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Auf dem Weg zur 0

Maiwalds Mission - Folge 42

Unser Autor verzweifelt an seinem Handgelenk und träumt von Bikinimodels in der Karibik

Von Stefan Maiwald.


Ich hörte im Autoradio, dass mich 15 Kilometer Stau auf der A93 erwarteten. Großartig, dachte ich – und bog ab zum nächsten Golfplatz.

Ja, ich freue mich inzwischen über LKW-Unfälle und Totalsperrungen, weil ich immer effektivere Strategien entwickle, Golf in jede freie Minute meines Lebens zu pressen. Von Grado nach München kommend, kann ich aus zwei Strecken wählen (Tauernautobahn oder Felbertauernstrecke), und an beiden weiß ich genau, wann und wo ich abfahren muss – nicht, um Staus zu vermeiden, sondern vor allem, um die nächstgelegene Driving-Range zu erreichen.

Ich zähle die Zeit auch nicht mehr in Stunden, sondern in Balleimern. Nach fünf Eimern also, die ich im Golfclub Ellmau Wilder Kaiser verbracht hatte, war der Stau eine Sache der Vergangenheit geworden. Ich fuhr Richtung München. Es war inzwischen Abend geworden. Ins Büro, wo man mich dringend erwartet hatte, brauchte ich nicht mehr zu kommen, das war längst verwaist. Kurz vor München riss ich daher noch einmal das Lenkrad herum und beschloss den Abend mit zwei weiteren Eimern auf einer Range mit Bergblick.
 
Ich verzweifle nämlich gerade an einer winzigen Sache. Es ist eigentlich nichts Wichtiges, aber dennoch… Vielleicht kennen Sie die Szene aus dem Film »American Beauty«, als der Hauptdarsteller, ein frustrierter Familienvater, beschließt, etwas für seinen Körper zu tun. Also schließt er sich dem joggenden schwulen Pärchen an, das neben ihm wohnt. »Wollen Sie denn Fett abbauen oder Muskeln aufbauen?«, fragt ihn der eine. Die Antwort: »Äh… Ich will nackt gut aussehen.« So ist es auch bei mir, nicht mit der Nacktheit, sondern mit meinem Schwung: Ich will, dass er gut aussieht.

Und ich habe eine technische Schwäche, die ihn nicht gut aussehen lässt. Es wird jetzt wirklich sehr detailliert – aber wir sind hier ja unter Golfverrückten. Also, ich bin natürlich auch dem Geheimnis des späten Schlagens auf der Spur. Die Hände sollen im Treffmoment so weit wie möglich vor dem Ball sein. Genau im Treffmoment geht es noch einigermaßen, aber sofort danach kollabiert mein linkes Handgelenk, und der Schläger überrollt auf sehr unschöne Weise. Bei Tour-Pros bilden linker Arm und Schläger noch lange nach dem Impact eine gerade Linie. Bei mir will sich der Schlägerkopf schon sofort nach dem Ballkontakt um meinen Nacken wickeln. Und ich bilde mir ein, dass, wenn ich das linke Handgelenk noch ein wenig länger Richtung Ziel gebeugt halte, ich dem ganz großen, dem letzten, dem einzigen Geheimnis auf die Spur gekommen bin.

Leider ist das nicht einfach, trotz Buchstudium, Internet-Recherchen, Tipps in Golfforen und allerlei Hilfsmittelchen. Vielleicht spielt es auch für die Qualität meines Spiels insgesamt keine Rolle, da im Treffmoment ja alles okay ist. Marco Schmuck antwortete mir nach einem für meine Maßstäbe gelungenen Schlag auf die Frage »War ich jetzt endlich spät?« »Nein, aber immerhin pünktlich.«

Mein Schwung soll die Ästhetik eines Bikinimodels an einem abendlichen Karibikstrand kurz vor Sonnenuntergang ausstrahlen. Noch strahlt die Bewegung eher die Ästhetik eines Mallorca-Urlaubers aus, der sich zwar vom Ballermann fernhält, aber auch ganz gern mal sturztrunken auf dem Liegestuhl einschläft. Ich bleibe dran.