Mittlerweile brauchen wir Laptops, um unsere Scores zu ermitteln. Wie wäre es, wenn wir uns alle rückbesinnen und uns verdeutlichen, was Golf eigentlich ist? Nur so wird der Sport wieder attraktiv – gerade auch für all diejenigen, die ihn einmal ausprobieren wollen.
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Rettet Golf! (I)
Von Stefan Maiwald.
Wahrscheinlich haben Sie früher einmal Fußball gespielt. Vielleicht kicken Sie sogar immer noch. Bestimmt gab oder gibt es auch in Ihrer Freizeit- oder Kreisligamannschaft einen »Künstler«. Dieser Künstler spielt stets die Pässe in den gaaanz freien Raum. Oder er gibt den Ball mit der Hacke weiter. Oder er versucht, den Abwehrspieler zu tunneln. Klar, der Ball landet immer beim Gegner, und die sichere Torchance ist dahin, aber es war doch zumindest »gut gedacht«, und oft applaudieren die Zuschauer auch noch. Oh, wie habe ich diese Spieler verabscheut! »Gut gedacht« – es gibt im Sport nichts Schlimmeres. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Entscheider im Golfsport genau diesen Weg beschreiten. Gut gedacht, schlecht gemacht. Course-Rating, Slope, Stammvorgabe, Spielvorgabe, CSA: Entschuldigung, aber ist das nicht alles ein bisschen viel des Guten? Golf ist doch gerade wegen seiner Unkompliziertheit etwas Besonderes. William Faulkner beschreibt das in seinem Roman »Schall und Wahn« auf einmalige Weise. Dort erkennt selbst ein Schwachsinniger, worauf es ankommt: »Sie nahmen das Fähnchen heraus und schlugen. Dann steckten sie das Fähnchen wieder ein und gingen zum Abschlag, und er schlug ab, und der andere schlug ab.«
Vier Millionen Deutsche würden Golf gern einmal ausprobieren. Warum also spielen nur 600.000? Das mag vielerlei Ursachen haben. Eins ist jedoch logisch: Je komplizierter wir diesen Sport machen, desto weniger attraktiv wird er für Neugierige. Dass in den USA, Kanada oder Australien jeder zehnte oder gar jeder fünfte Einwohner mehr oder weniger regelmäßig golft, mag zum einen daran liegen, dass durch den billigen Grund und Boden Golfplätze eher preiswert im Unterhalt sind und auch Greenfees preiswerter angeboten werden können. Es mag auch daran liegen, dass Golf dort eine längere Tradition hat als in Mitteleuropa. Es mag aber auch daran liegen, dass in diesen Ländern alles ein bisschen unkomplizierter ist und deswegen einfach mehr Leute Golf verstehen, nachvollziehen und ausprobieren können. Wer einen Golfer in den USA nach dem Handicap fragt, wird eher Stirnrunzeln zur Antwort bekommen. Klar, es gibt ein Handicap, aber US-Golfer wissen: Spielstärke drückt sich anders aus. »Ich score so in den tiefen Neunzigern« oder »Ich spiele um die 80« sind die wahrscheinlicheren Antworten. In den USA und Großbritannien ist es ein ganz wesentlicher und sehr amüsanter Aspekt der Golfrunde, am ersten Tee über Schlagvorgaben zu feilschen.
Doch bei uns gibt es inzwischen ja nicht einmal mehr das Handicap, sondern Spielvorgabe und Stammvorgabe. Beides wird mithilfe eines seltsamen Konstrukts namens Stableford-Punktesystem gebildet. Hinzu kommen das Course-Rating und der Slope-Wert, die aufgrund vorgeblich objektiver Faktoren die Schwierigkeit eines Platzes determinieren. Und auch mit dem »Extra Day Score« (EDS) und dem »Competition Stableford Adjustment« (CSA) sollen wir uns gefälligst anfreunden. Alles gut gedacht. Aber gut gemacht? Böse Zungen behaupten, mit diesem bürokratischen Wust wolle sich der Deutsche Golf Verband unabdingbar machen. Denn je mehr Verwaltungsaufwand betrieben wird, desto mehr Verbandsarbeit ist erforderlich, desto not--wendiger wird der DGV. Das ist natürlich Unsinn; beim DGV sitzen fähige Leute, die ihr Bestes versuchen. Dennoch glaube ich, dass wir alle – die Spieler, die Clubs, der Verband – in die falsche Richtung gehen. In eine Richtung, die Golf kompliziert, verschroben und damit weniger zugänglich macht. Wer sich an einem schönen Sommertag auf die Terrasse eines beliebigen deutschen Golfclubs setzt (jetzt im Winter tut es gut, an schöne Sommertage zu denken) und den Umsitzenden zuhört, dann geht es fast immer um das Course-Rating des Platzes, die Kapriolen des CSA, das knappe Verfehlen der Schonung. Das ist nicht mehr »the spirit of the game«, von dem doch gerade Golf mit all einer wunderbaren Historie so durchdrungen ist. Wie soll man einem Golfinteressierten die Faszination unseres Sports nahe bringen, wenn man ihm erst einmal langatmig erklären muss, wie überhaupt gezählt wird?
Meine Forderung: Zurück zu den Ursprüngen. Machen wir Golf wieder zu dem, was es ist. Schlag den Ball, finde ihn und schlag ihn erneut, bis er im Loch ist. Nur so behält Golf seine Faszination. Nur so bleibt Golf ein sportlicher Wettstreit. Und nur so wird Golf für Anfänger sofort erfassbar und attraktiv. Wie geht das? Hier kommen einige Vorschläge.
1. Zahlen, bitte
Stableford ist als Notlösung gedacht gewesen. Niemand wollte, dass auf diese Art und Weise mittlerweile 98 Prozent aller deutschen Turniere abgehalten werden. Ein Spieler mit Handicap -34 (pardon, es heißt ja jetzt Stamm-vorgabe oder Spielvorgabe, aber gestatten Sie mir, auf diesen Seiten bei liebgewonnenen Gewohnheiten zu bleiben) wird jetzt vielleicht aufheulen und sich seiner Chancen auf einen guten Score beraubt sehen. Das sehe ich nicht so. Ich glaube, das Stableford-System verführt zu schlampigem Golf. Motto: Man kann ja ruhig mal an diesem Loch attackieren, und wenn es schlecht läuft, »streicht« man es einfach. Das ist bequem, hat aber nichts mit Golf zu tun. Golf heißt, mit den Konsequenzen seiner Entscheidungen umgehen zu können. Deswegen ist Golf ja so ein treffendes Abbild des Lebens, in dem es auch keine Mulligans und Streichergebnisse gibt. Meine These: Wer mehr Zählspiel spielt, wird schneller besser. Er verhält sich auf dem Platz intelligenter, wendet die besseren Strategien an und macht größere Fortschritte.
Spielgeschwindigkeit ist natürlich ein Thema. Es soll ja nun nicht plötzlich jedes Rabbit-Turnier im Zählspiel veranstaltet werden. Auch ist ein energischer Marshal vonnöten, der die Spieler antreibt und sie an die Durchgangszeiten erinnert. Dennoch: In Schottland dauern Amateurrunden trotz Zählspiel drei Stunden statt fünf. Wer die Etikette beherrscht und ein solides Handicap von -25 spielt, kommt auch im Zählspielmodus schnell um den Platz. Die Spielgeschwindigkeit leidet ja nicht an den Schlägen selbst, die nur wenige Sekunden dauern, sondern am endlosen Lesen der Puttlinie, am diffusen Schlendern über die Fairways, am hartnäckigen Ignorieren der Möglichkeit eines provisorischen Balls, am achtlosen Parken des Trolleys auf der falschen Seite des Grüns.
Auch wenn es manchen nicht passen mag: Golf heißt, 18 Löcher in einer bestimmten Schlagzahl zu spielen. Am Ende zieht man von der Schlagzahl sein Handicap ab und vergleicht. Das ist simpel und faszinierend.
2. Amerika, du hast es besser
Und wo wir schon beim Abbau von Bürokratie sind: Warum sollen beispielsweise Privatrunden nicht fürs Handi-cap zählen? Ich erkenne immer noch keinen guten Grund, warum eine von drei Personen beglaubigte Scorekarte nicht im Sekretariat eingereicht werden können soll. In den USA ist das problemlos möglich – inzwischen kann man sogar sein eigenes offizielles Handicap im Internet verwalten. Ein Argument für die ausschließliche Vorgabewirksamkeit von Turnierrunden ist stets, dass man ja sonst beliebig mogeln könne. Schön: Wenn einer so dämlich ist und ein Handicap von -5 haben will, obwohl er eher bei -25 steht, soll er es sich doch mit Hilfe von ein paar Freunden herbeischummeln. Er macht sich zwar zum Gespött aller Leute (und seiner Freunde) und wird nie wieder eine Golfwette gewinnen oder bei einem offiziellen Turnier was reißen, aber lassen wir ihm doch den kurzen Glücksmoment. Im Übrigen sind diejenigen, die bei so etwas schummeln würden, auch diejenigen, die derzeit bei Turnieren schummeln. Ich meine: Golf ist größer als jeder kleine Handicap-Gauner. Diese eitlen Idioten können und dürfen einem Weg zurück zu den Ursprüngen nicht im Wege stehen. (Wollen Sie Ihr ehrliches Handicap wissen, so wie es beispielsweise in den Vereinigten Staaten berechnet wird? Dann spielen Sie fünf Runden im Zählspiel. Streichen Sie die drei schlechtesten Runden und bilden Sie einen Mittelwert aus Ihren zwei besten Runden.)
Und was ist im umgekehrten Fall? Jemand, der 5 spielt, aber mit 15 bei einem wichtigen Turnier antritt, um die ausgelobte Reise zu gewinnen? Das ist ein glatter Betrug, den sich der Handicapschoner, wenn überhaupt, genau ein Mal leisten kann. Außerdem gibt es für solche Fälle die Sportkommission, die Spieler auch disqualifizieren kann. Der Extra Day Score, der in Deutschland 2005 eingeführt wurde, ist ebenfalls wieder einmal gut gedacht, aber eine viel zu halbherzige Sache: Der EDS ermöglicht die Vorgabewirksamkeit von bestimmten Privatrunden in bestimmten Vorgabeklassen, aber wieder nur unter einem Rattenschwanz von Voraussetzungen, die ein ganzes Regelwerk nach sich ziehen und Spieler wie Clubsekretäre wie Golfgötter nerven. Mit dem unkomplizierten amerikanischen Privatrundensystem können übrigens auch Pros jederzeit ein (inoffizielles) Handicap führen und ihr eigenes Spiel verlässlich einschätzen. Hank Haney etwa, derzeit der Lehrer des Übergolfers Tiger Woods, spielt ein Handicap von +2. Als er noch unter den Driver-Yips litt und jahrelang jeden zweiten Abschlag tief ins Gebüsch drillte, kletterte er auf ein für ihn inakzeptables Handicap von -3. Nebenbei bemerkt: Wie gut muss erst der Rest seines Spiels gewesen sein?
3. Weniger Bürokratie wagen
Es mag viele gute Argumente für das Competition Stableford Adjustment geben, denn hinter CSA steht der durchaus noble Wunsch, Golf gerecht zu machen. Doch genau dort liegt der Denkfehler, denn die große Faszination des Golfsports ist ja eben die relative Ungerechtigkeit. Bei jeder Runde ist Glück ein entscheidender Faktor. Gute Putts fallen nicht, schlechte Putts taumeln ins Loch. Ein Ball steuert auf den Wald zu und springt vom Baumstamm mitten aufs Fairway. Ein anderer Ball, schnurgerade die Bahn hinunter geschlagen, bohrt sich im wei-chen Untergrund ein und ist unauffindbar. Tour-Pros spielen morgens bei Windstille 68 und besser, am böigen Nachmittag muss die Konkurrenz mit einem 73er Schnitt fertig werden.
Schon Slope- und Course-Rating sind grenzwertige Konstrukte. Was, wenn sie plötzlich verschwinden würden? Dann gibt es halt schwierigere und leichtere Plätze. Die Bedingungen bleiben ja für alle gleich. Einer hat auf einem leichten Platz ein relativ niedriges Handicap, der andere, der eher die schwierigen Plätze spielt, hat ein relativ hohes Handicap. Wo ist das Problem? Möglicherweise ist es schon zu spät, CSA abzuschaffen, und mit Slope- und Course-Rating müssen wir definitiv leben. Mindestens ignorieren sollten wir das CSA aber. Und bei einer wie auch immer geschaffenen Vorgabewirksamkeit von Privatrunden verschwindet CSA genau da hin, wo es hingehört: irgendwo auf Platz 42 der Liste der Computerprogramme im Clubsekretariat.
4. Von den Vorvätern lernen
Archie Baird ist ein 83-jähriger Schotte, der täglich seine Runden auf den windumtosten Plätzen an Edinburghs Küste spielt. Nebenbei gehört ihm das wohl bedeutendste private Golfmuseum der Welt. Einige Exponate hat er in einem kleinen Häuschen direkt am Abschlag von Gullane No. 1 ausgestellt (die wertvollsten Stücke behält er lieber bei sich daheim). Wenn es jemanden gibt, der ein oder zwei Dinge über Golf weiß, dann Archie Baird. Und Archie spricht: »Das Handicap hatte früher eine eher untergeordnete Bedeutung. Bis ins 20. Jahrhundert hinein fanden in Schottland, Irland und anderswo höchstens zwei Mal im Jahr Turniere statt, bei denen das Handicap ermittelt wurde – aber nur, um einigermaßen gleiche Paarungen für das eigentliche Golfspiel zu finden.«
Und das »eigentliche« Golfspiel, wie Archie es so treffend nennt, lautet: Matchplay. Keine andere Spielform ist leichter, interessanter, dramatischer. (Und auch die Spielgeschwindigkeit ist dann kein Thema mehr.) Wer mehr Runden im Matchplay-Modus spielt, der begreift den Kern des Spiels. Und darf sich über ein Lächeln der Golfgötter freuen.
Doch es gibt noch eine weitere Spielform, die früher verbreiteter war: der klassische Vierer. Ein Zweier-Team spielt abwechselnd denselben Ball. Viele heutige Spieler mögen den klassischen Vierer nicht; er raube den Rhythmus, baue zu viel Druck auf, und überhaupt spiele man so ja gewissermaßen nur eine halbe Runde. Doch Archie Baird spricht: »Es gibt nichts Schöneres als den klassischen Vierer, denn er verdoppelt jede Emotion.« Über einen misslungenen Schlag ärgere man sich doppelt, über einen gelungen Schlag freue man sich doppelt. In Muirfield etwa, dem renommierten British-Open-Platz, darf am Wochenende nur klassischer Vierer gespielt werden. Das mag traditionelle Gründe haben (Muirfield ist einer der wenigen Open-Courses, die eine extrem restriktive Gästepolitik haben und eher an ihre eigenen Mitglieder als an zahlendes Publikum denken), dürfte aber auch mit der Spielgeschwindigkeit auf dem schwierigen Links-Platz zu tun haben. Wer den klassischen Vierer ein paar Mal ausprobiert hat, wird erkennen: Bei diesem Format lässt einen kein Schlag kalt. Spielen wir Golf so, wie es gedacht wurde. Bewundern wir Golf für seine simple Schönheit. Teilen wir die Faszination unseres Sports mit Neugierigen und Anfängern. Überzeugen wir sie von der atemberaubenden, genialen Schlichtheit unseres Spiels. Senken wir die Hemmschwelle. Und überlassen wir die Bürokratie unseren Finanzämtern.
Links zu »Rettet Golf!« Teil 1-4
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