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Auf dem Weg zur 0

Maiwalds Mission - Folge 23

Unser Autor glaubt an die Kraft des geschriebenen Wortes

Von Stefan Maiwald

 

Die Freuden von Golf im Fernsehen: Man macht sich noch verrückter als ohnehin schon. Beispiel Waste Management Phoenix Open von diesem Wochenende. Der Kommentator sagt unvermittelt, Brandt Snedeker sei schon seit Jahren der beste Putter auf der PGA Tour. Und ich entdecke mich, wie ich eine Sekunde später im Internet recherchiere, welches Modell Snedeker benutzt. (Es ist ein alter Odyssey »White Hot XG Rossie«.) Und als ich den Sessel noch näher an den Bildschirm schiebe, entdecke ich, dass Snedeker doch tatsächlich aus den Handgelenken puttet. Als ich in der Folge ein paar andere Pros anschaue, sehe ich es ganz deutlich: Das linke Handgelenk knickt im Durchschwung ein. Bei praktisch allen von ihnen. Was haben uns all die Golflehrer und Lehrbücher bloß weismachen wollen? Mir wurde plötzlich ganz schwarz vor Augen – würde ich gleich in Ohnmacht fallen, aus Entsetzen darüber, Jahre meines Lebens mit dem blöden Pendeln der Schultern verbracht zu haben? Nein, meine Frau hatte nur den Fernseher ausgeschaltet, weil sie um mein Augenlicht fürchtete.

Egal, wie falsch eine Bewegung ist: Wenn man ein Leben lang trainiert, kann man auch damit sehr gut werden. Das sagt der amerikanische Equipment-Experte Frank Thomas und meint damit: Natürlich können Tour-Professionals, die seit ihrem sechsten Lebensjahr vier Stunden täglich auf dem Putting-Grün zugebracht haben, mit ihren Händen machen, was sie wollen. Doch Sie und ich, die wir Golf nur als Hobby betreiben und allenfalls vier Stunden pro Saison auf dem Putting-Grün üben, wir sollten den einfachstmöglichen Weg ins Loch – oder zumindest in die ungefähre Richtung des Lochs – wählen. Für uns heißt es: dröges Aus-den-Schultern-pendeln statt cooles Ins-Loch-schubsen. Es ist wahrscheinlich so: Tour-Pros könnten beim Putten auch Lambada tanzen und würden uns alle immer noch nass machen.

Der Satz mit dem »Golf nur als Hobby«: Der ist natürlich Quatsch. Ich wünschte, ich könnte Golf als Hobby auffassen und nicht als geistiges Hochsicherheitsgefängnis, aus dem es keinen Ausbruch gibt. Ich wünschte, ich könnte wie beim Modellflugzeugbauen den Bastelkeller betreten und ihn auch wieder verlassen – Tür zu und Schluss, weiter im Text, weiter im Leben. Doch Golf begleitet mich 24 Stunden, lässt mich weder beim Einschlafen noch beim Frühstücken los, und von meinen sehr seltsamen Golfträumen will ich gar nicht erst anfangen. 

Der seltsamste meiner Golfträume ist natürlich immer noch der, einmal Handicap 0 zu erreichen, und zu diesem Zweck braucht es systematisches Training. Trainingspläne entwerfen – das macht mir fast mehr Spaß als das Trainieren selbst. Trainingspläne sind wie Zukunftspläne. Einmal will ich einen Lotus Esprit Baujahr 1977 fahren, ein Haus am Meer haben, Risotto zubereitenund beim Anruf einer Telefonmarketingagentur souverän »Nein, keinen Bedarf« sagen können. So in der Art. Bei den Trainingsplänen liest sich das so: Einmal will ich bei mindestens jedem zweiten Versuch aus dem Bunker das Par retten. Ich will zehn von 14 Fairways treffen. Ich will niemals mehr als 32 Putts brauchen. Und um das zu verwirklichen, entwerfe ich detaillierte Listen, die etwa so beginnen:

- zehn Putts, zwei Meter, Links-Rechts-Break
- zehn Putts, zwei Meter, Rechts-Links-Break
- zehn Putts, zwölf Meter, nie weiter als 90 cm entfernt vom Loch

…und so weiter. Seitenlang und ausgesprochen langweilig. Trainingspläne sind wie die Zeitschrift »Fit for Fun«: ein Sportersatz für Leute, die keine Zeit zum Sport haben, aber hoffen, durch bloßes Ansehen der Übungen schlanker zu werden. So geht es mir, wenn ich meine Trainingspläne sehe: Durch bloßes Aufschreiben hoffe ich, mehr Putts zu versenken. Ob mit oder ohne Handgelenkseinsatz. Jetzt aber Schluss, ich muss im Internet schauen, ob gerade jemand einen Odyssey »White Hot XG Rossie« loswerden will.