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Auf dem Weg zur 0

Maiwalds Mission - Folge 45

Unser Autor vernichtet seinen Computer und – beinahe – seinen Ruf als Golfexperte

 

Von Stefan Maiwald.

 

Es war alles angerichtet für einen perfekten Abend. Die Frau und die Kinder vergnügten sich im Zirkus, denn der Zirkusdirektor ist ein alter Schulfreund von Laura, und so kamen meine Damen in den Genuss der ersten Reihe und wurden auch immer wieder in die Manege geholt, um den Seerobben Bälle zuzuwerfen oder mit den Clowns herumzualbern. Ja, in der Tat, es gibt Menschen, denen so etwas Spaß macht. Für mich ist der Zirkus eine Art Vorhölle, und dafür, dass meine Frau mir ausgerechnet jenen Zirkus-Abend frei gab, war ich ihr sehr dankbar.

 

Denn an jenem Abend – letzten Donnerstag – begann die PGA Championship, das letzte Major-Turnier des Jahres, und ich freute mich auf diesen ebenso großartigen wie größenwahnsinnigen Platz Whistling Straits sowie auf Kommentator Mario Camicia, dessen Stimme im italienischen Sky vom jahrelangen Gebrauch hochprozentiger Alkoholika so vertraut-gemütlich klingt wie knisterndes Kaminfeuer. Mein Laptop stand bei mir, damit ich in Werbepausen im Netz nach neuen Schwungtipps Ausschau halten können würde.

 

Und dann betrat Tiger Woods Tee 1. Ich habe in jenem Jahr zu Golfen angefangen, als Tiger sein erstes Masters gewann. Ich kann mir also eine Golfwelt ohne ihn gar nicht vorstellen. Was würden wir diesmal von ihm sehen? Würde er nach seiner verheerenden Vorstellung bei der Bridgestone Invitational (Vorletzter) diesmal wenigstens den Cut schaffen? Ich lehnte mich entspannt zurück, und als er mit einem Birdie begann, verschluckte ich mich am Bier. Als er an Bahn 2 sein zweites Birdie spielte, brach mir kalter Schweiß aus und rieselte langsam die Rückgratrinne herab. Denn just an jenem Donnerstag war das neue “Golf Journal” erschienen, in welchem ich einen wortreichen Abgesang auf Tiger Woods angestimmt hatte. Würde Tiger ausgerechnet jetzt zu alter Souveränität zurückfinden, die Konkurrenz einstampfen und mich als kompletten Trottel dastehen lassen?

 

Ich war Zeit meines Golferlebens Tiger-Fan, und ich finde es zwar ziemlich mau, was er da mit all diesen Kellnerinnen und Türsteherinnen getrieben hat, aber so richtig interessiert hat es mich nicht, da ich schon zwischen harmlosem Fan-Tum und hemmungsloser Idolisierung unterscheiden kann – eine Unterscheidung, die gerade in den USA vielen sehr schwer fällt. Kurz: Tiger muss nicht der beste Mensch der Welt sein, damit ich uneingeschränkt seine Fähigkeit bewundern kann, den Ball mit einem Eisen 6 180 Meter weit kniehoch mit Rechts-Links-Kurve um einen Baum zu wickeln.

 

Doch an jenem Donnerstag, das war ich meinem Ruf schuldig, musste ich einfach konsequent gegen ihn halten. Das ist kein feiner Charakterzug, aber als endlich das erste Bogey auf der Karte stand, ballte ich zumindest innerlich die Faust.

 

Und natürlich bestraft der Liebe Gott (oder war es Tiger selbst?) so einen eklatanten Verstoß gegen die Etikette des Gentleman-Spiels. Es war inzwischen 00:03 Uhr (Freitag, der 13., wie Sie sich vielleicht erinnern), und als ich mir ein neues Bier aus dem Kühlschrank holen wollte, rutschte mir der Laptop, in dem ich gerade etwas über die Rolle des linken Handgelenks im Schwung nachgelesen hatte, vom Schoß und schlug ungebremst auf den Parkettboden auf.

 

Unser Parkett ist hart im Nehmen – selbst ein fett getroffenes Sand-Wedge macht nur einen winzigen Kratzer, den ich vor Laura mit “möchte bloß mal wissen, wo der herkommt” kommentierte. Ein Computer ist nicht so hart im Nehmen. Er ließ sich nicht mehr anstellen, und dieser Text entstand auf dem Computer meiner Frau. Ob die Festplatte (und damit etwa dreihundert mittelmäßige Schwünge von mir) für immer verloren ist, stellt sich erst diese Woche raus. Wahrscheinlich ist aber nur der Monitor hin. Mit 400 Euro bin ich in jedem Fall dabei, was ziemlich genau ein Hundertstel des Preisgeldes ist, das Tiger für seinen 28. Platz kassierte. Somit habe ich eines gelernt: Ich werde mich nie wieder mit ihm anlegen.