Golfpsychologen reden oft über die zwei Ängste der Tour-Spieler – Angst vorm Versagen, aber auch Angst vor dem Sieg. Unter solchen »Sieg-Ängsten« hat Lee Westwood noch nie gelitten. Bekannt als einer der besten »Closer« (wenn er die Chance zum Sieg hat, packt er es auch), liebt Westwood das Mann-gegen-Mann-Duell. Seine Ryder Cup-Auftritte sind legendär; bei den letzen zwei Veranstaltungen blieb er ungeschlagen und gewann sensationelle 8,5 von 10 Punkten für Europa.
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Ein echter Typ
Bei der Entwicklung des Neugolfers gilt: »Der Schwung, den du zuerst lernst, bleibt dir dein ganzes Leben erhalten.« Im Klartext: Technik und Koordination verbessern sich stetig, aber die Schwungeigenschaften, die sich zum Anfang der Karriere entwickeln, sind ein Leben lang in den Golfgenen festgeschrieben.
Ist das bei den Topspielern möglicherweise anders? John King, der Jugendtrainer von Lee Westwood im Englischen Worksop Golf Club bei Nottingham schrieb vor einigen Jahren, dass der 13-jährige Lee zu Beginn seiner Golfkarriere »mit der Brust beim Abschwung merkbar nach unten tauchte. Als Folge bewegte sich sein Kopf nach unten, aber auch nach rechts. Die Folge war eine etwas verkrampfte Position im Treffmoment.« Und wie sieht sein Schwung heute aus? Westwood ist langjähriger Schüler des englischen Golf-Gurus Peter Cowen, arbeitete aber auch mit David Leadbetter.
Bild 1: Westwood ist nicht nur ein Spitzengolfer, sondern auch ein Spitzensportler geworden. Durch seine zweijährige Arbeit mit dem englischen Sportarzt Dr. Stephen Macgregor ist er nun stärker und fitter. Seine Hosengröße ist von 56 auf 50 geschrumpft! Der Oberkörper ist ziemlich stark nach vorne geneigt, aber seine Knie sind nur leicht gebeugt. Beim Ansprechen neigen Top-Spieler als erstes den Oberkörper nach vorn und beugen dann die Knie – keiner »sitzt wie auf einem Stuhl«, was aber immer noch in vielen Lehrbüchern steht. Je nach Tages---laune stellt sich Westwood die gewünschte Flugbahn des Balles vor oder konzentriert sich auf ein bestimmtes Schwunggefühl, das dem passenden Schwung entspricht.
Bild 2: Zur Entspannung der Arme beim Ansprechen öffnet Westwood kurz die rechte Hand. Es wird oft geschrieben, dass man den Schläger leicht anfassen soll. Körperkraft spielt aber auch eine Rolle beim Griffdruck: Je physisch stärker der Spieler, desto relativ leichter und entspannter kann er den Schläger halten – ein Vorteil beim langen und kurzen Spiel.
Bild 3: Westwood ist bereit für den Schwung. Man sieht eine relativ schmale Standbreite bei diesem Eisen-8-Schlag. Mein Tipp für jeden Golfer, der Probleme mit der Gewichtsverlagerung hat – probieren Sie einen schmaleren Stand für leichtere Beweglichkeit! Man sieht eine gerade Linie von den Hüften bis zu den Schultern, aber der Nacken und der Kopf hängen leicht nach vorne und unten. Als Folge bildet sich eine leichte »C«-Kurve. Keine Sorge, wenn das auch bei Ihnen so aussieht: Selbst auf der PGA Tour gibt es wenige Spieler, die beim Ansprechen mit einem perfekt geraden Rücken stehen können.
Bild 4: Hier sehen wir eine optimale 8-Uhr-Schlägerposition.
1. Der linke Arm hat seine Ansprechlänge gehalten und ist nicht einknickt.
2. Die Handgelenke sind bis zu diesem Zeitpunkt relativ passiv geblieben.
3. Das Endstück des Schlägers ist immer noch eine Faustbreite von den Oberschenkeln entfernt.
4. Die Schultern haben sich leicht aufgedreht.
Bild 5: Schultern und Hüfte drehen sich weiter auf. Durch die leichte Rotation und das Heben der Arme zeigt die Spitze des Schlägers nun nach oben – eine optimale Position. Das Gewicht des Schlägers bringt die Handgelenke zum Einsatz.
Bild 6: Die Schultern und Hüfte drehen sich weiter auf, die Arme heben den Schläger nach oben und auf die ideale Ebene. Die Verlängerung des Schafts nach unten zeigt zum Ball.
Bild 7: Nahezu am Ende des Rückschwunges ist die linke Ferse noch ganz fest am Boden. Das ist gut für die Schwungstabilität beim durchtrainierten Tour-Spieler, aber bei Rückenproblemen nicht zu empfehlen.
Bild 8: Am Ende des Rückschwungs sieht man, wie sich die Schultern deutlich mehr aufgedreht haben als die Hüfte. Das linke Knie zeigt hinter den Ball. Linker Unterarm und Handrücken bilden eine gerade Linie.
Bild 9: Ein geniales Vorbild für den Pull-Slicer! Die Arme haben den Schläger nach unten geschwungen, aber der Oberkörper hat sich kaum Richtung Ziel bewegt. Schauen Sie sich an, wie der Rücken noch ganz Richtung Ziel zeigt. Das linke Knie hat sich gegenüber Bild 8 kaum bewegt. Wenn Sie den Sand im Hintergrund mit der Kopfhöhe vergleichen, sieht man, wie Westwood von Bild 8 auf Bild 9 etwas mit der Brust abgetaucht ist.
Bild 10: Ist das nun der 35-jährige oder der 13-jährige Westwood? Im Vergleich zu Bild 9 wird deutlich, wie sehr er mit der Brust getaucht ist. Der Schläger liegt perfekt auf der 9-Uhr-Position: Der Schaft ist parallel zum Boden und auch parallel zur Fußrichtung. Die Spitze des Schlägers zeigt nach oben. Wie in seiner Jugend taucht Westwood aber mit dem Oberkörper ab, der Kopf kippt auch leicht nach rechts. Als Folge verlagert sich das Körpergewicht beim Abschwung ziemlich spät auf das linke Bein, und die rechte Ferse bleibt lange am Boden stehen.
Bild 11: Der Ball ist unterwegs zum Ziel; Westwood hält den Oberkörper nach vorne oder »in der Achse«. Durch das Abtauchen der Brust und die Bewegung des Kopfs beim Abschwung nach rechts ist die rechte Ferse immer noch sehr nah am Boden. Westwoods Lieblings-Flugbahn ist der Fade, und das kann man hier an der linken Hand gut erkennen – der Handrücken zeigt immer noch Richtung Himmel. (Vergleichen Sie einmal die Handposition von Westwood mit der von der Ian Poulter in Bild 11, GJ 5/08).
Hier sieht man noch eine von Westwoods Schwungeigenschaften: den gebogenen linken Arm. Westwoods linker Arm ist übrigens auch im Treffmoment leicht gebogen.
Bild 12: Das Gewicht und die Geschwindigkeit des Schlägers ziehen den Körper mit, und der Oberkörper fängt an sich aufzurichten. Trotz des Aufrichtens ist die rechte Schulter immer noch niedriger als die linke Schulter.
Bild 13 bis 16: Der Oberkörper hat sich völlig aufgerichtet, das Köpergewicht ist auf dem linken Bein. Der Schläger liegt noch genau so in den Händen wie zu Beginn des Schwungs – ein Zeichen der optimalen Platzierung der Hände und des angemessenen Griffdrucks. Ein Tipp für alle, die gerne draufhauen: Versuchen Sie, beim Finish Ihr Gleichgewicht für drei Sekunden zu halten; das bringt mehr Ruhe in den Schwung und bessere Ergebnisse.
Daten & Fakten: Lee Westwood
Geboren am 24. April 1973 in Worksop, England
Weltranglistenposition: 20
Turniersiege: 18 auf der European Tour, ein Titel auf der US PGA Tour
Bestes Major-Finish: 4. (British Open 2004)
Durchschnittlicher Drive: 267 Meter (28. Platz)
Hobbys: Westwood ist Nottingham-Forest-Fan und ein hervorragender Snooker-Spieler. Mit seinem besten Kumpel Darren Clarke hat er sich 2006 ein Privatflugzeug angeschafft.
Ian Peek ist einer der renommiertesten Pros in Deutschland. Der Schotte unterrichtet im GC Sigmaringen Zollern-Alb. Kontakt:
Tel. 0171/2 86 30 42,
mail@nms-golf.com
Zusätzliche Informationen und Links
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