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Auf dem Weg zur 0

Maiwalds Mission - Folge 46

Unser Autor hat – mal wieder – das Geheimnis großartigen Golfs entdeckt und schließt sich gern dem Wunsch an, Martin Kaymer zu lieben.

Von Stefan Maiwald


Ja, ich habe es geschafft: Ich habe das Geheimnis guten Golfs gefunden, ganz plötzlich, und ich war dermaßen euphorisch, dass ich auf der Range am liebsten von Abschlagsmatte zu Abschlagsmatte gelaufen wäre, um jedem davon zu berichten.

Also, die golfende Menschheit ist sich ja einig, dass die Hände im Treffmoment vor den Ball gehören. Kein guter Golfer löffelt, was im Umkehrschluss bedeutet, dass 99 Prozent von uns genau das tut, mal mehr und mal weniger. Es gibt tausende Tipps und Drills, dieses Löffeln abzustellen, und ich glaube, ich habe sie alle ausprobiert. Nachdem auch Tipp Nummer 1.001 nicht fruchtete, erinnerte ich mich daran, dass praktisch jeder Star-Coach im Internet sagte, man solle auf keinen Fall versuchen, den spitzen Winkel zwischen linkem Arm und Schläger bewusst durch den Treffmoment zu halten, denn das sei der direkte Weg ins Desaster. Aber was hatte ich schon noch zu verlieren? Also bemühte ich mich einfach mal, jenen Winkel ganz dreist zu halten. Und – zack!, anders als mit Comicsprache vermag ich es nicht zu beschreiben – , flog der Rangeball mit dem Eisen 7 kniehoch 140 Meter weit und verbiss sich im Rasen. Ich war wie benommen vor Glück. Ließ sich dieses Wunder reproduzieren? Es ließ sich. Drei, vier Mal hintereinander. Dabei sagten doch alle, man soll auf keinen Fall… naja, aber es ist wie im Horrorfilm: Auch wenn das ganze Kino ruft »Geh nicht in den Keller, geh nicht in den Keller«, geht der Schauspieler doch die dunkle Treppe hinab. Und manchmal kommt er sogar lebend wieder hoch und hat die Bestie besiegt.

Für mich funktionierte also dieser Antitipp. Vielleicht funktioniert er auch für Sie?

Sie kennen allerdings mich und diese Kolumne gut genug, als dass nicht doch noch ein Dämpfer am Ende wartet. Wenn Sie die letzten zwei Wochen nicht in Isolationshaft oder auf einer Weltraummission verbracht haben, ist Ihnen ja nicht entgangen, dass Martin Kaymer ein Major-Turnier gewonnen hat. Die meisten internationalen Golfexperten waren in den Tagen danach damit beschäftigt, die zugegebenermaßen üble Geschichte um Dustin Johnsons Strafschläge am letzten Loch zu diskutieren, bis auf zwei noble Ausnahmen: Sports Illustrated-Reporter Alan Shipnuck rief per Twitter: »Hey, wie wäre es mal mit ein bisschen Liebe für Kaymer?« Und ein bekannter US-Golflehrer analysierte das Erfolgsgeheimnis des Deutschen: Sein Sieg hätte im Wesentlichen mit seinen Pitches zu tun gehabt: Er sei im Gegensatz zu vielen andern Spitzengolfern in der Lage, mit einem »early release« die Flughöhe seiner Bälle zu bestimmen. »Early release« gilt eigentlich als Fehler und heißt auf deutsch – Löffeln. Aber dieses »early release« hätte Kaymer mehr Möglichkeiten rund um die Grüns gegeben. Toll: Da kämpfe ich ein Jahrzehnt lang dagegen an, und jetzt kann man mit meinem Fehler plötzlich die PGA Championship gewinnen und die Nummer fünf der Welt werden.

Egal, ich bleibe bei meiner Winkel-Halten-Strategie. Warum ich damit keine Runden oder gar Turniere spiele, fragen Sie? Na, das ist doch klar: Ich will mir meine rosarote Golfwelt nicht durch schnödes Zählspiel zerstören lassen.