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Auf dem Weg zur 0

Maiwalds Mission - Folge 41

Unser Autor schöpft Hoffnung. Er spielt mit gefühlt gebrochener Halswirbelsäule die beste Runde seines Lebens

Von Stefan Maiwald.

 

Es schmerzt ein wenig, wenn mich wildfremde Golflehrer auf der Range fragen: »Na, hast du dein Ziel Handicap 0 aufgegeben?« Und damit meine ich nicht das Duzen. Es schmerzt vor allem deshalb, weil ich mir die Frage insgeheim auch schon sehr oft selbst gestellt habe, zumindest in den letzten Wochen. Und, ja, ich dachte, es geht einfacher. Aber von 3 auf 0 zu kommen ist eben nicht so wie von 36 auf 33. Mit einem limitierten Zeitbudget und nur durchschnittlicher Begabung ist das Ziel nicht nur nicht leicht, sondern möglicherweise auch unmöglich. Vielleicht bin ich schon an meiner Grenze angelangt, die mir Talent, Alter, Muskeln und Großhirnrinde umrissen haben. Oder?

 

Dennoch gibt es Hoffnung: Auf der Reise mit GJ-Lesern nach Schottland spielte ich im Juni zwischen 74 und 79 Schlägen, was zwar noch weit von der 0 entfernt ist, aber die Bedingungen waren oft auch heftig, und auf einige Runden war ich wirklich stolz. In Crail, dem siebtältesten Golfplatz der Welt, spielte ich an meinem freien Tag im strömenden Regen sogar eine 67, eine Par-Runde.  

 

Golf ist eine grausame Gefährtin. Zeigt einem die kalte Schulter, und wenn man schon auf dem besten Weg ist, sich zu entlieben und eine neue Affäre einzugehen (Darts?), lockt sie einen doch wieder mit Tricks und raffinierter Verführung in ihr Bett, beispielsweise am letzten Mittwoch, als ich auf eine vorgabewirksame Runde ging. Meine Erwartungen waren im Kellergeschoss, denn erst ein paar Tage zuvor hatte ich ja, wie in der letzten Kolumne geschildert, Alpträume mit meinem Putter erlebt, der mangels Alternative (ich habe ja nur 40 Modelle zur Auswahl) weiterhin in der Tasche blieb. Ich traf den Ball gut und puttete vernünftig, entdeckte auf der 15 plötzlich, wie ich lag, und hörte mit zwar weichen Knien, aber überraschend solide mit Par, Birdie und Par auf. Am Ende war es eine 70, zwei unter Par.

 

Ja, es waren perfekte Bedingungen. Ja, es herrschte kein Wind. Ja, es war ein Micky-Maus-Turnier ohne größere Bedeutung. Und es war mein Heimatplatz. Aber es war meine persönliche Bestleistung. Und ich sollte mir diesen Erfolg nicht schon wieder selbst kleinreden. Louis Oosthuizen (Schreibweise per Google gecheckt) hat ja auch in seiner Dankesrede in St. Andrews nicht gesagt: »Naja, ich hatte wahnsinniges Schwein mit dem Wetter und dass Tiger und Phil gerade außer Form sind. Sonst hätte ich wohl gerade so den Cut überstanden.« Ein neues Handicap gibt es auch: Jetzt steht die 2 vor dem Komma.

 

Nun aber kommt das Absurde. Am Tag zuvor hatte ich mir im Fitnessstudio den Nacken so sehr gezerrt, dass ich weder sitzen noch liegen konnte. Der Golfschwung aber funktionierte tadellos. Mein Körper ist schon so deformiert, dass der Schwung der Naturzustand zu sein scheint und alles andere (im Bett liegen oder am Schreibtisch sitzen etwa) eine ungewöhnliche, im Muskelgedächtnis nicht mehr vorhergesehene Anstrengung. Als ich meiner Frau den Vorschlag unterbreitete, das Ende der Schmerzen golfspielend abzuwarten, erntete ich einen Blick, der nicht nach Zustimmung aussah.

 

Es wird noch absurder: Am Tag nach meiner Fabelrunde (na ja) war ich bei einer Physiotherapeutin, weil Schlaf immer noch unmöglich war. Aber das war insofern nett, als ich lange wach bleiben und über meine 70 nachdenken konnte. Sie (die Physiotherapeutin, nicht die 70) begann also, meinen Nacken zu kneten, und hielt dann inne. »Meine Güte«, fragte sie, »hatten Sie einen Autounfall?« So heftig war die Verspannung. Und so geschmeidig hatte ich damit Golf spielen können. Vielleicht ist das ein Trend. Wenn in ein paar Jahren die Arthrose zuschlägt, weil ich allzu intensive Schwungübungen im Wohnzimmer gemacht habe, deren Erschütterungen durch zu viel Boden (Parkett) wahrscheinlich sämtliche Wirbel perforiert haben, dann geht es in der Nacht nicht mehr ohne hochdosierte Schmerzmittel, aber dafür steht die Null im DGV-Ausweis.