Der Kranfahrer, der Mann mit der Flugangst, der Säufer, Trinker & Superstar, der Kriegsheld, der Gentleman, der Boxer, der Autist und der Milliardär.
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Helden & Antihelden

1 Der Kranfahrer
Maurice Flitcroft bezeichnete sich selbst als »Phantom der Open«. Zwei Mal gelang es dem kettenrauchenden Kranfahrer aus dem englischen Barrow-in-Furness, sich ins Qualifikationsfeld des wichtigsten Golfturniers der Welt zu schleichen. 1976 begann er die Runde mit einer 11 am ersten und einer 12 am zweiten Loch. »Am Anfang war ich etwas verkrampft«, sagte er später, »am Ende habe ich mich dann in den Griff gekriegt.« Ansichts sache: Auf den ersten Neun spielte er eine 61, auf den zweiten Neun eine 60, insgesamt eine 121 und damit 49 über Par, das höchste jemals notierte Ergebnis einer Open-Qualifikation. Als ein britischer Reporter danach Flitcrofts Mutter anrief und sagte: »Es ist wegen ihrem Sohn und der Open«, da antwortete sie: »Oh, hat er gewonnen?« Als sie mit der herben Wahrheit konfrontiert wurde, blieb sie loyal, wie es nur Mütter können, und befand: »Na, irgendwo muss er ja anfangen, nicht wahr?«
1990 schaffte es Flitcroft erneut in ein Qualifikationsturnier der Open, diesmal unter dem französischen Pseudonym Jean Beau Jolley. Als er nach zwei Löchern 3 über Par lag (immerhin eine Verbesserung gegenüber 1976), wurde er von Offiziellen vom Platz geleitet. »Ich habe mich nicht optimal aufgewärmt«, entschuldigte er sich.
In Britannien schätzt man skurrile Gestalten – er wurde eine Art Star. Ein Club veranstaltet jedes Jahr ein »Flitcroft Invitational«-Gauditurnier, wo Mulligans erlaubt sind, ein Loch einen Durchmesser von 30 Zentimetern hat und an einem Grün sogar zwei Lochpositionen gesteckt sind, damit auch der schlechtesten Annäherung noch die Chance auf ein Par gegeben ist. Einmal wurde der ältliche Flitcroft mit seiner Frau zu dem Turnier eingeladen. »Das ist das erste Mal, dass wir gemeinsam das Haus verlassen, seit der Gasofen in unserer Küche explodiert ist«, gab er zu Protokoll – und spielte immerhin eine 92.
Der letzte Satz gehört dem Meister, der vor zwei Jahren verstarb: »Ich wollte reich und berühmt werden. Ich habe nur eines von beiden geschafft.«

2 Der Mann mit der Flugangst
Zu seinen besten Zeiten konnte niemand Jack Nicklaus besiegen. Höchstens einer, aber der hat es nie so richtig versuchen wollen. Billy Dunk war ein Spieler, von dem viele Experten behaupten, er hätte in allen Belangen den großen Nicklaus schlagen können. Warum Sie dennoch nie von ihm gehört haben? Er war Australier, hatte entsetzliche Flugangst und spielte zudem nie bei schlechtem Wetter. In seiner Heimat siegte er in den Sechziger- und Siebzigerjahren bei mehr als 100 Turnieren und bei fünf Australian PGA Championships, außerdem brach er mehr als 80 Platz rekorde. Allenfalls im benachbarten Neuseeland spielte er das eine oder andere Turnier mit (und gewann); weiter in die Welt hinaus sollte es ihn in seiner aktiven Zeit nie verschlagen.
Wie so viele Exzentriker hatte er eine Menge Macken. So schnitt er sich vor bedeutenden Turnieren nie die Fingernägel, aus Angst, sein Gefühl beim Putten zu verlieren.

3 Säufer, Trinker, Superstar
Ja, man kann sich von Cheeseburgern ernähren und saufen und 60 Zigaretten am Tag rauchen und dennoch zu den besten Golfern der Welt gehören. Man kann sogar nebenbei eine Rockband gründen und Hits wie »All My Exes Wear Rolexes« schreiben. »Von dem, was ich abends trinke, wären andere eine Woche lang besoffen«, gehört noch zu den harmlosesten Sprüchen von John Daly, dem zweifachen Major-Sieger, dem Kettenraucher, dem Weitenjäger der PGA Tour, dem On-and-Off-Alkoholiker, dem Sieger der BMW Open in München 2001. Andererseits: Als es 1998 mal nicht so lief, ist Daly mit seinem Auto in den Wald gefahren und hat sich eine Schrotflinte an den Kopf gehalten. Sein Leben macht ihm manchmal keinen Spaß. Das ist ein Jammer, denn würde Daly weniger oft verkatert am ersten Tee stehen, hätte Tiger Woods einen echten Konkurrenten gehabt.
Auch Dalys Privatleben ist eine Aneinanderreihung von Katastrophen; die letzte seiner zahlreichen Ex-Frauen sitzt wegen Hehlerei im Gefängnis. Der Tiefpunkt seiner 18-jährigen Karriere: Im Januar 2009 wird er von der Tour suspendiert, weil er von der Polizei betrunken aufgelesen und in eine Ausnüchterungszelle gesperrt wird.
Ist Daly inzwischen auf dem richtigen Weg? Fast 40 Kilo hat er abgenommen, und am Bier nippt er höchstens noch. Sagt er jedenfalls. Aber man hat schon so viele Lippenbekenntnisse gehört, dass Skepsis bleibt. Leider.

4 Der Kriegsheld
Nie zuvor und nie danach sollte es einen Spieler wie Lloyd Mangrum geben. Niemand spielt mehr mit einer Zigarette im Mundwinkel, nicht einmal Daly. Kein Spieler außer ihm hat je einen Menschen getötet. Kein Spieler trägt mehr eine Pistole in der Tasche, auch auf dem Golfplatz. Mangrum war in die härtesten Schlachten des Zweiten Weltkrieges verwickelt. Bei der Invasion der Allierten in der Normandie war er der einzige Überlebende seines Platoons am Omaha Beach. Er bekam zwei Purple Hearts für seine Verwundungen am Bein, am Gesicht und an der Schulter verliehen. Seinen Kumpels erzählte er eine andere Geschichte über die Herkunft der Narben: »Ich stolperte über eine Whiskyflasche, als ich aus einem Pariser Puff türmen musste.« Als er mitten im Krieg das Angebot bekam, von der Front abgezogen zu werden, um den Offizieren Golf beizubringen, lehnte er, außer sich vor Wut, ab und wäre dem Boten der Nachricht beinahe an den Kragen gegangen. Nach dem Krieg gewann er eine US Open und 35 weitere Turniere. Drei weitere Majors verlor er im Stechen.
Einmal ging er mit Sam Snead in eine Bar und trat aus Versehen einem Gast auf den Fuß. Mangrum entschuldigte sich, doch der Gast beschimpfte ihn immer weiter. Mangrum hörte seelenruhig zu, nahm sich eine Flasche vom Tresen und schlug sie dem Mann ins Gesicht. Snead erinnerte sich später: »Das war der eindrucksvollste Schlag, den ich je von einem Golfer gesehen habe.« Mangrum verstarb 1973 mit 59 an einem Herzinfarkt. Seinem zwölften Herzinfarkt.

5 Der Gentleman
Roberto De Vicenzo war einer der beliebtesten Spieler seiner Zeit. Der Argentinier hatte einen exzellenten Schwung, gewann 1967 die British Open und weitere 230 Turniere weltweit. Beinahe hätte er 1968 auch das US Masters in Augusta gewonnen, das wichtigste aller Golfturniere. Am Schlusstag feierte er seinen 45. Geburtstag, und als er am ersten Loch zum Birdie einchippte, stimmte die Menge »Happy Birthday« an. Am Ende lieferte er eine blitzsaubere 65 ab und wartete auf Bob Goalby, der ein paar Löcher hinter ihm spielte und mit ihm in Führung lag. Plötzlich entdeckte De Vicenzos Spielpartner Tommy Aaron entsetzt, dass er dessen Spielkarte falsch geführt hatte: Er hatte ihm eine 4 statt einer Birdie-3 auf der 17 eingetragen. Augustas Fachleute brüteten stundenlang über den Regeln und suchten nach einem Schlupfloch. Allein: Es gab keines. Weil De Vicenzo schon unterschrieben hatte, war die Karte gültig. Statt ins Playoff gegen Goalby zu gehen, musste er sich mit dem zweiten Platz zufrieden geben.
Roberto De Vicenzo (»es war meine eigene Schuld«) ist drüber hinweg. Viel größere Probleme hat Bob Goalby bekommen: Journalisten wie Fans forderten immer wieder, er hätte das grüne Jackett – die Siegestrophäe bei den Masters – ablehnen und ein Play-off verlangen müssen. Bis heute erhält er anonyme Drohbriefe. Und De Vicenzo? Was für ein Gentleman: Er entschuldigte sich öffentlich bei Goalby für all die Probleme, die er ihm bereitet hatte.

6 Der Boxer
Joe Louis war einer der besten und beliebtesten Schwergewichtler aller Zeiten. Von 1937 bis 1949 hatte er den Weltmeistertitel inne. Er verlor nur einen Kampf – den gegen Max Schmeling. Sein Manager machte sein intensives Golftraining für die Niederlage gegen den deutschen Außenseiter verantwortlich. Denn tatsächlich war Louis golfbesessen. Nach der Niederlage gegen den Deutschen durfte er nur noch eine Stunde pro Tag Golf trainieren, den Rest der Zeit musste er beim Sparring schwitzen.
Nach seiner Boxkarriere spielte er oft mit anderen Prominenten wie Bing Crosby, Bob Hope und Frank Sinatra, doch am liebsten ging er mit Kumpels auf Reisen. Er war ein begeisterter Zocker und überaus großzügig (er zahlte seiner gesamten Entourage alle Reisespesen), allerdings verlor er mehr, als er einnahm. Das schien in den ersten Jahren kein Problem zu sein, aber irgendwann wurde das Geld knapper.
Es herrschte immer noch Rassentrennung, auch und gerade im Golf. Schwarze durften in den Vierziger- und Fünfzigerjahren nur auf öffentlichen Plätzen spielen, doch Louis ließ sich in seiner Leidenschaft nicht beirren. Er wollte unbedingt die »Negro National« gewinnen, das wichtigste Amateurturnier des Landes. Nach mehreren Anläufen gelang es ihm 1951 schließlich. »Das war der einzige Titel, den ich wirklich erringen wollte!«, sagte er später.
Als er 1952 eine Einladung zum regulären PGA-Turnier der San Diego Open erhielt, gab PGA-Chef Horton Smith sein Veto. Nur Weiße dürften antreten – kein Ruhmesblatt in der Golfgeschichte. Doch Louis bestand auf seinem Startrecht, und unter öffentlichem Druck gab die PGA schließlich nach. 1961 endlich strichen die Verantwortlichen die »No Negro«-Regel, auch ein Verdienst des »Braunen Bombers«, der viel lieber als Golfer denn als Boxer Karriere gemacht hätte.

7 Der Autist
Moe Norman hatte den ungewöhnlichsten und zugleich wohl effektivsten Golfschwung der Welt. Er hätte der beste Golfer der Sechziger- und Siebzigerjahre werden können. Leider hatte er schwerwiegende mentale Probleme. Möglicherweise litt er unter einer Form von Autismus und war dazu außergewöhnlich schüchtern. Er kam aus bettelarmen Verhältnissen, zog sich schäbig an und wusch sich eher unregelmäßig, hatte nie eine einzige Stunde Golfunterricht und soll Turniere absichtlich verloren haben, um nicht die Siegerrede halten zu müssen. Bis zu seinem Tod hatte er weder ein Telefon noch ein Konto, geschweige denn eine Lebenspartnerin. »Ich hatte zwei Mal in meinem Leben ein Date«, sagte er. »Und beide Male mochte ich die Situation nicht.« Bis zwei Jahre vor seinem Tod war er nie bei einem Arzt. Sein Tagesablauf war auf die Minute verplant. Er spielte schneller als jeder andere Golfer und machte sich nicht einmal die Mühe, die Putt-Linie zu lesen. Die extrem langsame Spielgeschwindigkeit auf der Profi-Tour war ihm ein Gräuel.
Der Schwung des 2004 verstorbenen Kanadiers sorgt noch heute für Diskus-sionsstoff unter Golflehrern, denn eigentlich machte er alles falsch: Er hielt den Schläger in der Handfläche statt in den Fingern; er stand breitbeinig statt schulterbreit am Ball; beim Ansprechen ruhte sein Schlägerkopf nicht direkt hinter dem Ball, sondern gegenüber vom rechten Fuß, fast einen halben Meter hinter der weißen Kugel. Dennoch konnte er den Ball gerade schlagen wie niemand sonst. Einmal, bei einer Proberunde vor einem Turnier, machten sich die Reporter über sein mäßiges Putten lustig. »Heute putte ich nicht«, sagte Norman, als er am ersten Loch stand, einem 200-Meter-Par 3. Er zog ein Holz aus dem Bag und schlug ein Ass – eines von 17 in seiner Karriere. »Es ist absolut beängstigend, wie gerade er den Ball schlägt«, bestätigte selbst Tiger Woods. »Der Ball bewegt sich kein Stück nach links oder rechts.«
Moes berühmtester Spruch: »Ich wünschte, sie würden mal ein Turnier bei Nacht veranstalten.« Alle anderen müssten nämlich dann die Bälle suchen, nur Norman läge stets in der Mitte der Fairways…

8 Der Milliardär
Er war überzeugt davon, ohne Golf zu sterben. Wurde John D. Rockefeller deswegen so alt? Der seinerzeit reichste Mann der Welt und der erste Dollarmilliardär in der Geschichte war vom Golf völlig besessen. Auf jedem seiner Anwesen ließ er Plätze anlegen, und er ließ seinen Schwung als erster Golfer überhaupt mit Hilfe von Kameras aufnehmen – obwohl das Kino mal so gerade eben erfunden worden war.
Der Besitzer von Standard Oil kam erst mit Mitte 50 zum Golf. Er hielt viel von einem geregelten Tagesablauf. Pünktlich um 10.15 Uhr teete er auf. Er hatte mehrere Caddies dabei, von denen einer nur die Aufgabe hatte, seinen Herrn vor jedem Schwung zu erinnern: »Mr. Rockefeller, lassen Sie den Kopf unten.« Ein anderer Caddie musste mit einem Crocket-Schläger den rechten Fuß des Exzentrikers auf den Boden drücken, der sich beim Drive viel zu schnell hob. Im hohen Alter setzte sich Rockefeller aufs Fahrrad (Golf-Carts gab es noch nicht), aber trat nicht in die Pedale, um keine wertvolle Energie zu verschwenden. Die Caddies schoben ihn an, was doch ein ziemlich groteskes Bild abgegeben haben muss.
Seine Kontobelege beweisen, dass er in einem Jahr 500.000 Dollar für Golf ausgegeben hat – nach heutigem Wert gut und gern zehn Millionen Dollar. Das ist umso erstaunlicher, da er in allen anderen Dingen ein unfassbarer Geizhals war, der nicht einmal im Winter sein Schlafzimmer heizen ließ.
Weil er sich völlig sicher war, dass Golf sein Leben verlängern würde (er hatte das unerbittliche Ziel, 100 Jahre alt zu werden), ließ er meteorologische Daten von allen seinen Anwesen führen, um zu wissen, wann er wo sein musste, um ja keinen Golftag dem schlechten Wetter opfern zu müssen. In Westchester erwischte ihn dann doch einmal ein Schneetag. Trotzdem ließ er den Pro rufen. »Spielen wir eine Runde?« fragte Rockefeller. »Sir, der ganze Platz ist eingeschneit«, antwortete der Pro. »Jetzt nicht mehr«, antwortete der Milliardär. Und tatsächlich: Als die beiden zum Club kamen, leuchtete die Spielbahnen in sattem Grün. Rockefeller hatte den gesamten Platz – Fairways, Bunker, das Rough, die Grüns – von seinen Angestellten freischaufeln lassen…
Schaffte John D. Rockefeller sein Ziel, die 100? Nicht ganz: Er starb 1937 mit 98 Jahren. Bis zu seinem 91. Lebensjahr spielte er Golf.
Zusätzliche Informationen und Links
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