Von wegen Dolce Vita: Italien produziert erstaunlich gute Spieler – kann die mediterrane Herangehensweise ein Vorbild sein?
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Golf Grandezza
Von Stefan Maiwald.
Francesco und Edoardo Molinari haben keinen überragenden Ryder Cup gespielt. Francesco erkämpfte immerhin am Sonntag an der 18 einen psychologisch enorm wichtigen halben Punkt im letzten Vierball-Match und hielt am Montag im Einzel gegen Tiger Woods lange mit, bevor Tiger Woods wieder zu Tiger Woods wurde und Birdies und Eagles regnen ließ. Und Edoardo hatte Rickie Fowler im Griff, bis der Amerikaner vier Birdies in Folge spielte und lange Putts an der 17 und 18 zum Unentschieden versenkte. Aber darum soll es hier gar nicht gehen: Das Erstaunliche ist, dass überhaupt zwei Italiener beim Ryder Cup antraten – und nach den Engländern und mit den Nordiren das größte Länderkontingent stellten. Dazu Matteo Manassero, bei dem einem ohnehin fast die Superlative ausgehen: Das 17-jährige Wunderkind gewann die prestigereiche British Amateur Championship 2009 und war jeweils der beste Amateur bei der British Open 2009 sowie beim US Masters 2010. Und jetzt der ganz große Triumph: Beim Castelló Masters in Spanien gewann er gerade als jüngster Spieler aller Zeiten auf der European Tour. Und in der Amateur-Weltrangliste stehen derzeit mit Andrea Pavan und Nino Bertasio zwei Italiener unter den besten 30 (und nur ein Engländer – aber kein Deutscher).
Dabei ist Italien ein Golfwinzling. Gerade 100.000 der 60 Mil lionen Einwohner sind in einem Club eingeschrieben, doch selbst diese Zahl ist geschönt, denn darunter befinden sich viele Karteileichen, Zweit- und Fernmitglieder. Italien hat kein ausgeklügeltes Fördersystem für gute Spieler, keine echten Kader und keine Programme à la »Golf Team Germany«.
Was ist also das Erfolgsrezept des italienischen Profi-Booms? »Das fragen wir uns auch manchmal«, lacht Filippo Barbé. Der Professional aus Rom ist verantwortlich für die Arbeit mit jungen Talenten und hat die Molinari-Brüder ebenso betreut wie Matteo Manassero. »Natürlich ist Glück dabei. Ein Manassero ist wie ein Martin Kaymer oder ein Rory McIlroy eine Ausnahmeerscheinung, die es nur alle 50 Jahre gibt.«
Aber in der Seltenheit liegt auch eine Chance. »Wir haben so wenige Talente, dass wir uns um die paar von ihnen besonders liebevoll kümmern«, sagt Barbé. In der Scuola Nazionale di Golf in der Nähe von Rom, der Ausbildungsstätte der PGA-Golflehrer, wird seit Jahrzehnten Wert auf Jugendarbeit gelegt. Dabei üben die angehenden Pros schon in der Ausbildung mit ganzen Schulklassen, denn Kinder erfordern eine andere Didaktik. »Wir versuchen zwar, dem Nachwuchs die Grundlage des Sports zu vermitteln. Aber dabei vergessen wir nicht, dass sie Kinder sind. Sie sollen Spaß am Golf haben. Sie sollen Lust am Trainieren bekommen.« Und das gilt auch für die Kinder und Jugendlichen, deren Begabung vielversprechend ist.
Die Scuola Nazionale ist der Stolz der italienischen Golfwelt. Hat Italien vielleicht besser ausgebildete Teaching-Pros? Technisch gesehen sicher nicht, die Ausbildungsinhalte unterscheiden sich kaum von denen der anderen europäischen PGAs. Doch eines fällt auf: Die italienischen Aspiranten müssen schon aufgrund des strengen Auswahlverfahrens einen ordentlichen Ball schlagen können, denn die Zulassung zum Golflehrer ist knüppelhart. Nur wer seine Spielstärke bei einem viertägigen Turnier unter Beweis stellt, wird überhaupt zur Ausbildung zugelassen. Dieses Turnier findet nur einmal im Jahr in Le Querce vor den Toren Roms statt, dem anerkannt schwersten Platz Italiens (Par 72, CR 73,8, Slope 145). Der Course wird von Weiß gespielt und mit kniffligen Fahnenpositionen sowie blitzschnellen Grüns versehen, und einen Ziel-Score gibt es über die vier Runden nicht, sondern im Gegenteil einen rigiden Cut: Im Jahr 2010 beispielsweise dürfen nur die besten neun (!) von 100 antretenden Spielern die Ausbildung zum Pro beginnen. Selbst Spieler im Plus-Bereich können sich unter diesem immensen Druck nicht sicher fühlen. Zum Vergleich: In Deutschland können angehende Golflehrer ihre Ausbildung auch ohne bestandenen Spielstärke- oder »Playing Ability«-Test (PAT) beginnen, wenn sie mindestens Handicap -6 haben; sie bekommen im Verlauf der dreijährigen Lehrzeit insgesamt zwölf Versuche für den PAT, der über zwei Runden geht, und es gibt einen Ziel-Score (meist sechs Schläge über Par pro Runde). Wer alle zwölf Versuche vergeigt, kann noch ein Jahr lang weitere PATs ablegen. Und bis vor wenigen Jahren reichten für die Einreichung des Scores in Deutschland sogar noch normale Clubturniere.

• Franceso Molinari: 1 Sieg auf der European Tour, 8 Top-Ten-Platzierungen 2010, aktueller World-Cup-Sieger mit Bruder Edoardo
• Edoardo Molinari: US Amateur Champion 2005 (der erste Europäer seit 1911), fünf (!) Siege auf der Challenge Tour 2009 und Geldranglistengewinner, zwei Siege auf der European Tour 2010
• Matteo Manassero: British Amateur Champion 2009 als jüngster Spieler aller Zeiten (16 Jahre), bester Amateur British Open 2009 (T-13), bester Amateur US Masters 2010 (T-36). Bei beiden Majors schaffte er als jüngster Spieler überhaupt den Cut. Als Neu-Pro 2010: 1. Platz Castelló Masters (jüngster ET-Sieger aller Zeiten), 3. Platz Omega European Masters
• Andrea Pavan: Platz 5 der Amateur-Weltrangliste
• Nino Bertasio: Platz 24 der Amateur-Weltrangliste
Italienische Coaches sind (oder waren) daher sehr oft gute Spieler. Ist das möglicherweise ein Vorteil? Die Diskussion darüber ist so alt, wie es Golflehrer gibt. Ein Blick auf den Unterricht in Italien zeigt in jedem Fall, dass Technik nicht im Vordergrund steht. Videoanalysen sind auch bei Leistungsspielern ganz selten; es zählt, was auf dem Platz passiert, wie der Ball fliegt und mit welchem Ergebnis der Schüler ins Clubhaus kommt. Nicht nur im Hochleistungsbereich wird so gearbeitet: Auch mit Clubspielern gehen viele Teaching-Pros lieber auf die Runde statt auf die Range – Motto: Im Golf geht es nicht um einen schönen Schwung, sondern um ein schönes Ergebnis. Eine speziell italienische Eigenheit: Pro Jahr finden bis zu 50 Pro-Ams statt, und fast alle Golflehrer nehmen an fünf bis zehn dieser Turniere teil. Im Schlepptau: drei ihrer Schüler, mal niedrige und mal hohe Handicaps. Gibt es eine bessere Möglichkeit, auf dem Platz das Scoren zu lernen und sich etwas abzuschauen? Selbst ehemalige Tour-Sieger wie Emanuele Canonica und sogar Altmeister Costantino Rocca treten bei diesen Turnieren gern an.
Die deutsche Golfwelt ist voller Übungsreihen und Leistungstests. So sollen bei guten Spielern Schwächen perfekt analysiert werden. Sechs Bälle aus zwei Metern putten, sechs Bälle aus tiefem Rough vom Grünrand zum Loch chippen etc. Diese Methodik ist den Italienern völlig fremd. Simpel gesprochen: Gute Spieler holen sich, wenn sie nicht auf dem Platz spielen, eimerweise Bälle und trainieren nach Bauchgefühl. Und ob Übungsreihen wie der »Tucker-Test« oder die diversen »Pelz-Tests« wirklich Schwächen aufweisen und beim Trainieren nützen, ist noch die Frage, denn sie simulieren keine Drucksituation auf dem Platz. Auch Equipment-Fetischismus ist in Italien unbekannt. Die Molinari-Brüder haben ihr erstes Driver-Fitting am Launch-Monitor bekommen, als sie schon das Fabel-Handicap von +4 hatten.
Doch blasen wir die Story nicht allzu groß auf. Italien ist kein Golf-Mekka, und nur weil momentan ein paar gute Spieler von dort kommen, muss man nicht alles in Frage stellen, was woanders passiert. Auch Costantino Rocca, der beim Ryder Cup aus Ergriffenheit minutenlang weinte, bremst die Euphorie. »Es ist ganz wunderbar, dass das italienische Golf sich so gut präsentiert, und die Erfolge sind großartig. Aber wir sind, was öffentliche Plätze angeht, immer noch fünf bis zehn Jahre hinter anderen Ländern zurück. Golf ist zu elitär.« Nebenbei: 13 Jahre ist es her, dass Tiger Woods sein letztes Einzel im Ryder Cup verlor – mit 4 auf 2 gegen Costantino Rocca.
Wenn aber eine Nation, die nur mit einem Fünftel oder einem Zehntel der deutschen (oder schwedischen oder französischen) Ressourcen und Finanzmittel auskommen muss, eine Handvoll echter Spitzenspieler produziert, dann darf man zumindest mal verstohlen über die Alpen schauen. An Franzosen, Spanier und Skandinavier hatte man sich ja schon gewöhnt, aber dass nun auch gute Golfer aus einem Land kommen, das mit weniger Aktiven als Österreich aufwartet, ist beachtenswert.
Noch ein Aspekt: Talentierte Spieler werden bis weit in ihre Profi-Zeit hinein betreut; dafür sorgen schon die Kollegen. Italienische Jung-Pros sind auf den Satelliten-Touren nicht allein, sondern bewegen sich in einem stabilen, freundschaftlichen Umfeld. Alte Hasen helfen den Novizen, ähnlich wie es die Franzosen und die Spanier machen, die während der Turniere im selben Hotel absteigen und abends in großer Runde essen gehen – und Siege gemeinsam zelebrieren, als hätten sie alle gewonnen. Hier greift das kommunikative Wesen der Südländer. Könnte das der Knackpunkt im deutschen System sein? »Als Profi ist es ein anderes Leben«, erzählt Alex Cejka. »Viele meinen, wenn sie Handicap +3 haben und gute Amateure auf den einfachen Plätzen hier in Deutschland sind, dann klappt es schon. Es gibt nur wenige, die es auch mental schaffen.« Martin Kaymer übrigens hat sich der spanischen Clique angeschlossen – Longhitter Alvaro Quiros ist sein bester Freund auf der Tour. Andere deutsche Jung-Pros, die zum ersten Mal auf der Challenge Tour oder gar der European Tour antreten, wirken »hilflos«, wie ein Insider berichtet. »Ich habe erlebt, dass sich ein deutscher Spieler mit viel Mühe und Geld ein Hotelzimmer in Dubai organisiert hat und gar nicht wusste, dass alle Spieler in einem anderen Hotel gratis untergebracht sind – er hätte halt nur mal jemanden fragen müssen.« Es sind diese Kleinigkeiten, die in einem ohnehin von Reise- und Wettkampfstress ausgefülltem Leben zusätzlich schlauchen.
Apropos: Was ist mit der mentalen Stärke? »Auf den ersten Blick scheint die italienische Mentalität im Golf ein Nachteil«, so Barbé. »Wir sind ja sehr emotionale Menschen, und viele Golfpsychologen befürworten eher ein unterkühltes Auftreten. Doch das stimmt wohl nicht ganz: Emotionen, in die richtigen Bahnen gelenkt, können sehr hilfreich sein.« Von Severiano Ballesteros bis Tiger Woods – Leidenschaft hilft zweifellos bei Höchstleistungen, und möglicherweise hat die aktuelle italienische Spielergeneration genau die richtige Balance gefunden zwischen passionierter Teilnahme und coolem Abwägen. Nervenstark, emotional engagiert und feierfreudig – aus dieser Mixtur ziehen auch spanische Dauerbrenner wie Miguel Angel Jiménez ihre Kraft.
Natürlich sind das alles nur Erklärungsversuche. Denn manchmal sind Talente einfach da. (Wo kamen zum Beispiel Boris Becker und Steffi Graf auf einmal her?) Vielleicht zeigt das italienische Modell aber dennoch ein paar interessante Aspekte für die deutsche Profi-Förderung auf. Der sensationelle Aufstieg von Martin Kaymer kann schließlich nicht verschleiern, dass Deutschland im Leistungsgolf im europäischen Vergleich immer noch hinterherhinkt.
Zusätzliche Informationen und Links
Equipment: Fairway-Hölzer & Hybrids 2012 im Test +++ Bubba Watson: Der Drive des Champions +++ British Columbia: Traumhafte Kulisse in den Rocky Mountains +++ Fussball: Das GJ-Spezial zur Europameisterschaft +++ Golf & Medizin: Die Voltaren-Golfer +++ Gewinnspiel: Mit Lufthansa Business Class nach Berlin +++ Szene: Die Spielstärke der deutschen Golfer +++ u.v.m.






