Publikumsliebling Tom Watson spielt seine siebte Open in St. Andrews und seine 33. insgesamt – nach dem Drama vom letzten Jahr hoffen die Fans auf Wiedergutmachung
Inhaltsbereich

Der König der Herzen
Von Katrin Baumann aus St. Andrews
Diese Augen. Tom Watson ist 60 Jahre alt, in sechs Wochen wird er 61, doch wenn er in Fahrt kommt, strahlen seine Augen noch immer wie die eines 20-Jährigen. »Ich freue mich wahnsinnig, mich dieser Herausforderung zu stellen, noch einmal in St. Andrews zu spielen«, erzählte der fünfmalige Open-Champion bei einer Pressekonferenz am Vorabend des einzigen Majors auf europäischem Boden. Und natürlich: Der Interviewraum im Medienzentrum war praktisch bis auf den letzten Stuhl gefüllt. Nach dem Drama im letzten Jahr in Turnberry, als Watson den bereits sicher geglaubten Triumph in allerletzter Sekunde Stewart Cink überlassen musste, wollte keiner den ersten Medienauftritt des Oldies aus Kansas City verpassen.
Turnberry 2009 – die Geschichte von Watson und den British Open 09 werden wohl einst noch unsere Enkelkinder ihren Enkelkindern, so sehr geht sie zu Herzen: Wie der damals 59-jährige, der älteste Spieler im Feld überhaupt, mit einem Schlag Vorsprung auf die letzte reguläre Spielbahn gegangen war und ihn 32 Jahre nach seinem ersten Triumph in Turnberry beim legendären »duel in the sun« gegen Jack Nicklaus nur noch ein einziges Par vom Sieg trennte. Wie wunderschön sein Abschlag auf dem Fairway gelandet war. Wie er es eigentlich schon geschafft hatte. Wie er dann zum Eisen 8 griff, wo das Eisen 9 eventuell die bessere Wahl gewesen wäre, und den Ball zwar perfekt traf, das verdammte kleine Ding aber übers Grün hinaus rollte. Wie er den Ball mit dem folgenden Schlag nur bis auf knapp drei Meter ans Ziel heranbrachte. Wie er vor diesem einen allesentscheidenden Putt stand, die monströse, bleischwere Last der möglichen Jahrhundert-Sensation auf den Schultern. Wie einige, die dabei waren, die Augen schlossen, wie einige beteten, wie einige einfach wegguckten. Und was dann geschah: Dass der Putt nicht fiel. Dass er ihn verpasste. Dass er es nicht schaffte.
Sensationeller als Ali…
Wäre dieser eine Putt gefallen, hätte Watson alles übertroffen, was bei den 137 vorangegangenen British Open vorgekommen war. Er war die Nummer 1.374 der Welt, als das Turnier startete. Die Wettbüros handelten ihn als 1:1.000-Außenseiter. Im Oktober erst hatte man ihm ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt, nachdem ihm »Socken anzuziehen fast schon zur olympischen Herausforderung geworden« war, wie er erzählte. Nein, kein Zweifel: In all diesen Jahren, seit Willie Park Senior 1860 die Open-Premiere gewonnen hatte, war nichts auch nur annähernd so Bedeutsames, so Unvorhergesehenes geschehen, nichts, was mit einem sechsten Triumph des großen alten Mannes des aktuellen Weltgolfs vergleichbar gewesen wäre. Dieser Triumph, er wäre sogar größer gewesen als jener von Ben Hogan bei den US-Open-Sieg 1950 16 Monate nach dem Autounfall, bei dem er fast gestorben wäre. Größer als der Erfolg des 46-jährigen Nicklaus beim Masters 1986. Größer als Tiger Woods‘ US-Open-Sieg 2000 mit 15 Schlägen Vorsprung, den Watson selbst das Eindrucksvollste nennt, was im Golf jemals passiert ist. Und sensationeller als Muhammad Alis Triumph über George Foreman, als Lance Armstrongs Tour-de-France-Siege nach der Krebserkrankung.
»Ehrlich gesagt, ist meine Form nicht so gut, wie sie es im letzten Jahr war«, meinte Watson bei seiner Pressekonferenz. Er hoffe, er werde es noch »bis zu diesem 90-Prozent-Gefühl« bringen, »bei dem ich neun von zehn Schlägen so spiele, wie ich es mir vorstelle«. In den letzten Tagen sei es eher ein »50- oder 60-Prozent-Gefühl« gewesen. Seine Ergebnisse in diesem Jahr allerdings sprechen für sich: Im Februar wurde Watson bei der Dubai Desert Classic brillanter Achter, im April zauberte er im Augusta National zum Masters-Auftakt eine für einen 60-Jährigen unglaubliche 67er-Runde ins Clubhaus und wurde am Ende 18., im Juni beendete er die US Open in Pebble Beach als 29. Dem einen Sieg in St. Andrews hinzuzufügen, das wäre »ziemlich cool«, sagte Watson. Dann lächelte er, und seine Augen strahlten.
Zusätzliche Informationen und Links
So werden Sie ein Schwungexpert – Tigers Schwungkrise: Fakten + Analysen / Nick Dogherty: 6 Tipps zum besseren Score / So schwingen die Besten: Geoff Ogilvy ... Langer hoch 2: Zwei Majors am Stück ... Arizona: Wüstengolf vor den Toren von Phoenix ... Equipment: Das Neuste von Ping / Der Mizuno-Tourtruck / Grooves: Hintergründe zur neuen Rillenregelung ... u.v.m.



















































































































































