Das berühmteste Golfturnier der Welt wird 150. Eine Würdigung
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The Open Championship
Von Stefan Maiwald.
Der Wind wehte nur mäßig, und die Wellen der Irischen See warfen sich eher gelangweilt an die schottische Westküste. Am ersten Tee des Golfplatzes von Prestwick standen acht Golfer versammelt, von denen vermutlich keiner ahnte, dass sie drauf und dran waren, Sportgeschichte zu schreiben. Im Gegenteil: Es darf angenommen werden, dass die Professionals, die damals ihr Geld ausschließlich mit sogenannten Money Matches verdienten, eher widerwillig angetreten waren, um an diesem 17. Oktober 1860 ihren Champion auszuspielen. Drei Runden an einem Tag waren auf dem Zwölf-Löcher-Platz angesetzt, und der Gewinner sollte nicht einmal ein Preisgeld bekommen, sondern lediglich einen nur mäßig hübschen Gürtel aus rotem Leder mit silberner Schnalle.
Old Tom Morris aus St. Andrews galt als Favorit, schließlich hatte er den Platz entworfen und war außerdem der hiesige Clubprofessional (offizieller Titel: »Keeper of the Green, Ball and Club Maker«). Doch an jenem Tag war Willie Park Senior besser. Er benötigte 174 Schläge auf den 36 Löchern, zwei weniger als der mächtige Morris. Park wurde der erste Open-Champion.
Den Zeitungen war Parks Sieg nur eine Randnotiz wert. Immerhin nahm man erstaunt zur Kenntnis, dass Tom Morris verloren hatte, denn der war auch schon zur damaligen Zeit eine Berühmtheit. Möglicherweise entfachte erst Morris’ Niederlage ein gewisses Interesse an dem skurrilen Zusammentreffen in Prestwick. Im Jahr darauf fand die zweite Open Championship statt. Diesmal waren 18 Spieler am Start, zehn Professionals und acht Amateure. Die Scores sind nur bruchstückhaft überliefert, aber nun setzte sich der Favorit durch: Morris gewann mit vier Schlägen Vorsprung vor Park.
Überhaupt ist die frühe Geschichte der British Open die Geschichte zweier großer Golfdynastien: Auf der einen Seite Old Tom Morris und sein Sohn Young Tom Morris (acht Titel), auf der anderen Seite Willie Park mit Bruder Mungo und Sohn Willie Park Junior (sieben Titel). Vater und Sohn Morris waren die ersten Superstars der Golfwelt. Der Sohn siegte bei der Open 1868, 1869, 1870 und 1872 (1871 fand kein Turnier statt). Bis heute konnte niemand den Titel vier Mal hintereinander gewinnen. 1868, als 18-Jähriger, schlug der junge Tom das erste Ass der Open-Geschichte an Loch 8 von Prestwick, und 1869 wurde der Vater hinter dem Sohn Zweiter. Nach seinem Titel-Hattrick durfte der Junior den Championship-Gürtel behalten; 1872 stemmte er, wenn auch mit ein paar Wochen Verspätung, das erste Mal die Claret Jug in die Höhe, die berühmte Silberkanne (siehe Kasten).
Allmählich kam die Sache in Schwung, vor allem, nachdem die Open 1873 erstmals in St. Andrews ausgespielt wurden, einer auch im 19. Jahrhundert bereits golfverrückten Stadt. Die besten Golfer des Landes, alle bei einem Turnier gegeneinander, eine echte Meisterschaft: Wie bei so vielen großen Ideen fragt man sich hinterher, warum denn niemand bloß früher darauf gekommen war. Die Zuschauerzahlen sind nicht überliefert, aber nach historischen Fotografien kann geschätzt werden, dass zumindest ab etwa 1875 zehntausende Golffans zur Championship pilgerten; sicher auch ein Verdienst der Strahlkraft von Old und Young Tom Morris. Allmählich stieg das Preisgeld: Seit 1864 gab es für den Sieger sechs Pfund, selbst nach damaliger Kaufkraft ein karger Lohn. Ab 1876 kletterte der Siegerscheck auf 10, 1893 auf 30 Pfund. Viel Geld war das immer noch nicht, aber der Sieger konnte seinen Titel stets bei anschließenden Schauauftritten versilbern. Ein Open-Champion durfte auf hohe Antrittsprämien hoffen.
Erst 1907 triumphierte mit dem Franzosen Arnaud Massy der erste Nicht-Brite, 1921 konnte Jock Hutchison als erster US-Amerikaner den Titel gewinnen. Im Jahr darauf wurde in Royal Liverpool mit Walter Hagen der erste Star der neuen Ära zum Open-Champion gekürt. Hagen und Bobby Jones dominierten den Golfsport nicht nur in den USA, sondern auch in Britannien und gewannen in den folgenden Jahren sieben Open-Titel diesseits des Atlantiks.
Bobby Jones, der Gentleman-Golfer, sollte sogar zum Ehrenbürger von St. Andrews werden, dabei begann sein Open-Abenteuer auf dem ganz falschen Fuß: Bei seiner ersten Teilnahme auf dem Old Course nahm er wutentbrannt an Loch 12 seinen Ball auf, warf die Scorekarte weg und stapfte ins Clubhaus. Die britische Presse zerriss den »Schnösel aus Übersee«. Erst allmählich verliebte sich Bobby Jones in Links-Golf, und bald wurde er zum populärsten Spieler seit Old Tom Morris. Als er einmal unangekündigt auf dem Old Course spielte, sprach sich die Neuigkeit in Minutenschnelle in der Stadt herum, und schon an Bahn 2 applaudierten ihm tausende ergebene Fans. Jones bedankte sich viel später auf anrührende Weise. Bei seiner Rede zum Erhalt der Ehrenbürger-Würde sagte er einen Satz, der Golfgeschichte schrieb: »Selbst wenn man mir mein gesamtes Leben wegnähme und mir nur die Zeit in St. Andrews ließe, hätte ich dennoch ein erfülltes Leben gehabt.«
Doch die Open geriet nach dem Zweiten Weltkrieg in arge Schwierigkeiten. Mit dem Golfboom in Amerika verlor die Open zusehends an Bedeutung. Sie galt als überholtes Turnier einer rückständigen Nation, gespielt auf merkwürdig ungepflegten Plätzen, die doch nun wirklich nicht mit all den makellosen Courses in der neuen Welt mithalten konnten. Wegen der Kriegswirren lag zudem die britische Infrastruktur am Boden – die Sieger durften sich nicht über ein Wirtschaftswunder wie die Besiegten freuen. Die Hotels waren zugige Bauernkaten mit verwanzten Betten und Plumpsklo im Hof, und bis weit in die Fünfzigerjahre hinein war sogar noch das Essen rationiert; das war nichts für die Söhne einer prosperierenden Nation wie den USA. Noch Ben Hogan gestand, die Open nur für die Geschichtsbücher mitgespielt zu haben, er wolle bloß nicht in diesen unwirtlichen Ort namens Carnoustie zurückkehren, wo es seinerzeit kein einziges Hotel gab. Dazu kam eine verwirrende Regelschere: In Europa wurde seinerzeit mit kleineren Bällen als in den USA gespielt. Die US-Profis mussten sich extra für die Open an das neue Equipment gewöhnen – zu mühsam und aufwendig für die meisten.
Tatsächlich blieben viele US-Stars der Open fern, was natürlich auch der beschwerlichen Anreise über den Atlantik per Schiff geschuldet war. Dass das Turnier nicht vollends an Bedeutung verlor, ist Arnold Palmer zu verdanken. Er entschied sich gegen seine Berater, die ihn drängten, in den USA zu bleiben, und nahm klaglos die beschwerliche Schiffspassage auf sich. Er spielte die Open 1960 in St. Andrews und verlor um einen Schlag. »Ich komme zurück, bis ich dieses Turnier gewinne«, versprach er anschließend. Im darauffolgenden Jahr in Royal Birkdale klappte es. Palmer begeisterte die Menge mit seinem aggressiven, furchtlosen Spiel, und auch auf seine Kollegen hatte er eine ungeheure Signalwirkung. Ein Jahr später verteidigte Palmer die Claret Jug, und diesmal waren Stars wie Sam Snead und Gene Littler ebenfalls nach Großbritannien gereist. Endlich erkannte selbst die US-Presse die Open als Major-Turnier an. Es ist wohl nicht übertrieben: Arnold Palmer hat quasi im Alleingang die Open wieder zu einem der wichtigsten Golfturniere gemacht. Spätestens Mitte der Sechzigerjahre versammelten sich wieder die besten Spieler der Welt an den windigen britischen Küstenorten und sorgten dafür, dass die Championship nicht zu einem belächelten Nostalgie-Turnier abrutschte. Die nun regelmäßigen und bezahlbaren Flugverbindungen zwischen Europa und den USA waren sicher auch ein hilfreiches Argument.
Das »Duel in the Sun« 1977 zwischen Tom Watson und Jack Nicklaus in Turnberry gehört zur denkwürdigsten und dramatischsten Schlussrunde der Major-Geschichte. Bei fast 30 Grad und Windstille fochten Tom Watson und Jack Nicklaus ein Privatduell um den Sieg aus, das den Zuschauern Golf vom anderen Stern bescherte. Nicklaus führte bis zur 15 mit einem Schlag, dann versenkte Watson einen 22-Meter-Putt zum Birdie. An der 17 ließ er ein weiteres Birdie folgen, und an der 18 nagelte er ein Eisen 7 60 Zentimeter an den Stock. Doch auch Nicklaus hatte einen Birdie-Putt aus 15 Metern – und versenkte ihn. Watson blieb cool, versenkte seinerseits den Putt und schlug mit seinen Schlussrunden von 65 und 65 den großen Nicklaus um einen Schlag. Die Duellanten verließen Arm in Arm das Grün. Der drittplatzierte Hubert Green, elf Schläge zurück, sagte später: »Ich habe die Open Championship gewonnen. Diese beiden haben ein völlig anderes Turnier gespielt.«
Aus deutscher Sicht ist die Geschichte der Open eine Leidensgeschichte. Deutschland stellt keinen einzigen Gewinner in 150 Jahren, obwohl Bernhard Langer, Alex Cejka und einmal sogar Tino Schuster das Turnier zwischenzeitlich anführten. Bernhard Langer gestand einmal, dass die Open sein Lieblingsturnier seien. Er hatte auch viel mehr Siegchancen gehabt als beim Masters. Zwei Mal wurde er Zweiter und vier Mal Dritter. Selbst kurz vor seinem 48. Geburtstag schaffte er noch einmal den 5. Platz. »Wir hatten immer unglaubliches Pech«, erinnert sich Caddie Peter Coleman und meint vor allem die Wetterkapriolen in Royal St. George’s im Jahr 1985, die Langers Open-Sieg wortwörtlich verwehten. »Wir mussten lange Eisen in die Grüns schlagen, doch bei Sandy Lyle waren Wind und Wetter immer perfekt: Er hatte höchstens noch ein Eisen 8 in der Hand.«
Ausgerechnet in jenem Jahr ereignete sich ein Vorfall, den es wohl nur bei einem traditionsreichen britischen Turnier geben kann: Langer trug erstmals einen Pullover seines neuen Ausrüsters. Auf dem Rücken stand in Großbuchstaben der nicht sehr dezente Schriftzug »BOSS«. Der R&A und auch die BBC waren not amused und drohten damit, Langer im Wiederholungsfall von den Bildschirmen zu verbannen.
Die Jubliäums-Championship findet in St. Andrews statt, und eines ist sicher: An diesem historischen Ort siegen fast immer die ganz Großen. Jack Nicklaus und Tiger Woods gewannen zwei ihrer drei Open-Titel hier. Ein Zufall? Wohl kaum: Das »Home of Golf« ist eine zusätzliche Motivation. Und wir können uns entspannt zurücklehnen und genießen, wie vor unseren Augen ein weiteres Kapitel Golfgeschichte geschrieben wird.

Denkwürdige Open-Momente
1869: Young Tom Morris gewinnt die Open in Prestwick vor seinem Vater, der Zweiter wird.
1930: Bobby Jones gewinnt nach der British Amateur Championship auch die Open in St. Andrews und später im Jahr den Grand Slam.
1953: Ben Hogan zähmt bei seinem ersten und einzigen Auftritt in Schottland die Bestie von Carnoustie.
1961: Arnold Palmer gewinnt in Royal Birkdale und setzt ein Zeichen – die Open sind ein Major-Turnier.
1977: Beim »Duell unter der Sonne« setzt sich Tom Watson in Turnberry gegen Jack Nicklaus durch.
1999: Jean Van de Velde bricht trotz drei Schlägen Vorsprung auf der Schlussbahn von Carnoustie ein; die Open werden in verheerendem Wetter zum Überlebenstraining.
2007: Im Stechen setzt sich Padraig Harrington gegen Sergio Garcia durch und sorgt für den ersten Major-Triumph eines Europäers nach zehnjähriger Durststrecke.
2009: Tom Watson ist mit fast 60 Jahren nur einen Zwei-Meter-Putt von seinem sechsten Open-Sieg entfernt.
The Claret Jug
Die ersten Open-Sieger schmückten sich wie Boxer mit einem Championship-Gürtel aus rotem Leder mit silberner Schnalle. Als Young Tom Morris die Open zum dritten Mal hintereinander gewann, durfte er den Gürtel behalten; eine neue Trophäe musste her. Die Silberschmiede Mackay Cunningham & Company aus Edinburgh fertigte eine Kanne an. Kosten: 30 Pfund. Weil aber die Open 1872 erst in letzter Minute zustande kamen, wurde die Kanne nicht rechtzeitig zu Young Tom Morris’ vierten Sieg fertig – dennoch ist sein Name als erster eingraviert.
Kein Champion darf die Claret Jug länger als ein Jahr behalten; er muss das Original vor dem nächsten Open-Turnier zurückgeben und bekommt ein Replikat verliehen. Der Graveur muss fix arbeiten, denn der Open-Champion erhält die Silberkanne bereits bei der Siegerehrung mit seinem verewigten Namen. Eine beliebte Spekulation ist, wann die Gravurarbeiten in der Schlussrunde anfangen. So soll der Graveur 1999 angeblich bereits mit »Jean Van de Velde« begonnen haben, als der Franzose noch auf der Schlussbahn war. Und als Mark Calcavecchia 1989 die Open gewann, hat er als Erstes gesagt: »Wie um alles in der Welt wollen die meinen Namen auf das Ding bekommen?«
Die nächsten Open-Schauplätze
2011: Royal St. Georges, England
2012: Royal Lytham & St. Annes, England
2013: Muirfield, Schottland
2014: Royal Liverpool, England
Zusätzliche Informationen und Links
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