitstreiterinnen ihre Karrieren beendet haben, verblassen die Erinnerungen der meisten Deutschen zunehmend, Amelia Island ist aus den Köpfen verschwunden. Aus dem schwarz-rot-goldenen Blickwinkel betrachtet, befindet sich die Region seither in einer Art Dornröschenschlaf.

 

Das allerdings zu Unrecht. Denn die südlichste Insel der Sea Islands, die entlang der Ostküste von North Carolina bis Florida verlaufen, ist Kleinod und Erholungsparadies in einem. Zudem hat die gerade mal 21 Kilometer lange und an ihrer breitesten Stelle nur sechs Kilometer messende Insel den Vorteil, dass es hier weitaus beschaulicher zugeht als in den großen Tourismuszentren. Und dass es hier vielleicht auch schöner ist: Die »Stadt« Fernandina Beach etwa, ein ehemaliges Piratennest im Historic District geprägt von viktorianischen Häusern,  das außerdem Floridas wichtigste Quelle für die süßen Atlantik-Krabben ist, von denen jährlich 900.000 Kilogramm in den umliegenden Gewässern gefangen werden.

 

Neben diesen Leckerbissen dürfen sich Golfer auch auf grüne Genüsse freuen. Denn zum größten Resort auf der Insel, Amelia Island Plantation, gehören außer einem 2,6 Meilen langen Strandabschnitt gleich vier Golfplätze, die sich hinsichtlich ihres Layouts deutlich unterscheiden und somit golferische Abwechslung garantieren. Komplettiert wird das Angebot durch zwei weitere Kurse: Fernandina Beach Golf Club und The Golf Club of Amelia Island (der übrigens Gästen des eleganten Ritz-Carlton, dem teuersten Haus auf der Insel, einen Sonderstatus einräumt). Von ihrem Charakter her sprechen die Plätze auf Amelia Island vor allem den Freizeitgolfer an, Oak Marsh und Long Point sind jedoch auch für ambitionierte Golfer mit niedrigem Handicap eine Herausforderung.

 

Orts- und Szenenwechsel: ein Schlag, gebannte Stille, vereinzelte Rufe »In the hole« oder »You’re the man« – drei Sekunden später tosender Applaus und Gebrüll von fast 20.000 Zuschauern. Tiger Woods hat soeben bei The Players Championship, dem sogenannten fünften Major-Turnier, seinen Ball knapp einen Meter neben die Fahne gesetzt. Die steckt im Loch der wohl berühmtesten Par-3-Bahn der Welt, der 17 auf dem The Players Stadium Course, also im TPC Sawgrass. Und es ist nicht nur diese Szenerie südlich von Jacksonville, gerade mal knapp 50 Kilometer Luftlinie von Amelia Island entfernt, die im Vergleich zum beschaulichen Inseldasein fast so etwas wie einen Kulturschock erzeugt. Diese Region ist touristisch deutlich stärker erschlossen als die eher biedere Gegend nördlich von Jacksonville. Und es gibt hier auch an nahezu jeder Ecke Golfplätze, viele davon auf sehr hohem sportlichen Niveau.

 

Speziell aus Golfersicht ist dabei übrigens nicht nur das Top-Turnier The Players in Ponte Vedra interessant. Ein mindestens ebenso großes Muss für Florida-Besucher ist das World Golf Village nahe St. Augustine. Denn diese Pilgerstätte für Golfinteressierte bietet zunächst einmal zwei außergewöhnliche Plätze: »The Slammer & The Squire«, bei dessen Design Sam Snead und Gene Sarazen mitgewirkt haben, sowie »The King & The Bear«, der einzige Kurs weltweit, der von Arnold Palmer und Jack Nicklaus gemeinsam entworfen wurde. Und nach ein oder zwei Übernachtungen im Hotel Renaissance lockt dann das Herzstück des Village: die »World Golf Hall of Fame«. Auf nicht ganz 7.000 Quadratmetern erfährt man hier in einem Museum Wissenswertes über die Entwicklung des Golfsports, der Ausrüstung und der Turniere, für den Ryder Cup und den Solheim Cup gibt es spezielle Abteilungen.

 

Im Mittelpunkt steht allerdings die Ehrung von Persönlichkeiten, die sich um den Golfsport verdient gemacht haben. Zu den ersten 14 »Ehrenbürgern«, die 1974 aufgenommen wurden zählten unter anderem Ben Hogan, Patty Berg, Byron Nelson, Jack Nicklaus, Arnold Palmer und Babe Zaharias. Einziger Deutscher in der Hall of Fame ist, wer sonst, Bernhard Langer, der 2002 in die Ruhmeshalle kam. Momentan hat sie insgesamt 120 Mitglieder, darunter 33 Frauen, erst kürzlich wurden sechs weitere aufgenommen (Joe Carr, Hubert Green, Charles Blair Macdonald, Kel Nagle, Se Ri Pak and Curtis Strange). Über die Jahre hat man die Konzeption der Hall of Fame leicht modifiziert und dafür viel Lob geerntet. Unter anderem gibt es jetzt immer wieder Sonderausstellungen zu Mitgliedern: Im letzten Sommer stand Gary Player im Mittelpunkt, bis November 2008 verrät die Sonderaustellung »Jack Nicklaus: Golf’s Golden Champion« nun nahezu alles über den Golden Bear.

 

Besonders beliebt ist ferner der »Locker Room«: Hier hat jedes Hall-of-Fame-Mitglied seinen eigenen Spind, in dem Erinnerungen aufbewahrt sind. Manch ein Besucher verbringt Stunden in diesem Raum und ist gespannt, was sich hinter den Türen verbirgt. Was da zu Tage kommt, ist oft kurios: Das reicht von einer Ukulele im Spind von Bobby Locke bis zu Zigarrenschachteln im Locker von Charlie Sifford. Darüber hinaus wartet im World Golf Village aber noch eine, für Amerika sehr typische Attraktion: Wer mit seinen Drives und Putts nicht berühmt geworden ist, kann durch einen Griff ins Portemonnaie nachhelfen. Rund um den zentral gelegenen See verläuft der »Walk of Champ-ions« – und hier darf sich jeder, der ab 50 Dollar zu zahlen bereit ist, auf einem Ziegelstein neben den Größen des Golfsports verewigen lassen. Apropos Geld: Im »PGA Tour Stop«, einem riesig dimensionierten Pro-Shop, gibt’s wirklich alles, was das Golferherz begehrt.

 

Kein Frage, es ist, wie schon erwähnt, tatsächlich eine andere Welt, die sich dem Florida-Besucher hier im Süden von Jacksonville präsentiert. So ziemlich die einzigen Kriterien, die sich vom Norden nicht unterscheiden, sind die endlosen Sandstrände mit entsprechender Erholungsgarantie, historische Orte (zum Beispiel St. Augustine) – und selbstverständlich die Möglichkeit, auf Edelwiesen und in Luxusherbergen jede Menge Geld auszugeben. Dass die gesamte Region dabei weder mit dem Glamour von Miami noch mit dem Freizeitfaktor von Orlando mithalten kann (was sie übrigens auch nicht will), ist eher ein Plus- als ein Minuspunkt. Denn wer an das Florida vergangener Zeiten erinnert werden will und zudem eine Kombination von Golf- und Erholungsurlaub bevorzugt, der findet hier im Nordosten wirklich eine »schlafende Schönheit« vor.

 


Zusätzliche Informationen und Links

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