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Auf dem Weg zur 0

Maiwalds Mission - Folge 50

Unser Autor will jetzt anfangen zu scoren.

Von Stefan Maiwald.

 

Ich bin mir nicht sicher, welches ausgeklügelte pädagogische Konzept unser Golf-Pro Gigi mit mir verfolgt. Letzte Woche erst nahm er mich zur Seite und sagte, einfach so: »Du musst jetzt wirklich langsam anfangen, beständig unter Par zu spielen. Welchen Sinn hat dein Bälleschlagen denn sonst?« Ich wusste nicht, ob ich das als Kompliment werten sollte oder ob er mir seine ganze Verachtung ins Gesicht werfen wollte – Verachtung dafür, dass ich so ziemlich jeden Morgen auf der Range stehe und doch so gar keine sichtbaren Fortschritte mache.

 

Und gestern blieb er bei mir stehen, als ich gerade auf der Range mein Holz 4 zückte, und sagte den schönen Satz »Fammi sognare«, grob übersetzt »Lass mich träumen«. Also sagte ich ihm ein Ziel an (Grünbunker von Bahn 5 auf dem Kurzplatz hinter der Range) und schlug zu. Der Ball senkte sich am Ende seiner Parabel in den Grünbunker von Bahn 5 auf dem Kurzplatz hinter der Range, und Gigi sagte: »Wenn ich so schwingen würde wie du, würde ich es auf der Tour versuchen.« Als ich, etwas konsterniert ob dieser völlig wahnsinnigen Aussage, halb ratlos und halb ungläubig ausschnaubte, rief er noch: »Glaub ja nicht, dass die Jungs so viel besser sind.«

 

Ein paar Boxen hinter mir stand einer unserer begabtesten Junioren, 17 Jahre alt. Ich drehte mich zu ihm um und sah ihm beim Schwingen zu und dachte: »Wenn ich so schwingen würde wie er, würde ich es auf der Tour versuchen.« Und ich nehme mal an, dass der Junior im selben Augenblick dachte: »Mist, in meinem Alter war Matteo Manassero schon Dreizehnter bei der British Open

 

Fassen wir zusammen: Gigi, 57, will so schwingen wie ich. Ich, 39, will so schwingen wie der Junior. Der Junior, 17, will so schwingen wie Matteo Manassero, 17. Egal, wie vermeintlich gut wir sind: Es gibt immer einen, der besser ist. Viel besser. Und meistens steht er ganz in der Nähe. Golfen lehrt uns Demut. Und ich selbst muss dabei gar nicht allzu weit schauen, sondern nur jeden Morgen im Büro von Golf Journal zur Kaffeemaschine gehen: Auf dem Weg dorthin komme ich an zwei Redakteuren vorbei, die jederzeit in der Lage wären, mich wegzuputzen, und zwar zur Not einhändig.

 

Das kann nur bedeuten, dass wir uns nicht einfach so viel Druck machen sollten. Wir müssten Golf genießen als einen angenehmen, befreienden Spaziergang in der Natur, als gediegenen Zeitvertreib unter Freunden ohne Stress.

 

Sie glauben mir nicht, oder? Ich mir auch nicht. Natürlich steckt in uns allen der Wunsch, möglichst gut zu spielen – sogar besser, als wir es je bei rationalem Überlegen erwarten dürfen. Aber die Ratio hat beim Golfen nichts zu suchen, und deswegen glaube ich weiterhin an mein Ziel. Am Freitag erst kam ich bei zwei unter Par auf die 18, es lief sensationell. Dann schaffte ich tatsächlich noch ein Doppelbogey auf dem abschließenden Par 4, obwohl ich mit dem zweiten Schlag nur 100 Meter ins Grün hatte. Gestern wollte ich die Sache besser machen. Ich kam mit zwei über Par an die 18, spekulierte auf ein Birdie und legte ein Bogey drauf.

 

Egal, die beiden Runden haben meiner Illusion neue Nahrung gegeben, denn es waren ein paar vernünftige Schläge dabei. Ich erinnerte mich an eine Anekdote vom jungen Gary Player, der einmal Ben Hogan gegenüberstand, dem wortkargen Texaner. »Trainierst du genug, Junge?« fragte Hogan streng. Player artig: »Ja, Sir.« Hogan: »Verdopple dein Pensum.«

 

Ab morgen mache ich mein Golf zum Fulltime-Job. Vorschläge, wie ich das meiner Familie erklären kann, sind jederzeit willkommen.